Ich möchte kurz erläutern, wie das Expertengremium der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina 2016 zur Zukunft des Gesundheitswesens stand. Es lassen sich daraus auch Rückschlüsse auf die gegenwärtigen Empfehlungen der Wissenschaftler ziehen, wenn man sich den neoliberalen Standpunkt der Einrichtung von vor vier Jahren einmal vor Augen führt.
2016 schlugen die Wissenschaftler vor, die Krankenhauszahl und die Krankenhausbetten in Deutschland drastisch zu reduzieren, weil die meisten Kliniken in der Unterhaltung viel zu teuer seien. Statt 1600 Kliniken bräuchte man in Deutschland heute bloß noch 330 Großkliniken. In diesen könne man dann das Personal zusammenziehen, so mit gebündelten Kräften arbeiten und auch alle Spezialisten konzentrieren. Vor allem in den Ballungszentren sollte die Zahl der Kliniken drastisch dem ökonomischen Kosten-Nutzen-Plan entsprechend verringert werden. Vorbild dafür sei das dänische Modell. Es solle, so die Wissenschaftler, in Zukunft auch in Deutschland zu einem grundlegenden Strukturwandel des Gesundheitswesens kommen. Die seit 1991 bereits um ein Viertel gesunkene Zahl der deutschen Klinikbetten sei laut Bericht immer noch nicht genug an Reduzierung, um Krankenhäuser rentabel zu führen. Die Wissenschaftler führen weiter aus, dass man auf die vielen schlecht ausgerüsteten Kliniken besser verzichten solle, weil sie auch keine ordentliche Gesundheitsversorgung gewährleisten. Die Kliniken würden für viele Patienten sogar eine Gefahr bergen, weil z.B. Schlaganfallpatienten in Krankenhäuser eingeliefert würden, die keinerlei Spezialisierung auf dem Gebiet aufweisen würden und denen auch entsprechende Geräte fehlen würden. Leben zu retten, indem man die ganzen schlechten Einrichtungen schließt, klingt zunächst nach einem hehren Vorschlag. Er wirft ja aber sofort die Frage auf, warum man ’schlechte Kliniken‘ nicht einfach besser ausrüsten und sich dadurch insgesamt im Gesundheitssystem (wieder) breiter aufstellen möchte? Weshalb sollen die Wege in lebensrettende Kliniken also generell durch eine Ausdünnung erweitert werden? Zudem sollte man sich selbstverständlich auch fragen, wie es denn überhaupt erst so weit kommen konnte, dass Kliniken derart hinter anderen herhinken, dass es für Patienten sogar gefährlich wird, würden sie dort eingeliefert? Und: Kann man diese Aussage zum Zustand der Krankenhäuser überhaupt so pauschalisieren oder ist das bloß die geschickte Konstruktion eines Zirkels, um die eigenen Zwecke des geplanten Strukturwandels im Gesundheitswesen zu verfolgen?
Was mit der Corona-Pandemie – und nicht nur mit dem Blick nach Italien – deutlich wird, ist, dass ein rein ökonomisch geführtes Gesundheitssystem eine große Gefahr für hilfsbedürftige Menschen darstellt. Niemand möchte jener Mensch sein, für den es, nur weil die Fälle zu Pandemiezeiten den wohlfeilen Kosten-Nutzen-Plan übersteigen, bei Bedarf in einer durchrationalisierten Gesundheitsversorgung keinen Platz und/oder nicht mehr genügend Ressourcen gibt. Mit gegenübergestellten Zahlen von möglicher Überlastung gegen mögliche Entlastung der Wirtschaft experimentieren die Experten auf dem Weg zur Öffnung aber jetzt. Letztendlich experimentieren sie mit der Gesundheit der Menschen, nicht mit blanken Zahlen. Wenn zuerst Grundschüler wieder beschult oder eventuell Kitas wieder geöffnet werden sollen, bedeutet dies, dass man deren Eltern wieder arbeitsfähig machen möchte. Dahinter steht ein Modell, das eben auch nur nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung verfährt: für die Wirtschaft, nicht für die vielen Menschen in den Risikogruppen, denen auch viele Eltern und Großeltern der Kinder angehören. Deshalb ist bei der Stellungnahme der Leopoldina zur Öffnung Kritik geboten. Wenn man den sehr wirtschaftsfreundlichen Kurs der Experten von 2016 bei der aktuellen Stellungnahme bedenkt und was dieser Kurs von damals in der jetzigen Zeit bedeuten würde, sollte man vorsichtig werden und die Dinge hinterfragen.
Ich habe Euch hier noch einen entsprechenden Link zur Studie von 2016 eingefügt:

von Bengt E. Bethmann

 

Einleitendes

Inzwischen fällt es auch ‚Normalverdienern’ in Deutschland schwer, Wohnraum zu mieten. Besonders die hippen, urbanen Zentren der Republik verzeichnen enorme Mietpreisanstiege. In drei beliebten Berliner Stadtteilen haben sich die Mieten in zehn Jahren sogar verdoppelt.[1] Laut Statistik muss ein Durchschnittsverdienender heute schon rund ein Drittel seines gesamten Einkommens für die Miete seines Wohnraums ausgeben; Tendenz steigend. Selbst Interessenvertreter des Kapitals schlagen inzwischen Alarm, weil sich die steigenden Mieten negativ auf die Entwicklung der Wirtschaft auswirken. Die Effektivität der Arbeiter für Staat und Kapital, die für den ‚Produktionsstandort Deutschland’ arbeiten, leide demnach aufgrund der momentan angespannten Lage am Immobilienmarkt. Der ‚Jobboom’ sei gefährdet, und Jobs, die nur ein kleines Gehalt versprechen, seien, weil man mit ihnen keine Miete mehr covern kann, am Verschwinden. Frits Scholte, Geschäftsführer des Personaldienstleisters Manpower Group Deutschland, sagt: „Die Personalnachfrage stagniert oder ist sogar rückläufig, aus diesem Grund.“[2]

Die Politik versucht, auf die Entwicklung reagieren. Die SPD wirbt inzwischen mit dem Slogan: „Wohnen bezahlbar (…) machen.“[3] Das in Zukunft zu realisieren dürfte schwierig werden. In einer vielschichtig verketteten kapitalistischen Volkswirtschaft liegt das Problem tief in ihrer Struktur. Man muss dafür mehr als nur an einigen Stellschrauben drehen. Mieten und Immobilienpreise können in einer sich schnell verändernden Welt nur mit Negativfolgen für andere Bereiche eingefroren werden. Momentan boomt das Geschäft mit dem Wohnraum aber vor allem deshalb, weil andere Branchen, in denen man Geld anlegen kann, gewinnmäßig stagnieren. Um Anleger anzuziehen bieten Banken gute Gewinnanlageoptionen in der Immobilienbranche über Niedrigzinsen an. Die vielen Privatanleger erhoffen sich mit dem Immobilienkauf langfristig abzusichern und ihrer drohenden Altersarmut vorzubeugen. Diese Einstellung zur Privatfürsorge durch Eigentum wird staatlich gefördert. Die ‚Privatfürsorgler’ sollen das inzwischen gewaltige Loch in der bundesdeutschen Rentenkasse helfen abzufedern.[4]

Selbstverständlich werden aber nicht nur Privatleute durch die attraktiven Niedrigzinsen in den Immobilienmarkt gezogen. Der Boom hat auch viele große Wohnungsgesellschaften, wie beispielsweise die Deutsche Wohnen oder Vonovia, entstehen lassen. Das Geschäft mit der Not der Wohnungssuchenden zieht börsennotierte Unternehmen an, die durch die Niedrigzinsen mit dem Immobilienkauf und der anschließenden (Massen-)Vermietung des Eigentums Geld verdienen möchten.

Doch trotzdem kann man nicht alleine auf die großen und kleinen Anleger in Wohnraum schauen und mit dem Finger auf sie zeigen, wenn man die Miet- und Preiserhöhungen von Wohnraum kritisiert. Zum einen sind sie nicht für die gesellschaftlichen Entwicklungen verantwortlich, die der Immobilienbranche zum Boom verholfen haben. Zum anderen spielt der Staat eine nicht unerhebliche Rolle bei der Steigerung der Werte der Immobilien. Er ermutigt die Bürger nicht nur zum Kauf, um sich damit als ‚Privatfürsorgler’ Eigentum an Wohnraum für die Rente zuzulegen. Der Staat verdient auch immer, und nicht gerade wenig, über die erhobene und die nach Konjunkturlage steigende, bzw. die Immobilien immer wieder neu bewertende, Grundsteuer kräftig mit. Selbst die anfallenden Notarkosten beim Übertrag des Eigentumstitels lassen sich in die staatlich vorgeschriebenen Ausgaben auf dem Immobilienmarkt einberechnen, weil der Staat die notarielle Beglaubigung bei der Eigentumsüberschrift erst verlangt. Staat, Kapital und vermögende Privatleute nutzen insofern gemeinsam den momentanen Bau-, Verkaufs- und Mietenboom durch die ökonomische Lage auf dem Weltmarkt aus.

Obwohl es die momentanen Konstellationen des kapitalistischen Marktes sind, die die problematischen Folgen für die Mieter mit sich bringen, liegt die Problematik woanders. Die hohen Mieten und Kaufpreise sind ein Phänomen in der bürgerlichen Gesellschaft, die das Privateigentum zur Basis ihrer Ökonomie erklärt hat. Das rücksichtslose Geschäft mit dem Wohnraum ist insofern kein neues Phänomen, das sich erst heute durch die schwindenden Anlageoptionen als ein umfassendes gesellschaftliches Problem zeigt. Seit der Konstitution der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft existiert das allgemeine, verfassungsmäßig verbriefte Recht auf (Privat-)Eigentum an Wohn- und Gewerbeimmobilien. Das Eigentum an einer Immobilie macht diese zur Exklusivität für ihre Eigentümer, die das ausschließende Recht zu ihren Gunsten anwenden können. Der Nationalstaat garantiert den Grundbesitzern beispielsweise, abgesichert durchs installierte demokratische Rechtssystem, einen exklusiven Mietzins auf etwas, das bis auf den notariellen Eintrag ins Grundbuch keinerlei Aufwand entschädigt. Mit der Exklusivität des Eigentums wird das Immobilieneigentum in der kapitalistischen Gesellschaft zur Ware.

Grund und Boden sind allerdings ziemlich ungewöhnliche immobile kapitalistische Waren, die sich im Sammelsurium der Warenwelt von den mobilen kapitalistischen Waren und Werten wesentlich abgrenzen lassen. Der Wert der ganz gewöhnlichen, mobilen Waren wird bei Marx im Kapital durch ein Drittes (tertium comparationis) bestimmt, das beide Waren einander vergleichen lässt. Nur, weil der Wert der Ware in diesem Dritten sein fundamentum in re hat, lassen sich die gesellschaftlich gebräuchlichen Dinge miteinander zu ihren Werten austauschen, ohne dass Willkür oder gar Betrug dabei eine Rolle spielen. Das vergleichbare Dritte der Wertbestimmung ist die gesellschaftlich notwendige menschliche Arbeitszeit, die in die nützlichen Dinge zu ihrer Herstellung jeweils durchschnittlich eingeflossen ist. Es gilt also ein quantitativer allgemeiner Standard bei der Herstellung der Waren, ein gesellschaftlicher Durchschnitt, der immer Modell für den Wert der gewöhnlichen Waren steht. In der Wertbestimmung der Waren steckt allerdings ein gesellschaftliches Herrschaftsmoment, das den gesellschaftlichen Reichtum trotz des Äquivalententauschs generiert. So enthält der quantitative Wert, zu dem die Dinge als Waren auf dem kapitalistischen Markt getauscht werden, immer schon einen ihm immanenten Mehrwert. Dieser Mehrwert repräsentiert den Anteil der Arbeitszeit des Lohnarbeiters, die über seine notwendige Arbeitszeit zu seiner eigenen Reproduktion hinausgeht. Es handelt sich bei der Mehrarbeit an den Wertprodukten nicht (nur) um Überstunden des Arbeiters, also nicht (nur) um Arbeitszeit, die über die vertraglich vereinbarten Stunden hinaus geht, sondern um eine schon den vertraglichen Rahmenbedingungen immer immanente Mehrarbeit. Diese Mehrarbeit ist überhaupt erst für den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaften verantwortlich (und ist nicht mit dem Reichtum Einzelner zu verwechseln!). Der hinzugefügte Mehrwert ist deshalb auch nicht Resultat des Fleißes der Arbeiter, sondern er ist durch die vertraglich festgelegten Arbeitszeiten implizit einkalkuliert. Die Gewinnung des Mehrwerts ist insofern auch kein juristisch zu ahndender Betrug der Kapitalisten am ‚Arbeitnehmer’. Die Mehrarbeit ist und bleibt ein ganz legaler und gegenständlicher Zwang, der mit den Arbeitsverträgen durchgesetzt wird, denn: „Kein Kapitalist, der bei Sinnen ist, würde Arbeitskräfte bezahlen, wenn er nicht von ihrer Anwendung in der Produktion Gewinn sich verspräche, denn ohne solchen Gewinn würden sie sein Kapital aufzehren und ihn in den Konkurs treiben.“[5] So werden Eigentum Ware Arbeitskraft gegen Eigentum Lohn als Tauschäquivalent des Eigentümers an Produktionsmitteln getauscht – und der Lohnarbeiter zur Produktion von Mehrwert um seiner Reproduktion willen genötigt.

Doch was macht den Unterschied in der Wertbestimmung von immobilen und mobilen Waren aus? Das Marxsche Modell der Preis- bzw. Wertbestimmung gilt zu weiten Teilen auch für die immobile Ware: die gewerbliche Errichtung des Wohn- oder Industrieraums, d.h. der von den Arbeitern erpresste Mehrwert bei der Bebauung der Grundstücke, sowie die Betriebskosten (Instandhaltung der Immobilie, Wasser, Strom, Gas) dieser Immobilien sind im Preis/Wert des Wohn- oder Industrieraums inbegriffen. Der Ware Wohnraum kommt aber trotzdem eine gewisse Eigenheit zu, die über die bekannte Wertbestimmung der Ware im Kapital hinaus geht. Der ursprünglich frei verfügbare Boden, auf dem die Immobilie errichtet wurde, hat bereits oder bekommt fortan einen Preis, dem allerdings nicht eine quantitative Wertbestimmung korrespondiert. Grund und Boden sind nicht durch eine allgemein menschliche Arbeit am Gegenstand entstanden. So bekommen Grund und Boden Qualität, ohne dass wertbildende Quantität je in diese einging. Durch diese Abwendung von der abstrakt als Grundlage der Wertbestimmung geltenden menschlichen Arbeit verlässt man die Marxsche Werttheorie bei der Bodenbewertung.

Der Bodenpreis ist somit ein reines Politikum. Deswegen tut sich die bürgerliche Philosophie mit der Rechtfertigung der willkürlichen Bodenverteilung nach den Bodenreformen schwer. Denn die entscheidende Frage, warum denn der Boden in der bürgerlichen Gesellschaft nicht frei verfügbar, sondern zum (Privat-)Eigentum mit Ausschließungsklausel für andere wird, lässt sich aus der Immanenz der bürgerlichen Gesetze, aus Eigentum, Recht und Freiheit, nicht erklären. Marx zeigt in dem Abschnitt über die ursprüngliche Akkumulation auf, dass man sich den Grund und Boden über einen kurzen Zeitraum in der Geschichte willkürlich, mit Gewalt aneignen konnte.[6] Das wiederum reflektieren bürgerliche Philosophen nicht. Ihre Rechtfertigungen des bürgerlichen Privateigentums an Grund und Boden werden zu Apologien der gesellschaftlichen Herrschaft und der aneignenden historischen Gewalt. Der liberale Vordenker John Locke liefert dafür den besten Beweis. Alle seinem Beispiel folgenden liberalen Theorien sind Variationen seines liberalistischen Denkens. Locke verteidigt die gewaltsame Aneignung des Bodens durch Wenige im Zuge der bürgerliche Revolution und ihren Bodenreformen. Für seine Verteidigung der Expropriation stellt er die Verteilung von nutzbarem Boden, der zum exklusiven Privateigentum wird, als einen intersubjektiven Konsens in der Gesellschaft dar, als „by compact and agreement“[7] vonstatten gehendes historisches Ereignis.

Nicht nur stellt Locke damit die Geschichte der Bodenreformen falsch dar, er übersieht auch die Wichtigkeit der Bodenfrage für die zu seiner Zeit im Entstehen begriffene kapitalistische Produktionsweise. Der Boden hat für Locke noch keinen oder nur geringen Wert. Zudem habe derjenige, der den Boden mit seinen eigenen Händen bearbeite, auch immer ein entsprechendes Eigentumsrecht daran. Dadurch stellt Locke die kapitalistische Wirtschaftsform und die damit einhergehenden Eigentumsrechte noch naiv inadäquat dar. Seiner Logik zufolge müssten alle Arbeiter post festum ein Eigentumsrecht an den Gegenständen haben, auch wenn sie diese gegen ein entsprechendes Lohnentgelt für andere, die Eigentümer an Produktionsmitteln, hergestellt haben. Das ist und war selbstverständlich schon zu Lockes Zeiten nicht der Fall. Das konkrete Eigentum, das die Arbeiter aus dem Produktionsprozess mitnehmen, ist zum einen ihre Ware Arbeitskraft, zum anderen die allgemeinste Ware Geld durch ihre Entlohnung. Nun sind selbst die Eigentümer an Produktionsmitteln auch nicht immer gleich die Eigentümer des Grund und Bodens, auf dem sie ihre Produktionsmittel von Lohnarbeitern anwenden lassen. Auch sie werden es – wider Locke – nicht, ganz gleich, wie viel Produktion sie auf dem vom Grundeigentümer gepachteten Boden stattfinden lassen. Kants Theorie über den Boden ist – vielleicht der seit Lockes Theorie vergangenen Zeit und des Fortschritts des Kapitalismus geschuldet – etwas erhellender. Aber auch Kants Philosophie bleibt ideologisch, weil sie die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse nicht in ihrer ökonomischen Substanz begreift.[8] Der Boden in der kapitalistischen Gesellschaft ist und bleibt jedoch das „ursprüngliche Produktionsmittel“[9]. Mittels der liberalen Gesetzgebung des sie ordnenden bürgerlichen Staats wird das ursprüngliche Produktionsmittel in der kapitalistischen Produktionsweise als ein exklusives Eigentum von jemandem und für jemanden abgesichert. Das durch den Staat geschützte Gesetz des Eigentums liefert damit die Grundlage bzw. die Begründung für eine kapitalistische Nutzung des exklusiv für Wenige gewordenen Bodens. Grund und Boden sind deshalb in ihrer Bedeutung für Nationalstaat und Kapital nicht zu unterschätzen.

Der kurzen Geschichte der kapitalistischen Bodenreformen und den willkürlichen Aneignungen räumt man in heutigen Diskussionen übers Bauen, Wohnen und der Problematik der Mietpreisexplosion keine entscheidende Rolle mehr ein. Die damalige Expropriation der Masse zu Beginn des kapitalistischen Zeitalters wird als gegeben hingenommen und die die Masse ausschließende Exklusivität des Bodens als Problem kaum noch wahrgenommen. Das aber ist ein Versäumnis. Das Wohnen wird aktuell auch deshalb immer teurer, weil der Boden in der kapitalistischen Gesellschaftsform nach wie vor (Privat-)Eigentum ist und dem Grundeigentümer rechtlich als eine exklusive Einnahmequelle garantiert wird. Die Willkür der bodenreformerischen Zuschreibung von Grund und Boden von damals wird heute gegen die Willkür einer gesellschaftlichen Übernahme und Organisation von Eigentum abgesichert. Dafür dient das verfassungsmäßig garantierte Eigentumsgesetz, dass die Exklusivität von Grund und Boden als Eigentumstitel garantiert. In diesem Text wird deshalb insbesondere die traditionelle Rechtsgrundlage einer kapitalistisch organisierten Naturbeherrschung in den Vordergrund gerückt.

 

  1. Zur Gewährleistung vom Eigentum an Grund und Boden als Grundrecht

Jeder kapitalistische Nationalstaat stellt sicher, dass seine Bürger mit der ihnen juristisch zugeschriebenen Erdober- und gegebenenfalls auch unterfläche Geld verdienen. Eine der wesentlichsten Aufgaben des Staates besteht darin, die Eigentumstitel an die Grundeigentümer zu vergeben. Ohne diese offizielle Lizensierung könnten die Eigentümer gar keine exklusiven Geschäfte zu ihren Gunsten machen. Der große Vorteil der staatlichen Lizensierung der Grundeigentümer als Eigentümer ist, dass sie mittels des rechtlich ihnen zugesicherten Eigentumstitels mit ihrer nie durch menschliche Arbeit produzierten Nutzungsfläche Geld verdienen dürfen. Sie bekommen dadurch das Recht, andere von der Nutzung ihres Eigentums und damit von existentiellen Reichtumsquellen auszuschließen. Die Grundeigentümer bekommen so als Klasse ihre willkürliche Eroberung aus den Zeiten der Bodenreformen vom Staat als ihr Eigentum rechtlich abgesichert: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“[10] So ist das Eigentum der tradierte Faustpfand der gesellschaftlichen Gewinner; und die gesellschaftlichen Aufstiege von Bürgern zu Grundeigentümern bleiben post festum relativ überschaubar. Großgrundbesitzer, Junker und Kirchen konnten historisch ihren rechtlich durch den Staat abgesicherten Boden vergolden.

Das Gewährleistung des (Privat-)Eigentums ist in der bürgerlichen Gesellschaft also ein grundgesetzlich gesichertes Recht. Hinter der von der bürgerlichen Rechtsprechung aufgebauten Kulisse des Schutzes von Besitzständen versteckt sich jedoch die eigentliche Intention des ausschließenden Eigentumsrechts. Der oben zitierte Artikel 14 des deutschen GG beschreibt das zentrale, juristisch über den Eigentumstitel abgesicherte Gewalt- und Herrschaftsverhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft. So dient dem erklärten Eigentümer des Immobilen der notarielle Grundbucheintrag zunächst als eine recht sichere Einkommensquelle in der bürgerlichen Gesellschaft, weil die Menschen immer auf Grund und Boden zurückgreifen müssen, um sich reproduzieren zu können. Der beglaubigte Grundbucheintrag spricht dem Grundeigentümer also eine staatlich garantierte Verfügungsmacht über einen Teil des nationalen Grund und Bodens zu. Über diesen Teil des Bodens darf ausschließlich er allein verfügen. So kann, darf und wird der Eigentümer seine Immobilie gegen ein entsprechendes Entgelt anderen zur wirtschaftlichen oder wohnlichen Nutzung zur Verfügung stellen. Viel mehr als das ausschließende Recht zeitweilig gegen eine entsprechende Bezahlung abzugeben, macht der Grundeigentümer nicht. Das Reichtum der Grundeigentümer basiert insofern auf dem ihnen rechtlich durch den Nationalstaat garantierten Ausschlusskriterium anderer von fremdem, in dem Fall seinem, Eigentum.

Der Preis für das Nutzungsrecht des Immobilen, den die Nutzer den Eigentümern zahlen müssen, ist deshalb eine Tributzahlung. Die ökonomischen Verlierer der kapitalistischen Bodenreformen stehen nachhaltig in der Schuld der historischen Sieger. Marx beschreibt dieses in der kapitalistischen Gesellschaft zentrale Verfügungsverhältnis im dritten Band des Kapitals: „Ein Teil der Gesellschaft verlangt hier von den anderen einen Tribut für das Recht, die Erde bewohnen zu dürfen, wie überhaupt im Grundeigentum das Recht der Eigentümer eingeschlossen ist, den Erdkörper, die Eingeweide der Erde, die Luft und damit die Erhaltung und Entwicklung des Lebens zu exploitieren.“[11]

Zur ökonomischen Nutzung können Grundeigentümer ihren Boden Kapitalisten zur Verfügung stellen, wenn sie nicht selbst als Kapitalisten aus ihrem Eigentum Kapital schlagen wollen. Wird ein Stück Boden mit dem Ziel seiner kapitalistischen Nutzung verpachtet, beteiligt der Kapitalist den Grundeigentümer an der gesellschaftlichen (Mehr-)Wertgewinnung. Der Kapitalist hingegen vermehrt sein Kapital bekanntlich nur dadurch, dass er nach den bürgerlichen Revolutionen (nach der „ursprünglichen Akkumulation“) den doppelt freigestellten Lohnarbeiter zur Anwendung seiner zur Verfügung gestellten, privateigentümlichen Produktionsmittel kauft. Er verwertet sein Kapital, sein Eigentum an Produktionsmitteln, durch die Hinzufügung eines Mehrwerts, den er aus den Lohnarbeitern vertraglich pressen darf (s.o.). Die gesellschaftlich mit dem Arbeitsvertrag erzwungene Mehrarbeit stellt insofern das im Ensemble der Kapitalisten notwendige kapitalistische Surplus als wesentlichen Teil des Profits dar. Aus dem Pool des Profits wird dann auch der Grundeigentümer bezahlt, sollte er nicht Eigentümer des Grund und Bodens seiner Produktionsstätten sein. Die den Boden der Grundeigentümer pachtenden Kapitalisten machen insofern bei der Ausbeutung der den Boden bewirtschaftenden Lohnarbeiter mit dem Grundeigentümer gemeinsame Sache.

Der Lohn der Proletarier, von dem der Mehrwert bereits abgegangen ist, schrumpft durch die Mietzahlung an den Wohnraumeigentümer nochmals eklatant. So verdient die gesamte Klasse der Eigentümer an Grund, Boden und Produktionsmitteln an allen Schaltstellen der bürgerlichen Gesellschaft durch die Form der Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft, die auf dem ausschließenden Eigentumsrecht als eine logische Kategorie der kapitalistischen Produktionsweise aufbaut.

  1. Boden, Spekulation und Grundsteuer

Das Verfügungsrecht über seinen Grund und Boden gibt dem Eigentümer selbstverständlich das Recht, seinen ins Grundbuch eingetragenen Boden mit Gewinn zu veräußern oder zu vermieten. Verkauft er die reine Bodennutzfläche, ist der Preis dafür immer rein spekulativ. Lediglich Erfahrungs- und/oder regionale Durchschnittswerte können in den Preis mit eingehen. Befinden sich allerdings schon Häuser oder Produktionsstätten auf dem Grundeigentum, oder sind etwa schon Felder oder andere Bewirtschaftungen auf dem zu verkaufenden Boden angelegt, bemisst sich der Verkaufspreis selbstverständlich auch an dem jeweiligen Wert dieser bereits existierenden Anlagen.

Bei der Preisfestsetzung des Immobilen spielt vor allem die wirtschaftliche Attraktivität des zu verkaufenden Bodens die größte Rolle. In der Landwirtschaft geht es neben der Bodenfruchtbarkeit auch um eine gute Anbindung an ein infrastrukturelles Netz, damit die hergestellten Waren vom Produktionsort schneller und bequemer umgeschlagen werden können. Die Grundeigentümer sind darum fortwährend daran interessiert, ihr ‚Quartier’ oder ihren Grund und Boden ökonomisch attraktiver zu gestalten, um damit ihr Eigentum attraktiver zu machen. In Gebieten, in denen man eine gute wirtschaftliche Verwertbarkeit der Flächen erwartet, wird die Anmietung und der Kauf von Grund und Boden selbstverständlich schon heute teurer. Wie auch bei der Vermietung von Flächen gilt die Möglichkeit einer späteren Gewinnerzielung durch die entsprechenden Eigentumstitel als zu beachtender Wertparameter. Was an Gewinnen für den neuen Eigentümer spekulativ erwartet wird, und sich im Preis beim Verkauf des Bodens widerspiegelt, speist sich also aus der zu erwartenden Miete, der Pacht oder geplanten Infrastrukturprojekten. In den spekulativen Anteil des Preises werden deshalb zukünftig mögliche Mieteinnahmen genauso wie mögliche Gewinne aus einer vor Ort entstehenden Produktionsstätte einberechnet. Die Aufwertung von Stadtteilen oder Straßenzügen mit Cafés, Theatern oder Konzerthäusern wirkt sich deshalb immer positiv auf die Entwicklung der Immobilienpreise aus, egal ob bei der Anmietung oder dem Ankauf. Wo es attraktiver ist oder wird zu wohnen, muss der Mieter auch mehr für den angemieteten Wohnraum zahlen und der Käufer mehr für die Immobilie auf den Tisch legen. Wenn aufgrund der guten Lage mehr Umsatz von einem Räume pachtenden Geschäft erwartet wird, muss entsprechend mehr Pacht an den Eigentümer gezahlt werden. Das erklärt die unterschiedlichen Miet- und Pachtpreise pro Quadratmeter in ein und derselben Stadt. Die so genannte Gentrifizierung ist deshalb ein beständiges Streben der Wohnraumeigentümer, ihre Immobilien attraktiver bzw. dadurch wertvoller zu machen.

Der unbearbeitete, unbewegliche Boden wird so das Stückchen unbearbeitete Natur, das als ein fiktiver Kapitalwert in die Preisbestimmung innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise spekulativ eingeht. Damit gleicht sich die unbearbeitete Natur dem Sammelsurium der spekulativen Werte in der kapitalistischen Gesellschaft an. Wie der Kapitaleigentümer auf den Zins aus seinen Produktionsmitteln spekuliert oder der Aktionär auf die Dividende, so spekuliert der Grundeigentümer auf regelmäßige Gewinne aus seinem immobilen Eigentum. Die zu erwartenden Erträge aus den Mieteinnahmen durchs Grundeigentum ähneln insofern der ganz gewöhnlichen Aktienbewertung.

Auch in die Bewertung der Immobilienpreise spielen selbstverständlich gesellschaftliche Entwicklungen – wie bei der Aktienbewertung – hinein. Die Spekulation über die Entwicklung der Gewinne, die allgemeine Zinslage, beeinflusst auch den Preis für Grund und Boden. Sind die Zinsen, wie momentan, niedrig und der Aktienmarkt schwach, investieren Anleger bevorzugt in recht solide Anlageoptionen wie Grund und Boden. Von diesen Investitionen versprechen sie sich einen sicheren Gewinn, weil, aller Konjunkturschwankungen ungeachtet, der Boden als ursprüngliches Produktionsmittel in der kapitalistischen Warenwirtschaft entscheidend ist und auch der Wohnraum immer eine existentielle Notwendigkeit bleiben wird. Kein kapitalistisches Geschäft kann und wird ohne Grund und Boden vonstatten gehen. Selbst die spekulativsten Geschäfte verweisen am Ende auf einen, wie auch immer, bewirtschafteten Boden. Deswegen ist und bleibt der grundgesetzlich als Eigentum geschützte Boden die sicherste und solideste Investitionsmöglichkeit für Menschen mit Geld und Kapital. Die stete Notwendigkeit von Grund und Boden für kapitalistische Geschäfte und der deswegen auch garantierte institutionalisierte Schutz der Immobilien gibt der Bodenspekulation einen soliden Vorteil gegenüber den immer recht volatilen Aktien.

Vergessen werden darf dabei aber nicht, dass der Staat zum einen selbstverständlich selber Großgrundbesitzer ist, zum anderen aber Steuern auf den Grundbesitz der Privatleute erhebt. Darüber verdient er erheblich an deren Gewinnen mit. Die Besteuerung des Grund und Bodens ist eine Art allgemeines und geregeltes Schutzgeld, denn die Steuern sind für die weitere Absicherung des Grund und Bodens der Eigentümer gedacht. Auch die vom Staat auf Immobilien erhobene Grundsteuer ist nichts anderes als eine Zwangsabgabe auf die spekulierten Gewinne in den einzelnen Städten und Gemeinden. Die Höhe der Grundsteuer bemisst sich immer am Verkaufswert des Grundstücks in der jeweiligen Lage, nicht aber am reellen Verkehrswert der Immobilie. Nicht umsonst heißt die Grundsteuer deshalb auch Bodenzins. Staat und Kapital machen also auch bei der Bodenspekulation, die zur vermehrten Preistreiberei im Immobiliensektor führt, gemeinsame Sache.

  1. Der bürgerliche Staat als objektive Ordnungsmacht nationaler Böden

Der oben bereits zitierte Artikel 14 GG beschützt das Grundeigentum als ein Grundrecht in der Bundesrepublik Deutschland. Auch für den liberalen Philosophen John Locke ist das Eigentum in seinen Treatises ein basic right[12] – und die Fifth Amendment der von Locke entscheidend beeinflussten Constitution of the USA schützt das Privateigentum ebenfalls als grundlegendes Recht der Bürgerinnen und Bürger. In anderen bürgerlichen Staaten ist das nicht anders.

Das Grundeigentum an Boden ist ein notwendiger Grundbaustein kapitalistischer Gesellschaften weltweit. Heute ist zudem nahezu jedes Stückchen Land vermessen und es wurde auch einem jeweiligen Eigentümer zugeordnet, der als Immobilieneigentümer in dem Grundbuch der Gemeinden steht. Für den Schutz und die Aufrechterhaltung des Privateigentums verlangen die Nationalstaaten von den Eigentümern an Grund und Boden, aber selbstverständlich auch von deren Nichteigentümern, Steuern. Ein staatlich geschütztes Grundeigentum ist aber nicht nur dafür verantwortlich, dass überhaupt Mieten eingefordert werden können. Es ist auch dafür verantwortlich, dass die Klasse der Arbeiter weiterhin am Rande der Existenzbedrohung leben muss. Sie bleiben weiterhin Lohnarbeiter, weil sie kein Grundeigentum bzw. Eigentum an Produktionsmitteln haben und sie im allgemeinen Reproduktionsprozess weiterhin nur ihr Eigentum an Ware Arbeitskraft besitzen. Der großen Masse der Bevölkerung ist eine Verfügung über Grund und Boden in kapitalistischen Staaten somit unmöglich. Im Eigentumstausch gilt der erhaltene Lohn als ihr äquivalentes Eigentum aus den Tauschgeschäften, die sie gegen ihre Ware Arbeitskraft eingehen. Die Landlosen in der kapitalistischen Gesellschaft müssen sich deshalb immer wieder bittstellend als Lohnarbeiter vor die Tore der Kapitalisten stellen. Durch die Eigentumsgesetze können sie weder Eigentum an etwas anderem als ihrer Arbeitskraft erwerben, noch ist es ihnen aufgrund der Ausschlussklausel von Dritten wie im Feudalismus möglich, Subsistenzwirtschaft zu betreiben.

Einen Zwang zu Arbeiten verspürt die Arbeiterklasse allein schon deshalb am eigenen Leib, weil sie von ihrem Lohn noch eine Miete an Grundeigentümer von Wohnraum zu zahlen haben. Das gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis drückt sich im kapitalistischen Miet- und Wohnverhältnis sogar noch viel brutaler als im Lohnabhängigkeitsverhältnis aus. Vom Arbeitsverhältnis könnte man sich unter der Inkaufnahme großer Probleme sogar noch lösen. Ein Arbeitsplatzwechsel oder selbst die Niederlegung der Lohnarbeit steht einem ‚frei’. Auch ein organisierter Arbeitskampf kann vorübergehende Abhilfen für die durch Lohnarbeit Ausgebeuteten schaffen, indem die kapitalistischen Machtverhältnisse durch einen Produktionsstopp herausgefordert werden. Als Mieter aber kann man das im Mietvertrag liegende gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis nicht so einfach angreifen: das Wohnen kann man nicht, anders als die Arbeit, organisiert einstellen; einen organisierten Wohnkampf mit ähnlich festgeschriebenen Rechten wie im Arbeitskampf kann es nicht geben. Ein Mieter kann sich zwar innerhalb der Rechtsverhältnisse gegen Ungerechtigkeiten auf dem Wohn- und Mietenmarkt zur Wehr setzen. Die Einbehaltung von Mietzahlungen aufgrund von Mietmängeln ist jedoch durch eine völlig andere Zweckbezogenheit nicht mit einem organisierten Arbeitskampf zu vergleichen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse zwingen die Subjekte deshalb um ihrer eigenen Reproduktion Willen immer noch mehr in die kapitalistischen Wohnverhältnisse als in die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse.

Damit ist offensichtlich geworden, dass die grundlegenden Gesetze des Eigentums in der bürgerlichen Gesellschaft für die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiterklasse verantwortlich sind. Das, was aus der bürgerlichen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit folgt, ist das, was auch die linken Verfassungspatrioten nie als unmittelbare Folge der verfassungsmäßig verbrieften Rechte sehen. Das grundlegende Eigentumsrecht, das Grundrecht auf ‚Freiheit, Gleichheit und Eigentum’, ist die formelle Bedingung dessen, was mit der dadurch in Gang gesetzte Produktionsweise zu jenen phänomenalen Problemen führt, die bürgerliche Linke gerne als verfassungswidrige Zustände kritisieren. Übersehen wird, dass die die Massen an Lohnarbeit und Ausbeutung nachhaltig fesselnden gesellschaftlichen Zustände geradewegs ein Resultat des Grundgesetzes sind. Verfassungspatrioten kritisieren insofern die Phänomene, die aus den Eigentumsgesetzen entstehen, mit ihrer formellen, zweckgebenden Grundlage. Das hat einen circulus vitiosus zur Folge. Dieser Teufelskreis fesselt die vermeintlichen Kritiker in ihrem Aktionismus ans System, indem sie nolens volens PR für den status quo machen. Grund, Ursache und Wirkung des kritisierten Gegenstands werden von ihnen nicht begriffen. So wird dann ein vermeintlich kritisches Engagement gegen den Kapitalismus, den man im Einklang mit den bürgerlichen Grundrechten vorträgt, ein Engagement für genau das, was man in der Gesellschaft eigentlich verhindert sehen möchte. Der Verfassungspatriotismus wird damit ein tool, um bestehende Herrschaftsverhältnisse auf nationalem Gebiet unangetastet zu lassen. Ein Schutz der Grundrechte bedeutet, dass man dem bestehenden kapitalistischen Herrschaftsverhältnis Bestandsschutz ermöglicht.

Der bürgerliche Staat schützt aber nicht nur den Grundbesitz als Eigentum und lässt sich diesen Schutz über die explizite Besteuerung von Eigentum gut bezahlen. Er organisiert den Grund und Boden auch noch, und zwar anhand des in seiner Kontrolle obliegenden Flächennutzungsplans. Jede Fläche auf seinem Gebiet bekommt eigene Nutzungsrechte. Dadurch wird einer wilden, eventuell aus dem Ruder laufenden, Bodenspekulation Einhalt geboten. Agrar- und Gewerbeflächen separiert man für normalerweise von den Wohnflächen; so genannte Mischflächen werden bei ökonomischen Bedarf aber trotzdem zugelassen. Die Raumordnung organisiert den Grund und Boden nach Nutzungsplan und Kapitalbedarf im bürgerlichen Nationalstaat. Auch über geplante Baumaßnahmen auf den Grundstücken entscheiden letztendlich staatliche Gerichte und nicht die Eigentümer. So überlässt der Nationalstaat auf dem Immobilienmarkt nichts der privaten Hand. Über die Höhe und Nutzungsweise der geplanten Gebäude wird genau so wie über die Gebäudeerweiterungen von Gerichten entschieden. Es wird insofern nicht einmal den privaten Grundeigentümern überlassen, wie sie über ihren Boden, für den sie dauerhaft vom Staat besteuert werden, verfügen, bzw. wie sie mit ihrem Eigentum Geld verdienen.

Der Staat nutzt seine übergeordnete Macht über die Böden, um planmäßig mit den Bodenflächen zum größtmöglichen kapitalistischen Nutzen zu kommen. Kein bürgerlicher Nationalstaat gibt den Immobilienmarkt dabei aus der Hand. Eine erfolgreich geordnete Nutzung von Böden heißt für den Staat: mehr Steuergelder und damit eine bessere internationale Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen, konkurrierenden kapitalistischen Staaten. Staat und Kapital gehen insofern auch hier zweckökonomisch Hand in Hand. Private Eigentümer profitieren von staatlich geplanten und durchgeführten Infrastrukturmaßnahmen. Dort, wo der Staat seine Flächen zur wirtschaftlichen Nutzung neu verplant und organisiert, können sich die Grundstückspreise der privaten Eigentümer deutlich verteuern.

Der Staat hat sogar immer die Möglichkeit, an die Eigentümer ausgestellte ‚Lizenzen zum Geldverdienen’ zurückfordern. Eine rechtlich legale Enteignung durch den Staat kann private Einzelkapitalisten von ihren lukrativen Böden zum, so sagt es das Gesetz, „Wohle der Allgemeinheit“[13] entheben. Die hier im Gesetzestext herangezogene Allgemeinheit ist allerdings mit dem gut organisierten kapitalistischen Allgemeinwohl zu übersetzen. Der bürgerliche Staat enteignet, um seine eigenen Interessen als „ideeller Gesamtkapitalist“ durchzusetzen. Das heißt, es wird dann enteignet, wenn die Interessen der privaten Grundeigentümer beispielsweise einer neuen, staatlichen Nutzungsordnungen von Grund und Boden im Wege stehen.

Ganz selten schafft er mit den eingetriebenen Steuergeldern auch mal bezahlbaren Wohnraum für die Arbeiterklasse oder Arbeitslose. Er greift als objektive Ordnungsmacht der Böden dann in den Wohnungsmarkt ein, um das Verhältnis von Mietern und Vermietern (wieder) zu befrieden und die antagonistischen Willensverhältnisse gesellschafts- bzw. geschäftstauglich zu kompensieren. Der kapitalistische Staat nimmt damit also eine sehr exklusive Rolle auf dem kapitalistischen Immobilienmarkt ein: die des obersten Grundherren der kapitalistischen Bodennutzungsflächen auf seinem Staatsgebiet.

  1. Zur Ideologie des bürgerlichen Staates als Schlichter auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt

Auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt stehen sich, wie auch auf dem Arbeitsmarkt, zwei ökonomisch völlig ungleiche, juristisch aber gleiche Partner gegenüber. Vertraglich werden deren inkompatible Willen nicht, bis auf wenige Details, durch einen intersubjektiven Konsens vermittelt, sondern beide Willen finden im gesetzlichen Rahmen ihren durch die gesellschaftlichen Verhältnisse vermittelt erzwungenen Konsens. Ein Vertrag über die Nutzung von Wohnraum setzt nämlich einer zunächst freien intersubjektiven Aushandlung von Mieten und Mietveränderungen[14] immer einen objektiv durch die Staatsgewalt abgesicherten Rahmen auf, der für beide Seiten/Subjekte Gültigkeit hat. Das objektiv durch den Staat gesicherte Vertragsverhältnis bringt also erst die antagonistischen Willen der Subjekte in objektiven Einklang miteinander. Beide Subjekte müssen im objektiven Vertragsverhältnis ihre Zufriedenheit finden, um später dann nicht unmittelbarem staatlichen Zwang ausgesetzt zu sein. Ein solches Verfahren ist bei Vertragsabschlüssen in der bürgerlichen Gesellschaft alternativlos. Subjekte können und müssen sich deshalb mit ihrem Willen auf die staatliche Gerichtsbarkeit berufen, sollten sie sich gegenüber dem Vertragspartner vertrags- bzw. gesetzeswidrig benachteiligt sehen.

Die Position des Mieters von Wohnraumeigentum wird in der BRD durch die Paragraphen im Mietrecht gestärkt. Im Wesentlichen wird dem Mieter hier ein Schutz vor willkürlicher Kündigung durch den Vermieter gewährt. In erster Linie ist der Schutz vor der willkürlichen Kündigung des Wohnraums, vor allem in Deutschland, einem Land mit sehr starkem Mieterschutz, Mittel zum Zweck des ideellen Gesamtkapitalisten und obersten Grundherren, staatliche Sozialhilfeleistungen möglichst lange einzusparen und die finanzielle Last eines gesellschaftlich Gescheiterten über einen längeren Zeitraum auf die Vermieter, die privaten Eigentümer, abzuwälzen. Wo die vom Staat organisierten kapitalistischen Verhältnisse also gnadenlos Menschen von ihren Reproduktionsbedingungen freisetzen, müssen trotzdem Privatpersonen mit ihrem Privatvermögen für die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse haften.

Wenn bürgerliche Linke nun anführen, dass das Mieterschutzrecht eine wohlwollende Geste des bürgerlichen Staates vor eventueller Ausgrenzung und Obdachlosigkeit gegenüber dem gesellschaftlich Schwachen sei, ist das eine ideologisch geprägte Unterschätzung der Zwecke des garantierten Mieterrechts. Der Staat agiert nämlich trotz oder besser: wegen des Mieterschutzrechts weiterhin als der ideelle Gesamtkapitalist. Er nimmt in dieser Funktion die wesentlichen Bedingungen der Massenarbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit nicht ins Visier. Er stellt den Kapitalismus, sein antagonistisches Klassenverhältnis und das Recht auf Eigentum mit all den daraus hervorgehenden Phänomenen als ideeller Gesamtkapitalist nicht auf den Prüfstand. So ist die Überzeugung von der Güte des Nationalstaats an der Stelle blanke Ideologie.

Der spröde ideologische Schein des Schutzes gesellschaftlich Schwacher löst sich bei genauerem Hinsehen auch explizit auf. Der Schutz bleibt unmittelbar an Bedingungen geknüpft, die im Gegenzug zu erfüllen sind. Um den Traum von den ‚eigenen’ vier gemieteten Wänden real werden zu lassen, muss der Mieter bestimmte Bedingungen für seine Bedürftigkeit und seinen Schutz erfüllen. Diese Voraussetzungen sind genau so im Mietrecht des BGB enthalten, das ihn vor zu schneller Obdachlosigkeit schützt.[15] Der Gesetzgeber stellt darin Verhaltensregeln für die Mietpartei auf. Festgelegt wird, wer wirklich in den angemieteten vier Wänden zu wohnen hat und ob der Mieter Haustiere (und von welcher Größe) halten darf, ob er rauchen und zu welchen Zeiten er die Ruhe stören darf und auch wann er dazu verpflichtet ist, Renovierungsarbeiten in der gemieteten Wohnung durchzuführen etc. Dem Mieter wird so per Gesetz ein ordentlicher Rahmen vorgegeben, wie er sich im fremden Eigentum zu verhalten hat. Der einzige Vorteil der Befolgung der Regeln für den Mieter ist, dass er bloß unter großen Anstrengungen von Vermieterseite sein Dach über dem Kopf verlieren kann. Nur eine Klage auf Eigennutzung, mehrere Monate ausstehende Mietschuld oder grobe Verstöße gegen die staatlich auferlegten Pflichten lassen ihn legal aus den Wohnräumen entfernen.

Im Gewerbemietrecht sieht der Staat allerdings weniger Gefahren für sich und seinen Haushalt. Er hat sich dementsprechend weniger Handlungsbedarf in diesem geschäftlichen Bereich der Immobilienwirtschaft gegeben. Eine Abfederung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist ihm im Geschäftsleben nicht so wichtig, weshalb auch die Kündigungsfristen andere als bei privaten Mietverträgen sind.[16]

Aber selbstverständlich werden auch dem Vermieter von Wohnraum durch das Mietrecht Rechte zugesprochen, selbst wenn das Mietrecht im BGB klassischerweise als „Wohnraummieterschutzrecht“[17] gilt. Zum Beispiel darf der Eigentümer den Preis für die Nutzung seiner Immobilie durch den späteren Mieter festlegen. Aber ihm ist keine Willkür in der Preisfestlegung erlaubt, sondern er muss dabei nach den Regeln des Staates spielen. So liegt in Großstädten oftmals ein offizieller, qualifizierter Mietspiegel vor, der bei Mietstreitigkeiten um Mieterhöhungen und bei Festlegungen von Mieten die entsprechende rechtliche Grundlage der Einigung bildet. Ein Mietspiegel erfasst die lokalen Mieten und bildet damit den Durchschnitt aller Mietpreise ab. Als Durchschnittswert ist er ein grober Richtwert, an dem sich die Eigentümer mit um ihn oszillierenden Preisen für ihren Wohnraum zu orientieren haben, auch wenn auf dem Gebiet der preislichen Orientierung am Mietspiegel viele Ausnahmen gelten gelassen werden. Der Mietspiegel ist ein Instrument der Vermieter: Weil er den durchschnittlichen Preis an Miete beschreibt, die der Vermieter offiziell nehmen darf, stabilisiert der Mietspiegel seine Mieteinnahmen. Ausnahmen von der Mietspiegelbindung für bestimmte Immobilien wie Häuser oder Neubauten können die Einnahmen der Eigentümer (kurzfristig) erhöhen.

Nun rufen Mietzahlungen immer ein gewisses Unbehagen bei den Mietern hervor. In Zeiten steigender Mieten versuchen sie deswegen, sich selbst Wohneigentum anzuschaffen. Sie möchten so nicht nur den unangenehmen Mietverhältnissen, sondern auch den hohen Mietausgaben, vor allem in den Großstädten, entkommen. Dieser Schritt zur eigentümlichen ‚Selbstständigkeit’ wird momentan durch günstige Kredite der Banken befeuert.

Um selbst Wohnraumeigentümer zu sein, müssen sich die Proletarier bei einer Bank verschulden, die ihnen das Geld für die eigene Immobilie vorschießt. Diese vermeintliche Freiheit durch eigenes Eigentum ist eine klassische Fetischfreiheit von gesellschaftlichen Zwängen durch die willentliche Einbindung der eigenen Person in gesellschaftliche Zwänge. Die Verschuldung zugunsten des Austritts aus dem Mietverhältnis bindet die Arbeitskraft der Kreditnehmer durch die damit einhergehenden Verpflichtungen noch mehr an das kapitalistische System. Der Arbeiter verpflichtet sich mit dem Erwerb einer Immobilie zur Zahlung der Hypothek an seine Bank, die er über viele Jahre, manch einer sogar bis zum Renteneintrittsalter, abbezahlen muss. Schulden bei der Bank machen ein Subjekt nicht freier oder selbstständiger, selbst wenn es sich mit den Komplikationen in Grenzen halten sollte. Geht das Experiment als Wohnraumeigentümer jedoch durch Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. schief, so beginnt für den Proletarier ein noch viel ungemütlicheres Kapitel seines Lebens. Kann er dann auch nicht mehr verkaufen oder die Immobilie irgendwie kostentragend selbst vermieten, bleibt ihm einzig noch eine Zwangsversteigerung. Das ist aber nicht das Ende des Kapitels seines Wohneigentümerlebens, sondern daraus folgt ein Berg Schulden für ihn, für dessen Tilgung er dann weiterarbeiten muss. Als Resultat seiner gesellschaftlich so anerkannten Anstrengungen bleibt dann nicht die lang ersehnte Immobilie als eigener Alterswohnsitz kurz vor dem eigenen Ableben, sondern eine ihn auslaugende und als restunabhängiges Subjekt endgültig zerstörende Grundschuld.

Das aber ist für viele kleine Geldanleger noch lange kein Grund zum Innehalten. Auch der Staat fördert solch riskante Formen der Geldanlage für Proletarier über das so genannte „Wohn-Riestern“[18]. Das Modell soll den Menschen die Investition in Wohneigentum zur Altersvorsorge ermöglichen und erleichtern. Ziel dieser Anstrengung ist selbstverständlich nicht, der Arbeiterklasse ein schönes Immobilieneigentümerleben zur Rente zu garantieren. Der Staat möchte der Arbeiterklasse eine alternative, zum Leben reichende Rente durch ihre Verschuldung vorschlagen.

Der Nationalstaat lässt damit also auch die Proletarier auf seiner Klaviatur spielen. Gelöst werden mit der Förderung der Anschaffung von Wohneigentum durch Proletarier vor allem drei der komplexeren Angelegenheiten im bürgerlichen Staat: 1. die Ware Arbeitskraft wird nachhaltig an die nationalen Verhältnisse gebunden, womit der Arbeiter persönliche Freiheiten und seine Flexibilität einbüßt, 2. der Arbeiter braucht als Eigentümer von Immobilien keinen sozialen Wohnungsbau, 3. die an die nationalen Immobilienverhältnisse geketteten Proletarier haben ein verstärktes Interesse an den bestehenden kapitalistischen Eigentumsverhältnissen, weil sie nach dem Kauf einer Immobilie gesellschaftlich anerkannte Eigentümer – wenn auch auf sehr niedrigem Niveau – sind. Zwar dürfen sich alle Menschen Eigentümer von etwas nennen, aber mit dem Erwerb einer Immobilie beschleicht den Wohnraumeigentümer viel eher noch als den einfachen Proletarier das Gefühl, ein wichtiger, anerkannter Teil der Gesellschaft zu sein.

Nun kann man von bürgerlich linker Seite einwenden, es gäbe den sozialen Wohnungsbau zu Gunsten der Proletarier. Und selbstverständlich versucht der Nationalstaat formell mithilfe des sozialen Wohnungsbaus die Wohnungsnot der Arbeiter zu lindern. Der Staat subventioniert dafür den Billigbau privater Bauherren, indem er ihnen Steuern und Zinsen erlässt, wenn sie sich im Gegenzug über Jahre mit einer nur kostendeckenden Miete zufrieden geben. Erst danach dürfen sie auf dem Markt nach dem lokalen Mietspiegel ganz zu ihren Gunsten wirtschaften. Mit dem integrierten sozialen Wohnungsbau soll der Obdachlosigkeit und der daraus folgenden außerordentlichen Armut (also einer, die das kapitalistische System belastet) Einhalt geboten werden. Denn Menschen, die nichts als ihre politisch-ökonomischen Ketten zu verlieren haben, waren dem Nationalstaat schon immer verdächtig.

Der Trend beim sozialen Wohnungsbau geht momentan allerdings in die andere Richtung.[19] Kommunen und öffentliche Bauträger verkaufen die letzten Jahre immer mehr Sozialwohnungen an inzwischen global auftretende Immobiliengesellschaften. So füllt der Verkauf von vormals sozialem Wohnraum die angeblich notorisch klammen Staatskassen und verknappt dadurch den Wohnraum für die, die sich die Mieten heute angesichts der Lage auf dem Immobilienmarkt nicht mehr leisten können. Von einer existentiellen Grundabsicherung der Proletarierklasse auf dem Immobilienmarkt nimmt man damit von staatlicher Seite immer mehr Abstand; das entspricht der allgemeinen Trendwende des Abbaus von sozialen Sicherungssystemen nach 1990.

Diese Entwicklung lässt der Staat aber nicht versehentlich geschehen. Von den aktuell hohen Mieten profitiert nämlich nicht nur der Eigentümer der Wohn- oder Gewerbeeinheit, sondern eben auch der Staat – wenn selbstverständlich auch nur bis zu einem gewissen Grad.[20] Bei jeder Vermietung von Wohnraum verdient er – mit und durch die Vermieter – wie auch bei jedem Verkauf von Immobilien am Verkäufer und Käufer mit. Das wurde oben bereits deutlich. Keine Immobilie geht insofern je ganz in die Hände eines privaten Eigentümers über, der dann damit willkürlich schalten und walten kann. Der Staat profitiert über Steuern vom Verkauf (Grundsteuer etc.), und er bleibt selbstverständlich auch nach dem Verkauf weiterhin (Grundsteuer etc.) und dauerhaft im Geschäft.

In wenigen Fällen zahlt der Staat auch mal Wohngeld aus, damit arme Menschen überhaupt noch von, wie man so schön sagt, ‚ihrer Arbeit leben können’. Durch diese Subvention ist selbstverständlich nicht die bittere Armut trotz Arbeit im Kapitalismus verschwunden. Arme Menschen werden durch diese Maßnahme der Wohnraumsicherung weiterhin als ‚künstlich’ funktionsfähige Glieder ans kapitalistische System gefesselt. Durch diese notdürftige Vermeidung der Wohnungslosigkeit der Proletarier dezimiert der Nationalstaat das Lumpenproletariat und hält dem Kapital (und damit vermittelt auch sich) einen Teil der Arbeiterklasse arbeitsfähig. Daneben liefert und erhält der Staat so den Vermietern selbstverständlich auch eine weiterhin zahlende Kundschaft. Das Wohngeld für Wenige hält insofern den kapitalistischen Immobiliensektor am Laufen, von dem selbstverständlich auch der Staat durch die hohen Steuerforderungen profitiert. Subventioniert wird mit den Zahlungen des Wohngeldes, vermittelt über die Aufrechterhaltung der Einnahmequelle der Vermieter, die eigene staatliche Geldquelle.

Ein ganz ähnlich aufgebauter Kreislauf wird im Rahmen der bürgerlichen Grundsicherung, dem so genannten Hartz IV, in Gang gehalten. Hier bekommen Menschen vom Staat ebenfalls Geld zum Wohnen. Deren Vermieter zahlen das vom Staat kommende Geld anteilsweise als Steuern wieder zurück. So werden Kreisläufe der staatlichen Refinanzierung von Wohnraum erhalten. Der Staat profitiert hier gemeinsam mit den lizensierten Eigentümern von der Armut der Proletarier, die künstlich vor dem Fall ins Lumpenproletariat bewahrt werden.

Auch fernab der über Steuern der Eigentümer refinanzierten Sozialsysteme bestimmt der Staat den Immobilienmarkt und seine Entwicklung mit. Denn die momentan eklatant hohen Mieten auf dem ‚freien Immobilienmarkt’ sind durch den Nationalstaat und seine hohen Steuersätze auf das Eigentum an Wohnraum offensichtlich mitverschuldet. Auch die höheren Kaufpreise gehen darauf zurück. Die Belastung der Mieter und Eigentümer, die selbst in ihren Immobilien wohnen, entsteht vor allem durch die stetige Erhöhung der Grundsteuer B in den letzten Jahren. In Niedersachsen ist diese seit dem Jahr 2000 jährlich um rund 2,6 Prozent gestiegen.[21] Die so genannten Hebesätze der Grundsteuer werden immer durch die Städte und Kommunen bestimmt, weswegen sie in Deutschland nicht einheitlich sind. In Niedersachsen wird der Steuersatz mit 600 Prozent in Hannover am höchsten berechnet.[22]

Die staatlich erhobene Grundsteuer auf Immobilien wird heutzutage nicht von den Eigentümern bezahlt, sofern sie nicht selbst in ihrer Immobilie wohnen. Über die Nebenkostenabrechnungen werden die Mieter von Wohnraum an der so eklatant gestiegenen Steuer belastet. So steigen die Mietbelastungen nicht nur durch das momentan gesteigerte Vermarktungsinteresse der Vermieter, das mit offiziellen Mietspiegeln zumindest noch gebremst werden kann. Auch die preislichen Forderungen des Nationalstaates für Grund und Boden auf dem Staatsgebiet lassen die Miet- und Kaufpreise inzwischen außergewöhnlich schnell steigen. Der Staat verlangt einen immer höher werdenden Betrag für die alleinige Grundsicherung der Immobilien, was die Bürger stark belastet.

Die momentane Debatte über steigende Mieten darf deshalb nicht von den substantiellen Eigentumsverhältnissen und der zentralen Rolle des Staates in der bürgerlichen Gesellschaft schweigen. Wenn man heute über steigende Mieten und immer höhere Preise von Wohnungen spricht, darf man Staat und Kapital als dialektisch zu begreifendes Verhältnis in der kapitalistischen Produktionsweise nicht ignorieren. Kein Mietendeckel und keine Mietpreisbremse können je das rückgängig machen, was sich als die Erbsünde der bürgerlichen Gesellschaft erweist: die ursprüngliche Akkumulation und ihre bodenrechtlichen, eigentümlichen Folgen der Verteilung. Wird nun die Verantwortung des Staats mitsamt seines Rechtssystems bei den steigenden Mieten ignoriert und werden nur eindimensional das große Kapital oder der private Eigentümer für diese Entwicklung kritisiert, ist die Kritik am gegenwärtigen Zustand des kapitalistischen Immobilienmarkts substanzlos und deswegen nahezu obsolet. Die Charaktermasken des Kapitals sind und bleiben austauschbar als Phänomene von Etwas, das sie nicht selbst sind. Eine Kritik an einzelnen Prozessen in der kapitalistischen Gesellschaft kann nun zwar dazu beitragen, dass dem einzelnen Bürger über einen gewissen Zeitraum eine gewisse Entlastung entgegengebracht wird. Übersehen wird dann allerdings die sachzwingende Systematik hinter den kritisierten phänomenalen Zuständen. Die wesentlichen Herrschaftsverhältnisse bleiben also mit der eindimensionalen Kritik an einzelnen Kapitalisten und Vermietern unangetastet.

Selbst der vermeintlich radikale Versuch der Installation einer Mietpreisbremse setzt bloß am sozialen Phänomen der zu hohen Miete an. Weil aber die wesentlichen Bedingungen hinter den Erscheinungen wie selbstverständlich nicht hinterfragt werden, werden Veränderungen an den Mieten keine großen Veränderungen bringen. Solange nicht das private Eigentumsrecht der bürgerlichen Gesellschaft kritisch in Frage gestellt wird, sondern moralisch das ‚einseitige’ Geldverdienen der privaten Eigentümer der Wohn- und Gewerbeeinheiten abgelehnt wird, wird das grundlegende, wesentliche Herrschaftsverhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft genau so wenig kritisiert wie das antagonistische Klassenverhältnis thematisiert. Das hilft einer Aufrechterhaltung des kapitalistischen status quo, weil man von den wesentlichen, substantiellen Bedingungen auf phänomenale, akzidentelle Entwicklungen ausweicht.

[1] https://interaktiv.morgenpost.de/berlinmieten/.

[2] https://www.welt.de/wirtschaft/article190140407/Hohe-Mieten-bremsen-deutschen-Jobboom-aus.html. Das liegt sicherlich auch an der durchaus prekären, unterdurchschnittlichen Entlohnung in jenen Bereichen, die den so genannten ‚Jobboom’ verzeichneten.

[3] https://www.spdfraktion.de/themen/wohnen-bezahlbar.

[4]https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Monatsberichte/2009/01/Artikel/analysen_und_berichte/B02-Eigenheimrentengesetz/Eigenheimrentengesetz.html.

[5] Peter Bulthaup, Das Gesetz der Befreiung. Und andere Texte (Zitat aus: Elemente des Antisemitismus. Ohne Untertitel), Lüneburg 1998, S. 123.

[6] Vgl. Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 741 ff.

[7] John Locke, Two Treatises of Government, Book II (Of Property), § 45, S. 93.

[8] Vgl. dazu Bengt Erik Bethmann, Gesellschaftliches Wesen und soziales Phänomen. Zur negativen Dialektik
von Phänomen, Wesen, gesellschaftlicher Totalität
und der Bedeutung für die Kritik des modernen Antisemitismus, Göttingen 2018, S. 189ff.

[9] Vgl. Maxi Berger, Arbeit, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung bei Hegel, S. 91, Peter Bulthaup, Rechtspragmatik oder von der Zwangsläufigkeit des sittlichen Verfalls der Justiz, S. 74.

[10] GG der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 14.

[11] Karl Marx, Das Kapital Bd. III, MEW 25, S. 782.

[12] Vgl. John Locke, Two Treatises of Government, Book II, Chapter 5, Of Property.

[13] GG Artikel 14 (3), https://dejure.org/gesetze/GG/14.html.

[14] Die Rede von freier Intersubjektivität ist hier bei genauerer Betrachtung fehl am Platz. In einer anderen Gesellschaft würde das Subjekt gar nicht auf die Idee kommen, einen solchen Konsens mit Dritten suchen zu müssen. Der Einfachheit der Formulierung halber unterstelle ich hier eine Freiheit des Willens ohne jede gesellschaftliche Reflexion.

[15] https://www.sueddeutsche.de/thema/Mietrecht.

[16] Es besteht hier kein „soziales Schutzbedürfnis“. https://www.mietrecht.org/gewerbe/gewerbemietrecht-im-bgb/.

[17] Ebd.

[18] https://www.deutschlandfunk.de/altersvorsorge-riester-rente-fuer-den-hauskauf-umwandeln.697.de.html?dram:article_id=422789.

[19] https://de.statista.com/infografik/12473/immer-weniger-sozialwohnungen-in-deutschland/

[20] Wann dieses Verhältnis sich zu Ungunsten der Staatskassen wendet, wird gut und gerne kontrovers diskutiert. Die Experten sind sich dabei nicht ganz einig, wie viel die Menschen an hohen Lebenshaltungskosten aufgrund der hohen Mieten vertragen müssen: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/hart-aber-fair-mieten-zu-hoch-wohnen-zu-teuer-15612538.html

[21] https://www.haz.de/Nachrichten/Wirtschaft/Hoehere-Grundsteuer-in-vielen-niedersaechsischen-Kommunen.

[22] Ebd.

Eine kritische Rezension von Bengt E. Bethmann

Der Film über die zentrale Figur der Auschwitzprozesse ist keiner, der die 1963 in Frankfurt beginnenden Prozesse gegen mehrere Nazigrößen in den Fokus nimmt. Das ist durch die unmittelbare Verbindung des Namens Bauer mit den Frankfurter Prozessen eine große Überraschung. Den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer portraitieren Regisseur Lars Kraume und Drehbuchautor Olivier Guez in einer früheren Lebensphase. Im Jahr 1958 versucht Bauer Adolf Eichmann ausfindig zu machen. Sein Ziel: Eichmann der neuen bundesrepublikanischen Gerichtsbarkeit zu übergeben. Eichmann solle sich für seine Taten in Deutschland verantworten. So beschreibt der Film ein Stück unmittelbare bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte und taucht ein in die schiere Ohnmacht des antifaschistischen Kampfs in der Bonner Republik, in der Nazis leitende Positionen besetzen. Der Film nimmt sich dabei der großen Begriffe der Nachkriegszeit wie Zäsur, Erneuerung, Aufbruch und Schlussstrich an.

Burghardt Klaußner spielt Fritz Bauer unfassbar facettenreich. Ulrich Gutmair schreibt in der taz, dass Bauer durch Klaußner realistisch als der Mann dargestellt werde, der er gewesen sei.[1] Er wirkt durch Klaußners Spiel auch nie als ein vor Wut blinder Rächer, was zu sein man ihm vorwarf. Der Film lässt diesen Vorwurf mit Nachdruck zum Klischee werden. Bauer wirkt als Persönlichkeit der Zeitgeschichte authentisch-souverän, charismatisch und juristisch abgeklärt. Aber das ist nur eine Facette, die Klaußner aus der historischen Vorlage herauskitzelt. Er vermittelt Bauer auch als einen angegriffenen, verunsicherten und verzweifelten Generalstaatsanwalt, der in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu recht nicht weiß, wer ihm Feind, wer ihm Freund ist – und der das Erlebte und seine Einsamkeit in einem gefährlichen Cocktail von Arbeit, Alkohol und Tabletten erstickt. Es sind die Verhältnisse, die an Bauer zerstörend nagen. Bauer ist paranoid. Als sein Vertrauter Angermann (R. Zehrfeld) eine Akte aus Bauers Büro zu Recherchezwecken entfernt, ist Bauer davon überzeugt, dass Nazihelfer Beweise aus seinem Büro verschwinden ließen. Bauers Paranoia ist ein Ausdruck realer Macht- und Herrschaftsverhältnisse in der Bundesrepublik. Er ist ein Opfer seiner Umwelt geworden, das sich mit Händen und Füßen gegen seine gesellschaftliche Opferung wehrt. Bauer wehrt sich gegen sein erzwungenes und das freiwillige gesellschaftliche Schweigen.

Regisseur Kraume und Drehbuchautor Guez nähern sich auch der heimlichen Homosexualität Bauers respektvoll an, ohne sie je plump zum Gegenstand zu machen. Der Zuschauer soll sich bis zum Ende nicht ganz sicher sein, ob Bauer nun homosexuell, bisexuell oder asexuell war. Die Sexualität Bauers spielt auch überhaupt keine Rolle – was der Film beispiellos vermitteln kann. Sie spielt es aber angesichts der Verhältnisse in der Bundesrepublik doch. Und so wird Bauers Sexualität doch Gegenstand. Seine Sexualität wird zum juristischen Sachverhalt, weil die Bundesrepublik Homosexuelle juristisch verfolgt. Das gibt Nazihelfern die Möglichkeit, Bauer unter Druck zu setzen und in seinem Verfolgungselan zu bremsen. So wird eine vermeintliche Nebensache zu einem Politikum, an der eine Karriere scheitern kann. Die versuchte Erpressung und Nötigung Angermanns, ebenfalls wegen seiner Homosexualität, lässt die Praxis aufgrund des § 175 durchscheinen.

Doch der Film hat seine Schwächen. Nicht, weil die Handlung bisweilen undurchsichtig erzählt wird; das wird durch die Leistung der Schauspieler locker kompensiert. Es ist die Frage nach dem wahren Staatsbürger, die problematisch wird. Diese wird offen gestellt, wenn Bauer seinen Vertrauten Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) beispielsweise durch Presseberichte verunsichert fragt, ob er denn wirklich ein Feind Deutschlands sei. Subtil schwebt die idealistische Frage nach dem richtigen Staatsbürger allerdings die ganze Zeit mit.

Das hat zur Folge, dass der Film nicht mehr den gesellschaftlichen Zusammenhang der Taten der Nazis um Eichmann und Co. zum Gegenstand hat, sondern sich nur noch um den Kampf gegen die alten Nazi-Strukturen in der neuen Bundesrepublik dreht. Dies ist durchaus auch ein emanzipatives Momentum des Films, der die Schlussstrichmentalität und das aktive, institutionell betriebene Schweigen über den Nationalsozialismus einfängt. Die neue Bundesrepublik wird richtigerweise als eine mit altfaschistischen Strukturen durchsetzte bürgerliche Gesellschaft beschrieben, und der Film liefert dafür durch die Dialoge der Protagonisten Fakten. Der entscheidende Dialog zwischen Angermann und Bauer, dass selbst die Alliierten an der Verfolgung von Naziverbrechern nicht so interessiert seien, wie man (oder in dem Fall Bauer) sich das gewünscht hätte, enthält die beißende Anklage gegen internationale gesellschaftliche Strukturen, die Naziverbrechern die Flucht und das Untertauchen im Ausland ermöglichten.

Doch der Film nimmt sich dabei an verschiedenen Stellen zu sehr des Kampfes für die neue Bundesrepublik an. Er vermittelt dadurch ebenfalls eine befreiende Zäsur. Diese soll allerdings nicht das Schweigen und die Ohnmacht sein, sondern grundlegende, juristische Bedingungen haben: eine Anklage der Täter in der Bundesrepublik. Durch diese Eindimensionalität der Perspektive, ohne die notwendige Komplexität, verzerrt sich aber in der Kunstproduktion die gesellschaftliche Realität. Dem Zuschauer wird an der Stelle vermittelt, dass einzig die juristische Verurteilung nach Recht und Gesetz der wahre Umgang mit den Taten der Nationalsozialisten sei. Selbst eine juristische Verurteilung der Nazis würde jedoch das, was gesellschaftlich geschah, nicht angemessen aufarbeiten. Die gesellschaftliche Komponente der Taten der Nationalsozialisten würde dadurch nicht zum Gegenstand werden. Die Taten der Nazis aber waren keine juristisch jeweiligen Einzeltaten, sondern sie lassen sich ausschließlich in einen unmittelbaren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen. Die Nazis waren keine gewöhnlichen Mörder, sie haben innerhalb der implementierten Gesellschaftsordnung nach 1933 noch nicht einmal etwas Illegales getan. Und genau an der Stelle beginnen die juristischen und moralischen Probleme einer wahren Aufarbeitung. Ein rechtstaatliches Gerichtsverfahren gegen Nazis anzustreben bedeutet auch immer einen juristischen Prozess, in dem von der Verteidigung eine Strategie der Rechtfertigung ausgearbeitet wird. Aber das wäre noch nicht einmal das Schlimmste: ein solcher Prozess suggeriert auch immer, dass nach einer Verurteilung so etwas wie Gerechtigkeit hergestellt sei. Angesichts dessen, was der Begriff Auschwitz repräsentiert, verbietet es sich, den Begriff von Gerechtigkeit überhaupt nur in den Mund zu nehmen. Es kann kein gerechter Umgang mit den geschehenen Morden hergestellt werden.

Es wird seit langem gerne das Bild vermittelt, die bürgerliche Gesellschaft (im Film verkörpert durch Klaußner und Zehrfeld) sei ein Feind des Faschismus. Das aber entspricht nur der halben Wahrheit. Fritz Bauer war sicherlich Bürger und Antifaschist in Einem, keine Frage. Starke bürgerliche Institutionen können selbstverständlich auch, wie momentan sichtbar in den USA, das Abrutschen eines bürgerlichen Staates in einen Faschismus verhindern. Aber grundsätzlich gerät jeder bürgerliche Staat bei der Abwehr des Faschismus an seine Grenzen. Der bürgerliche Staat ist nicht antifaschistisch per se. Der Film über Fritz Bauers Bemühungen, Eichmann nach seiner Aufspürung nach Berlin auszuliefern, stößt eine grundlegende Frage nach dem in der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Strukturen lauernden Faschismus jedoch nicht an. Im Film sind es ausschließlich persönlich an einer Verfolgung der Nazis desinteressierte Gegenspieler, die dem Faschismus in der bundesrepublikanischen bürgerlichen Gesellschaft die Stange halten. Auch das ist nicht völlig falsch, diese Personen mit jenen Interessen gab (und gibt es immer noch). Aber in einer Kunstproduktion suggeriert das eine Gefahr des Faschismus einzig durch Personen, die Faschisten sind oder werden. Die strukturelle, wesentliche Seite, kommt nicht zum Ausdruck.

Die noch viel größere Gefahr aber ist die politisch-ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Über diese schweigt der Film. Für einen Film ist das Thema wirklich schwer zu realisieren. Dialoge können sich bewusst nur aufs Thema fokussieren, wenn sie den Zuschauer nicht mit dem Nachholen von notwendigem Geschichts- und Gesellschaftswissen überfordern.

Das ist eine Zwangslage für Kunstproduktionen. Die Gefahr in der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft ist jedoch so zentral, dass ein Schweigen über die Verbindung Erklärungen und Schlüsse verfälscht. Aufgrund des Artikels 48 der Weimarer Verfassung blieb z.B. die bürgerliche Verfassung des deutschen Vorzeigenationalstaats bis zum Ende des Nationalsozialismus in Kraft. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben beschreibt das Momentum des Bürgerlichen in der faschistischen Gesellschaft eindrucksvoll: „Als die Nazis die Macht ergriffen und am 28.Februar 1933 die ‚Verordnung zum Schutz von Volk und Staat‘ erließen, die auf unbestimmte Zeit die Artikel aufhob, welche persönliche Freiheit, die freie Meinungsäußerung, das Versammlungsrecht, die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Brief-, Post-., Telegraph- und Fernsprechgeheimnis betrafen, haben sie eigentlich nur eine bereits von den vorangehenden Regierungen gefestigte Praxis weiterverfolgt.“[2]

Wird verschwiegen, dass es gesellschaftliche Voraussetzungen und Verbindungen gibt und nicht nur Personen, dreht sich die Kunstproduktion jedoch notwendig um die eigene Achse. So suggeriert man zwar, man übe eine Kritik an der Gesellschaft – letztendlich stellt man aber doch nur Phänomene möglichst real dar; was nicht unbedingt schlecht ist, wie der Film über Fritz Bauer beweist. Eine Kritik an den realen Verhältnissen muss mit einer gewissen Subtilität neben der realen Darstellung geschehen. Sie braucht sich nicht mit Details aufhalten, sondern muss der Kunstproduktion den notwendigen Raum und die Entfaltung einer generellen, emphatischen Kritik geben.

[1]http://www.taz.de/!5237901/

[2]Giorgio Agamben, Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt a.M. 2002, S. 176 f.

von Bengt E. Bethmann

Einleitendes. Der Wesensbegriff der Kritischen Theorie als notwendige Kategorie objektiver Erkenntnis

Auf das, was Horkheimer und Adorno schon in der Dialektik der Aufklärung als den wesentlichen Grund des Antisemitismus bestimmen, wird heute kaum Bezug genommen: „die Verkleidung der Herrschaft in Produktion“[1]. Für Horkheimer und Adorno stehen bei der Untersuchung des Phänomens noch die wesentlichen Bedingungen des Antisemitismus im Vordergrund. Sie haben damit zum wissenschaftlichen Gegenstand gehoben, von was das soziale Phänomen moderner Antisemitismus überhaupt Erscheinung ist. Solch Vorgehen impliziert, dass etwas hinter der Erscheinung des modernen Antisemitismus steht. Über das unmittelbare Phänomen muss demnach hinaus gedacht werden, um dadurch mehr als nur das, was ist über das Phänomen herauszufinden. Denn ohne jede Wesensbestimmung wäre jede Erscheinung, jedes unmittelbare Faktum, also jedes gesellschaftliche Phänomen: eine Erscheinung von Nichts. Wird solch eine Reflexion auf den Grund des unmittelbar Seienden vernachlässigt, könnte nicht mehr bestimmt werden, durch was diese Erscheinungen als solche dem erkennenden Subjekt überhaupt erst vermittelt werden. Das müsste heißen, dass ein soziales Phänomen wie der Antisemitismus sich nicht erkennend durchdringen lässt, solange man auf ihn nur in seiner Unmittelbarkeit starrt. Trotz der verbleibenden Notwendigkeit, den Antisemitismus auch als unmittelbaren Istzustand in der bürgerlichen Gesellschaft ernst zu nehmen – ohne Material keine Theorie, weil kein Gegenstand! – nehme ich mit dem hiesigen Vortrag von solch unmittelbarem Material Abstand. Es geht mir also nicht um eine faktische Darstellung des Phänomens, sondern um die wesentlichen Bedingungen des Seienden. Das kündigt ja auch der Titel bereits an.

Ein Beispiel für eine Wesensfeindschaft ist der Positivismus. Der Positivismus interessiert sich nicht für das, was hinter den Erscheinungen steht und diese hervorbringt. Der Positivismus hat eine lange Tradition. Er denunziert bereits den Kantischen Begriff des Dings an sich als einen obsoleten Substantialismus, als Überbleibsel des hinterwäldlerischen philosophischen Realismus. Da der Kantische Begriff des Dings an sich einen gewissen Interpretationsspielraum für eine mögliche wesentliche ‚Hinterwelt’ der Dinge offen lässt, gilt er den Positivisten als wilder Spekulationsbegriff. Die Positivisten bezweifeln, dass die Dinge mehr sind, als wie sie dem Subjekt erscheinen.

Eine antikantische, antisubstantialistische Interpretation von Phänomenen findet man auch in der Antisemitismusforschung. Werner Bergmann, Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin, fasst den vom Wesensbegriff gereinigten Antisemitismusbegriff wie folgt zusammen: „Gegenüber einer substantialistischen Erklärung wird in der folgenden Darstellung (…) eine funktionalistische bevorzugt, die die Wandlungen der Ursachen, Ziele und Inhalte von Judenfeindschaft in den einzelnen Epochen und Regionen herausarbeitet und auf konkrete gesellschaftliche Konfliktlagen und Interessen zurückzuführen sucht, die nicht notwendig mit dem Verhalten und der Position der jüdischen Minderheit zusammenhängen müssen.“[2] Bergmann kritisiert den ‚Substantialismus’ in den Erklärungen zum Antisemitismus, weil dieser ein ontologisch substantielles Wesen als eine völlig unvermittelte metaphysische Wesenheit konzipiert habe. Er schreibt in seiner es auf die Bestsellerlisten geschafften Geschichte des Antisemitismus, dass ein Substantialismus die fixe Unterstellung von angeblich unveränderlichen Gegebenheiten bedeute. Damit interveniert er durchaus zu Recht gegen eine unreflektierte Substantialisierung von Tätern und Opfern. Diese kennt man von Historikern wie dem Amerikaner Daniel Jonah Goldhagen. Jener erklärt die Virulenz des Antisemitismus mit einer Kontinuität des Gegenstands des Judenhasses: Spätestens seit Luther sind die Deutschen für ihn Antisemiten, kein Wunder also, dass sie es heute noch seien.[3] Ebenfalls substantialistisch sind die Erklärungen der Geschichte aus dem rechten Lager der Historiker in Deutschland. Ernst Nolte hat, als handfester Nationalist, kein Problem damit, mit Hegel die Geschichte als Geschichte von Völkern und Volksgeistern zu erklären. So spricht er, wie auch andere Nationalisten, von substantiellen nationalen Eigenheiten der nationalen Kollektive, die mit ihren jeweiligen Eigenschaften als Agenten der welthistorischen Kämpfe aufgefasst werden. Eine solch vermeintlich ermittelte Identität lässt allerdings alles vermissen, was diese Kollektive aus bestimmten Gründen als erzwungene kollektive Identitäten offenbart: antagonistische Klassen oder unterschiedliche Stände, in die sich alle Kollektive der Nationalisten aufspalten lassen und an denen sich auch die erzwungene Identifizierung der Subjekte mit dem großen Ganzen, mit den angeblich homogenen Kollektiven, abzeichnet. Der von Bergmann kritisierte Substantialismus in den Sozialwissenschaften unterstellt gesellschaftlichen Kollektiven jedoch diese fixen und tradierten Eigenschaften, die es, wie Bergmann zu recht anführt, nicht gibt.

Doch Bergmanns Kritik, dass die falsche Auffassung von Geschichte aus der falschen Substantialisierung kommt, ist trotz ihrer richtigen Stoßrichtung gegen falsche nationalistische, rechte Identitätsstiftungen problematisch. Anders als Bergmann es in seiner oben zitierten Darstellung aus der Geschichte des Antisemitismus formuliert, ist die Kritik des Wesens- oder Substanzbegriffs für eine Kritik an den platten Positionen des sozialwissenschaftlichen Substantialismus nicht zwingend. Wenn Bergmann in seiner oben zitierten Kritik zwar richtigerweise auf die Falschheit eines ewigen Antisemitismus durch die unvermittelte Metaphysik des Opfers anspielt, verabschiedet er sich damit aber von der Erkenntnis, dass es eine substantielle Gesetzmäßigkeit hinter der Erscheinung des Antisemitismus oder auch sonstigen gesellschaftlichen Erscheinungen gibt. So begreift er in der Folge den Wesensbegriff undifferenziert, weil für ihn die falsche Substantialisierung der Rechten zu einer Ablehnung des Wesensbegriffs im Allgemeinen führt.

Aber das geht zu schnell. Es kommt auf einen differenzierten Umgang mit dem Begriff des Wesens oder der Substanz an, um weiterhin auch eine wesentliche Erklärung der Phänomene leisten zu können, wie man sie bei Adorno findet. Für Adorno sind Wesensgesetze hinter den Erscheinungen Gesetzmäßigkeiten, die die objektive Möglichkeit der gesellschaftlichen Erscheinungen sind. Sie sind deshalb auch kein metaphysischer Restbestand, der sich umstandslos wie ein schmerzender Appendix ohne negative Wechselwirkungen auf das Ganze chirurgisch entfernen ließe. Adorno hält deswegen, wie die gesamte Kritische Theorie, am Begriff des Wesens auch und gerade in Bezug auf die gesellschaftlichen Gegenstände und ihrer Erkenntnis fest. Diese hinter den Erscheinungen wirkenden Wesensgesetze seien sogar „wirklicher als das Faktische, in dem sie erscheinen und das über sie betrügt. Aber sie werfen die hergebrachten Attribute ihrer Wesenhaftigkeit ab. Zu benennen wären sie als die auf ihren Begriff gebrachte Negativität, welche die Welt so macht, wie sie ist.“[4]

Als auf den ‚Begriff gebrachte Negativität’ wird der Wesensbegriff durch die kritische Unterscheidung von Wesen und Erscheinung für Adorno zu einem gesellschaftlichen „Unwesen“[5]. Weil Wesen gleich Unwesen ist, ermöglicht dies eine Kritik dessen, was als gesellschaftliche Erscheinung ist. Das soziale Phänomen geht für Adorno somit aus wesentlich Falschem hervor: aus dem Subjekt gegenüber unmittelbar Feindlichem. Das Falsche, Feindliche kann aber als falsche Zwecke Verwirklichendes nur in den gesellschaftlichen Strukturen selber liegen. Es kann nicht aus der bloßen Erscheinung herausgezogen oder sogar noch einfach mit ihr identifiziert werden: „Eine dialektische Theorie der Gesellschaft“, so Adorno, „geht auf Strukturgesetze, welche die Fakten bedingen, in ihnen sich manifestieren und von ihnen modifiziert werden. Unter Strukturgesetzen versteht sie Tendenzen, die mehr oder minder stringent aus historischen Konstituentien des Gesamtsystems folgen.“[6]

Adornos Gedanken zum Wesen wurden von seinen Schülern dann weitergeführt. Die Wesensbestimmung der so mannigfaltigen Erscheinungen fürs Subjekt verliert sich für Hans-Jürgen Krahl beispielsweise nicht wie ein inhaltsloser Schatten in einer von Bergmann unterstellten, unvermittelt ontologischen metaphysischen Wesenheit.[7] In Bezug auf die Rettung des Wesens als Kategorie der Objektivität der Erkenntnis von den Gegenständen heißt es in Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse, dass „dem Wesen (…) keinerlei unendliche Realität“[8] zukomme. Damit wird die Wesensbestimmung zu einer in „die Sphäre endlicher Seinsbestimmungen“[9] fallenden. Der Wesensbegriff steht so also gegen die anthropologisch fixen Substantialisierungen der Historiker, aber auch gegen eine komplette Ablehnung des Begriffs durch Bergmann.

Krahl gibt der alten metaphysischen Unterscheidung von Wesen und Erscheinung so eine neue, kritische Gestalt. Wesen wird für ihn zum Wahrheitskriterium von Aussagen über die Dinge. Krahl gibt der Unterscheidung von Wesen und Erscheinung aus Gründen der Objektivität der Urteile statt. Sein Festhalten am Wesensbegriff verweist auf Marx. Dieser schreibt im dritten Band des Kapitals, dass „alle Wissenschaft (…) überflüssig“ sei, „wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen (…)“[10]. Auch für Marx lässt sich das Wesen der gesellschaftlichen Erscheinungen also nicht einfach in seine blanke, für die subjektive Sinnlichkeit wahrnehmbare Erscheinung auflösen. Eine solche Identifikation von Wesen und Erscheinung würde eine wirkliche, objektive Ergründung von Phänomenen nicht mehr zulassen.

Der Positivismus in der Wissenschaft ist eine logische Konsequenz des Verlusts von Objektivität und Wahrheit, der die Verbannung alles Wesentlichen aus der Theorie vorantreibt. Er verbannt ins Reich des Fabelhaften, was wirklich hinter der der subjektiven Erfahrung zugänglichen sozialen Erscheinung als deren Hervorbringung steht – und nicht schon diese selbst ist. Ohne also die vorausgesetzte Substantialität anzunehmen, greift eine positivistische Erklärung von gesellschaftlich seienden Phänomenen auf kein Prinzip der Genesis des Phänomens mehr zurück. Das aber steht wider die Arbeit mit dem Begriff und damit wider die Erkenntnis der Sachen: „Tatsächlich ist der Begriff“, so Adorno in der Negativen Dialektik, „insoweit der zureichende Grund der Sache, als die Erforschung zumindest eines sozialen Gegenstandes falsch wird, wo sie sich auf Abhängigkeit innerhalb seines Bereichs begrenzt, die den Gegenstand begründeten, und dessen Determination durch Totalität ignoriert. Ohne den übergeordneten Begriff verhüllen jene Abhängigkeiten die allerwirklichste, die von Gesellschaft, und sie ist von den einzelnen res, die der Begriff unter sich hat, nicht adäquat einzubringen. Sie erscheint aber einzig durchs Einzelne hindurch [sic!], und dadurch wiederum wandelt der Begriff sich in der bestimmten Erkenntnis.“[11]

Die Erkenntnis des sozialen Gegenstands wird also für Adorno falsch, sobald man dessen Determination einer durch ihn hindurch wirkenden Totalität verleugnet. Diese Totalität ist die objektiv erkennbare Gesetzmäßigkeit hinter den sozialen Erscheinungen – und wenn man so will: die erkennbare metaphysische Grundlage aller sozialer Phänomene. Die Totalität ist dabei mehr als eine bloße Agglomeration dessen, was unter sie subsumtionslogisch addiert wird. Sie ist nicht einfach extensional. Adorno bestimmt sie intensional, was bedeutet, dass sie immer auch mehr als eine nur umfangslogische Bestimmung des Daseienden ist. Die Totalität verweist deshalb auf die objektive Bedingung der Möglichkeit der Erscheinung, die sich aus den einzelnen zusammengefassten Bezeichnungen von sozialen Phänomenen nicht erkennen lässt. Sie verweist insofern auf ein hinter den zusammengetragenen Fakten liegendes Prinzip ihrer Existenz.

Dieses Prinzip der Existenz der Fakten ist selbst kein empirischer Fakt. Es ist ein objektives Moment hinter den Fakten, was dem Subjekt a prima vista nicht offensichtlich ist. Bei der Vermittlung von Subjekt und Objekt ist deshalb die Seite der Objektivität, die Seite des Ansich als dem Subjekt gegenübertretende ontologisch hochzuhalten. Das Subjekt wird nur dann nicht zu dem Faktor, der alle Objektivität konstruktivistisch aus sich heraus schafft, wenn die so genannte autonome „Präponderanz des Objekts“[12] durchs Subjekt (an-)erkannt wird. Deshalb spricht Adorno vom notwendig ontologischen Moment innerhalb des Erkenntnisprozesses, dem eine Dignität innerhalb dieses Prozesses zukommt. Aber dieses Moment darf wiederum auch nicht aus dem dialektischen Erkenntniszusammenhang gerissen werden: „Soweit bedarf es eines ontologischen Moments, wie Ontologie kritisch dem Subjekt die bündig konstitutive Rolle aberkennt, ohne daß doch das Subjekt durchs Objekt gleichwie in zweiter Unmittelbarkeit substituiert würde.“[13]

Das Kapitalverhältnis als Wesen des modernen Antisemitismus – aus dem er aber nicht notwendig folgt

Doch was verursacht die sozialen Fakten als Resultate subjektiver Handlungen, was steht als deren objektive Möglichkeit als Prinzip hinter ihrer Erscheinung? Was macht überhaupt den Blick auf prinzipielle gesellschaftliche Strukturgesetze so wichtig, wenn von sozialen Phänomenen gesprochen wird?

Zunächst einmal verdankt sich das Handeln der Subjekte, abstrakt besehen, also ohne eine konkrete Gesellschaftsform gleich mit anzuführen, der arbeitstechnischen Vermittlung mit der Natur, der „sich das Leben der Menschen (…) verdankt“[14]. Alles gesellschaftliche Leben verdankt sich dem rationalen Eingriff des Subjekts in den Naturzusammenhang. Alle Kultur geht darauf zurück. Deshalb ist sie das Resultat der Distanzierung der Menschen von der ersten Natur. Weil die Reproduktion jedes Einzelnen auf Seiten der im Verein in den Naturzusammenhang eingreifenden Gesellschaft liegt, liegt die Möglichkeit der Selbsterhaltung für das Subjekt zweifelsohne auf Seiten der kulturbildenden Gattung und nicht bei ihm selbst. Für seine eigene Reproduktion könnte ein vereinzeltes Subjekt nicht sorgen. Deshalb ist die rational organisierte Gesellschaft alleiniges Subjekt individueller Selbsterhaltung. Als biologische Wesen sind die Subjekte um ihres Überlebens Willen gezwungen, sich die sie als Umwelt umgebenden natürlichen Gegebenheiten durch eine gemeinsame Bearbeitung dienlich zu machen.

Die einzelsubjektive Selbsterhaltung ist von der allgemeinen Gattung und deren rationaler Organisation des Stoffwechsels mit der Natur unmittelbar abhängig. Nur durch den organisierten Stoffwechsel mit der Natur und damit vermittels der Abhängigkeit von den jeweiligen Formvoraussetzungen der konkreten Gesellschaft und ihren kulturell bestimmt organisierten Eingriffen in den Naturzusammenhang lässt sich die Reproduktion des Einzelnen realisieren. Dabei ist gleichgültig, ob sich der Einzelne subjektiv mit dieser konkreten Organisation der Kulturprodukte anfreunden kann oder nicht: „Die Abschaffung des Leidens, oder dessen Milderung hin bis zu einem Grad, der theoretisch nicht vorwegzunehmen, dem keine Grenze anzubefehlen ist, steht nicht bei dem Einzelnen, der das Leid empfindet, sondern allein bei der Gattung, der er dort noch zugehört, wo er subjektiv von ihr sich lossagt und objektiv in die absolute Einsamkeit des hilflosen Objekts gedrängt wird.“[15]

Weil sich das einzelne Individuum von der objektiven Gesellschaft aus Reproduktionsgründen nicht lösen kann, wird seine Reproduktion innerhalb der Gesellschaft zum Zwang. Die soziale Individuation des Subjekts ist ein Zwang in der immer bereits organisierten Gesellschaft. Diese objektive Einbindung bezeichnet Adorno als einen restontologischen Vorrang des Objekts: die Naturwüchsigkeit der Gesellschaft durch präformierende, institutionalisierte soziale Prozesse, die jedem subjektivistischen Konstruktivismus des Seins widersprechen. Die zweite Natur gleicht dadurch der ersten Natur. Für das einzelne Subjekt ist sie ein unumstößlicher integrativer Zwangszusammenhang, vor dem es kein Entkommen gibt.

Jedes Handeln und jeder sedimentierte soziale Gegenstand und Zusammenhang weist damit durch seine Bedingung der Möglichkeit in die Dimension der ihn konstituierenden Grundlage notwendig zurück: die rational organisiert in den heteronomen Naturzusammenhang eingreifende, kulturschaffende Gesellschaft. Der rational organisierte Eingriff in den Naturzusammenhang erweist sich somit ausnahmslos als existentielle, unmittelbare Grundlage aller sozialer Phänomene, weil er jede Existenz menschlichen Lebens erst ermöglicht. Sofern kein gesellschaftliches Phänomen und auch keine Gesellschaft ohne mit dem zweckmäßigen, selbsterhaltenden Eingriff in die Naturzusammenhänge vermittelt seiend zu denken ist, wäre ohne das gesellschaftliche fundamentum einer in den Naturzusammenhang eingreifenden Gemeinschaft überhaupt keine soziale Erscheinung möglich. Nach Adorno gibt es deshalb „kein soziales Faktum, das nicht durch Gesellschaft determiniert wäre.“[16]

Demnach kann auch der Antisemitismus nicht ohne die sich über den Eingriff in den Naturzusammenhang reproduzierende Gesellschaft als Bedingung seiner Möglichkeit existieren. Die Erklärung des gesellschaftlichen Phänomens Antisemitismus kann deshalb nicht von diesem rational organisierten Eingriff in den Naturzusammenhang als der Notwendigkeit des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses getrennt werden.

Diese dialektische Vermittlung von rational organisierter gesellschaftlicher Reproduktion und sozialen Phänomenen verweist deshalb die Bestimmung des Antisemitismus als gesellschaftlichen Gegenstand notwendig an das konkrete Wie der gesellschaftlichen Organisation der allgemeinen und in sich rationalen Reproduktion von Gesellschaft. Das macht den objektiven gesellschaftlichen Bezug des sozialen Phänomens aus. Damit wird es, durch die Vermittlung mit dem vernünftig organisierten Eingriff in den Naturzusammenhang, auch von einer bloß bodenlosen Chimäre getrennt. Käme dem sozialen Phänomen nicht eine immanent rationale Erklärung zu, wäre es ein molluskenhaft irrationales Phänomen, das jeder weiteren wissenschaftlichen Bestimmung enthoben wäre. Das Gegebene ist aber kein reiner Irrsinn. Dem Phänomen ist ein rationaler Maßstab immanent, der auf die diskursiven Zwecke der Erscheinung in der objektiven Gesellschaft hindeutet. Ohne eine solche immanente Rationalität könnte die Erscheinung mit keinem vernünftigen Maßstab kritisiert werden. Die Vernunft hätte ohne vernünftigen Inhalt der Sache keinen Inhalt, an dem sie kritisch ausgeübt werden könnte. Eine Kritik des Wesens der sozialen Phänomene könnte diese gar nicht erst als Unwesen kritisieren. Die Kritik, wenn sie nicht nur Fantasterei oder Utopie ohne jeden sachlichen Grund sein möchte, die dieses gesellschaftliche Unwesen transzendierte, kann nicht allein aus Einbildungskraft oder einer nur reinen Vernunft kommen: sie muss Ergebnis einer rationalen Durchdringung und Gestaltung des tatsächlichen Materials sein. Solange also die Kritik an gesellschaftlichen Phänomenen mehr als nur ein leeres Versprechen sein will, muss die immanent rationale Zweckbezogenheit des sozialen Gegenstands das Fundament bilden, mit der der soziale Gegenstand in seiner Existenz erklärt wird. Alle Erscheinungen und damit auch ihre Zwecke (ihre Rationalität) fundieren demnach im rational organisierten Reproduktionsprozess der Gesellschaft.

Der zum Überleben der Einzelnen notwendige Reproduktionsprozess der Gesellschaft findet in Form eines ganz bestimmten, konkreten Arbeits- und Reproduktionsprozess statt. Dieser zeigt sich für die Distanzierung der Subjekte von den unmittelbaren Naturzusammenhängen verantwortlich. Er ist historisch und damit wandelbar. Die vorerst nur abstrakte Bestimmung, dass er zum Überleben der Gattung Mensch notwendig sei, verweist deshalb auch auf die Frage, wie dieser Produktionsprozess konkret gestaltet und organisiert ist.

Der Feudalismus begrenzte die im Entstehen begriffene bürgerliche Ökonomie noch durch die noch persönliche Herrschaftsform.[17] Die Amerikanische und Französische Revolution 1776 bzw. 1789 sprengen diese Ketten dann. Konkret setzt die bürgerliche Revolution eine neue Herrschaftsform frei, die die gesellschaftliche Herrschaft hinter allgemeinen, die Privilegienrechte abschaffenden Rechtsformen verschleiert. Herrschaft scheint zwar nicht mehr zu existieren, da allen Mitgliedern über die installierten Rechtsbegriffe vermittelst der garantierten Verfassung allgemeine Rechte zukommen. Denn nach der gewaltsamen Freisetzung von ihren Möglichkeiten der eignen Reproduktion gelten nämlich alle Subjekte der bürgerlichen Gesellschaft als Wareneigentümer gleichermaßen. Völlig abstrahiert von allem konkreten Material kommen ihnen die selben Rechte als Eigentümer von Waren zu. Gleichgültig ist, ob das Rechtssubjekt dabei Eigentum in Form von Ware an Produktionsmitteln besitzt, oder ob es die Verfügbarkeit über die Produktionsmittel gewaltsam verloren hat und darum dazu gezwungen ist, als doppelt freier Lohnarbeiter seine Ware Arbeitskraft auf dem Markt anzupreisen. Da seit den gewaltsamen Aneignungen der Produktionsmittel durch nur eine Klasse diejenigen Subjekte ohne zur eigenen Reproduktion mögliches Material stehen gelassen werden (denen vorher die Verfügung über dieses Material überlassen wurde), ist die Unterstellung gleicher gesellschaftlicher Voraussetzungen aller ein Schein. Diese willkürliche, gewaltsame Aneignung von Produktionsmitteln ist – freilich post festum– in legale Gesetze des diese garantierenden bürgerlichen Staats gegossen. Dadurch wird die Freisetzung von Produktions- und Reproduktionsmitteln durch Wenige von Vielen für die Zeit des Bestehens des bürgerlichen Staats verlängert. Die materiellen Unterschiede werden mit dem staatlich garantierten, von jedem Inhalt abstrahierenden formellen Recht also nicht etwa beseitigt. Mithilfe der Abstraktion in der Rechtsform wird das Privateigentum an Produktionsmitteln für Wenige erst juristisch wasserdicht. Die universale Abstraktion von allem Material durch die staatlich geltenden Rechtsbegriffe bestätigt und verlängert die nach dem Akt ihrer Aneignung offensichtlichen materiellen Unterschiede von Eigentum. Inhaltlich ist die juristische Entfremdung von den Reproduktionsmitteln durch die allgemeine Rechtsform für die erweiterte Unterjochung der materiell Eigentumslosen verantwortlich.So ist das allgemeine, vom Staat garantierte Recht unbedingt als eine vom Reichtum ausschließende Schaffung von Klassenunterschieden aufzufassen. Die Klassenunterschiede rühren von den Unterschieden im konkreten Inhalt des jeweiligen Eigentums her, das sich immer aufs Gesamtkapital bezieht und welches überhaupt erst die Klassen als Klassen reflexiv aufeinander bezieht. Die reflexiven Klassenunterschiede zu exerzieren ist das Interesse der scheinbar interesselosen Abstraktion der garantierten Eigentumstitel von allem Material.Der Zweck der historischen Setzung von Eigentumstiteln ist die Schaffung von elitärem Privateigentum an Produktionsmitteln für die dadurch herrschende Klasse bei gleichzeitiger Freisetzung einer Arbeiterklasse. Ohne die Selbstverdinglichung als Ware fehlt dieser die Möglichkeit, sich wie die Knechte noch selbst zu reproduzieren.

Jenes Subjekt, das neben seiner Arbeitskraft keinerlei andere Ware als Eigentum auf dem Markt geltend machen kann – die der Möglichkeit nach alle Subjekte zur Vernutzung anbieten dürfen – hat diese Ware Arbeitskraft deshalb auf dem Markt zu eigenen Reproduktionszwecken zu verdingen. Es kann sich nur reproduzieren, solange es seine Ware Arbeitskraft auf dem Markt denjenigen Produktionsmittelbesitzern feilbietet, die ihm die eigene Reproduktion der Möglichkeit nach in Aussicht stellen. Passiert dies nicht – im schlimmsten Fall würde das Subjekt verhungern. Der Verkauf von Waren auf dem Markt unterliegt dabei einer beständigen Verwohlfeilerung, also auch die der Ware Arbeitskraft. Diese wird auf dem Markt zu ihrem Tauschwert von einem Eigentümer an Produktionsmitteln zwecks der Verwohlfeilerung seiner mithilfe der Ware Arbeitskraft produzierten Waren gekauft. Der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft darf von ihrem Käufer wie bei jeder anderen Ware angewendet werden. Das spezifisch Eigentümliche der Ware Arbeitskraft gegenüber jeder anderen Ware ist, dass diese über die Anwendung ihres unmittelbar physischen Gebrauchswerts mehr Wert schafft, als zu ihrer physischen Reproduktion notwendig ist. Sie wird also physisch vernutzt, um dem Produktionsmitteleigentümer einen besonderen Vorteil zu verschaffen. Er wendet den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft an, um seinen Produkten über die gesetzlich garantierte, der Ware Arbeitskraft ausgepressten Mehrarbeit einen Mehrwert hinzufügen zu lassen – den auf dem Markt über die Zirkulationssphäre realisierbaren Gewinn. Die Mehrarbeit ist durch die installierten Rechtsformen der bürgerlichen Gesellschaft genau so wenig sichtbar wie die rechtlich installierten und juristisch verlängerten Klassenverhältnisse sinnlich wahrnehmbar sind. Das ist Teil der Ideologie der Gerechtigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft.

Beide Eigentümer, also Arbeiter und Kapitalist, stehen bei der Verwertung ihres Eigentums in der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren jeweiligen Klassenmitgliedern in heftiger Konkurrenz. Alle Einzelkapitale erweisen sich zwar durch ihre technische Abhängigkeit voneinander affirmativ aufeinander. Der Produktionsmitteleigentümer bleibt jedoch keiner, bleibt er nicht konkurrenzfähig. Durch die Konkurrenz um den begrenzten Marktmagen sind Produktionsmitteleigentümer negativ aufeinander bezogen. Der Lohnarbeiter hingegen kann sich nicht reproduzieren, solange er sich nicht gegen andere Lohnarbeiter auf dem Markt durchsetzt. Alle Lohnarbeiter sind zwar durch die rationalisierte Arbeitsteilung affirmativ aufeinander, aber auch durch Konkurrenz um die ständig fehlenden Arbeitsplätze negativ aufeinander bezogen. An Arbeitsplätzen mangelt es im Kapitalismus systematisch: „Mit der durch sie selbst produzierten Akkumulation des Kapitals produziert die Arbeiterbevölkerung (…) in wachsendem Umfang die Mittel ihrer eignen relativen Überzähligmachung. Es ist dies ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliches Populationsgesetz, wie in der Tat jede besondre historische Produktionsweise ihre besondren, historisch gültigen Populationsgesetze hat.“[18] Die systematische relative Überzähligmachung großer Teile der Bevölkerung, die notwendige Arbeitslosigkeit der industriellen Reservearmee, drängt die Eigentümer an Nichts als ihrer Ware Arbeitskraft also zur Konkurrenz, während Produktionsmitteleigentümer zur systematischen Verwohlfeilerung ihrer Produkte gezwungen werden, um ihre Konkurrenz auf dem Markt zu unterbieten und dadurch auszustechen.

Insofern versuchen alle Subjekte gegenüber den Konkurrenten sich einen Vorteil zu verschaffen, um die eigene Reproduktion unter kapitalistischen Klassenverhältnissen zu realisieren. Ihnen sind, am eigenen Leib sinnlich erfahrbar, die anderen Mitbewerber um die Reproduktion immer zu viel. Da man neben der darin liegenden Irrationalität jedoch nicht nur juristisch, sondern wohl auch körperlich nicht in der Lage sein dürfte, alles und jedes zu seinen Gunsten zu vernichten um sich im Kampf um die eigene Reproduktion ein wenig Ruhe zu verschaffen, rekurriert man auf ausgewählte, historisch mit Makeln behaftete Gruppen. Diese werden mit dem Ziel des Konkurrenzvorteils diffamiert. Die Rechtssubjekte werden insofern aus Rechts- und Ökonomiegründen in der bürgerlichen Gesellschaft zu Antisemiten und Rassisten – sie müssen dies aber nicht.

Im modernen Antisemitismus kommt dabei ein Konglomerat an Material zur Geltung, dass das ökonomische Konkurrenzvorteilsgesuch mit historisch überbrachten Gerüchten über Juden verbindet. Deshalb ist es auch keineswegs gleichgültig, dass insbesondere Juden im Fadenkreuz des Hasses stehen. Die Opferrolle wurde ihnen gewissermaßen historisch übergestülpt.[19] Weil Juden seit den mittelalterlichen Konzilien keinen Grund und Boden besitzen durften, blieb ihnen im Feudalismus allein die Sphäre der Zirkulation, um ihre jeweilige Reproduktion zu realisieren. Das heißt, allein Geschäfte abseits der Produktion wie der Finanzsektor, Handel etc. waren für Juden zugänglich. Die Juden wurden so zu Vermittlern zwischen Herrschaft und Christen, die Grund und Boden besaßen. Häufig übernahmen die Juden administrative Aufgaben für den Adel, um sich einen Platz in der feudalistischen Gesellschaft zu sichern. Diese Bankgeschäfte für den feudalistischen Adel oder Zinseintreibungen für die Herrschaft vor allem im Zarenreich, dem Ursprungsland des internationalen antisemitischen Bestsellers der Protokolle der Weisen von Zion, vermittelten den Knechten ein bestimmtes Bild von den Juden als Herrscher oder Strippenzieher. Dieses Bild transportiert sich in die bürgerliche Gesellschaft und wird ein zentrales Moment des modernen Antisemitismus. In der bürgerlichen Gesellschaft kommt es dann durch die Verallgemeinerungen und Verschleierungen von nicht notwendiger Arbeit zu Reproduktionszwecken und der Ubiquität der Zirkulationssphäre, der man als Rechtssubjekt unmittelbar ausgesetzt ist, zu antisemitischen Vorstellungen. Man vermutet den Juden als Drahtzieher der gesellschaftlichen Veränderungen und als Profiteur dieser. Durch die Vermittlung über die Zirkulation wird die tatsächliche Herrschaft des ökonomischen Systems verschleiert. In der Zirkulationssphäre wird immer nur der Schnitt realisiert, der in der kapitalistischen Produktion über die erzwungene Mehrarbeit durch den Äquivalententausch gemacht wird. Das Finanzkapital scheint deshalb, wenn es nicht sogar als alleinige Ausbeutungsmacht gilt, das produktive Kapital zu etwas zu drängen, was diesem eigentlich fremd sei. Diese falschen Auffassungen neben den handfest antisemitischen von schaffendem und raffendem Kapital kennt man aus der Ideologie des Nationalsozialismus. Nur mittels emphatischer Reflexion kann man der Systematik der bürgerlichen Produktionsweise und damit der tatsächlichen gesellschaftlichen Herrschaft beikommen. Man kann sie nicht einfach sinnlich wahrnehmen. Antisemiten sehen die gesellschaftliche Herrschaft genau so wenig als eine systematische eines nahezu automatischen Subjekts, der man als atomisiertes individuelles Subjekt nicht beikommt. Sie rufen nach Verantwortlichen für jene sichtbare Misere, die das kapitalistische System allerorten hinterlässt. Sozialdemokraten und kleinbürgerliche Intellektuelle wollen bei gleicher eindimensionaler Kritik Banker und Vertreter der Zirkulationssphäre in die Pflicht nehmen, Antisemiten sehen in diesen Funktionen eine identifizierbare Gruppe: Juden. Der Vorwurf etwa, dass der Jude lieber ein raffgieriger Finanzspekulant sei als ein richtiger Arbeiter, fällt auf die vermeintlich sichtbare Sphäre der Ausbeutung in der Zirkulation zurück. Der Antisemit ist deshalb, wie schon Simmel bemerkt, kein Geisteskranker, sondern ein normaler Bürger – wenn auch zugegebenermaßen ein kreativerer Kopf als sein sprödes Gegenüber, der die inhaltlichen Bestimmungen der Ökonomie als explizit jüdische Ökonomie nicht mitmacht, aber formell zu den selben falschen Urteilen gelangt, wenn er Banken und Banker in die steuerliche oder gesellschaftliche Pflicht nehmen möchte. Der Antisemitismus ist insofern ein Resultat falscher Vorstellungen von Ökonomie und Herrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. Auch wenn es in der bürgerlichen Gesellschaft formell, weil die Rechtsformeln keine identifizierbare Gruppe mehr ausmachen, keinen Antisemitismus mehr gibt; der moderne Antisemitismus wird trotz dieser juristischen Gleichgültigkeit gegen jeden Unterschied (solange es nicht der des Passes ist) systematisch aus historischen Gründen virulent. Antisemitische Vorstellungen sind insofern gesellschaftliche Vorstellungen, die in der Systematik und Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft entstehen und aus ihr heraustreten. Sie rekurrieren auf die kapitalistische Systematik und sind deshalb nicht außergewöhnlich.

Mit dem Vorwurf, Verursacher des gesellschaftlichen Untergangs zu sein, wirft man Juden auch noch die Illoyalität gegenüber dem Staat und damit der kapitalistisch organisierten Allgemeinheit vor. Unterstellt wird ihnen, dass sie, anstatt ordentlich arbeiten zu gehen, sich lieber am staatlichen Gemeineigentum bereichern. So denunziert man sie als gesellschaftlich verzichtbares, antinationales Konkurrenzobjekt, ohne das die Gesellschaft befriedet wäre. An der Stelle geben sich der moderne Antisemitismus und der bürgerliche Nationalismus die Klinke in die Hand. Die Diffamation der Juden als der nationalen Gemeinschaft Nichtzugehörigen macht sie zu antinationalistischen Feinden im Inneren. Da der Jude zudem Lobbyismus zu seinen Gunsten betreibe, also die Politik wenig ehrenhaft nur zu seiner persönlichen Bereicherung benutze und die Medien genauso wie die Kultur durch seinen unsichtbar-sichtbaren Einfluss[20] zu seinen Gunsten umschreibe, sei er als bösartiges Geschwür aus dem ehrenwerten Volkskörper zu entfernen.

Das bindet den modernen Antisemitismus affirmativ an den Begriff des Allgemeinwohls[21]. Die leise Ahnung der Antisemiten, dass das Allgemeinwohl nur dem konkreten Zweck des reibungslosen Ablaufs des reflexiven Kapitalverhältnisses dient, und damit auch die materiellen Eigentums- und Konkurrenzverhältnisse nach der gewaltsamen Aneignung zu verlängern, und nicht die Bedürfnisse der Einzelnen garantiert, mündet in einer empörten, substanzlosen Diffamation an vermeintlich das System exerzierenden Juden.[22] Das Gemeinwohl ist insofern nur ein anderer Ausdruck für die über die staatlichen Institutionen erzwungene Mehrproduktion und des daraus folgenden Mehrwerts für die Eigentümer an Produktionsmitteln. Dass Juden den vermeintlich eigentlichen Zweck, die Erfüllung der Bedürfnisse aller, usurpieren, ist nur die verkürzte Erklärung der kapitalistischen Misere durch die, die sich mit Ökonomie und Geschichte nicht auseinandersetzen konnten oder wollten.

Die Konkurrenz um die Reproduktion bestimmt den Inhalt des notwendig falschen Bewusstseins des Antisemiten, nicht das falsche Bewusstsein seinen Inhalt

 Die zwei sich an der Neuen Marx Lektüre orientierenden Autoren Moishe Postone und Stephan Grigat sind sich darin einig, dass Antisemitismus und bürgerliche Produktionsweise in notwendigem Zusammenhang zueinander stehen. Der Antisemitismus werde aus seiner hinreichenden Bedingung, dem Kapitalismus gestiftet. Grigat schreibt: „Insofern ist der Antisemitismus nichts einfach Hinzutretendes, sondern sowohl theoretisch als auch historisch mit dem Waren-, Geld- und Kapitalfetisch Zusammenhängendes.“[23] Ebenfalls gegen jedes historische Argument gewendet formuliert Postone in Antisemitismus und Nationalsozialismus, dass die „abstrakte Herrschaft des Kapitals“ die Menschen in ein „Netz dynamischer Kräfte“ verstricke. Diese Kräfte würden, „weil (…) nicht durchschaut (…), in Gestalt des ‚Internationalen Judentums’ wahrgenommen.“[24]

Die notwendige Konsequenz der Ableitung von Ökonomie und erscheinendem Antisemitismus sei nach Grigat deshalb offensichtlich, weil der Antisemitismus nichts einfach Hinzutretendes sei. Das führt zum Urteil Grigats, dass allein in der Erklärung der kapitalistischen Gesellschaft die Begründung des Phänomens Antisemitismus liege: „Erklärt werden kann nicht mehr der Antisemitismus, sondern nur mehr die Gesellschaft, der er strukturell (!) innewohnt.“[25] Weil der Antisemitismus der Gesellschaft strukturell innewohne, würde sich das antisemitische Bild von den Juden in der bürgerlichen Gesellschaft auch „aus sich selbst“[26] erklären.

Grigat und Postone wollen den Fetischbegriff als einziges materialistisches Moment der Erklärung von Kapitalismus und damit auch des Antisemitismus akzeptieren. Der Fetisch wird nach Marx dem falschen Bewusstsein von den gesellschaftlichen Verhältnissen gleichgesetzt. Für Grigat sei der Fetischbegriff nicht nur die Überwindung des Traditionsmarxismus und der inzwischen unzureichend gewordenen Klassenbegriffe: „Die Geschichte erscheint so nicht mehr wie im traditionellen Marxismus vorrangig als eine Geschichte von Klassenkämpfen, sondern als eine Geschichte von Fetischverhältnissen.“[27]

Allein der zentrale Begriff des Fetischs, die Marxsche Erkenntnistheorie aus dem ersten Kapitel des Kapitals, kann für Grigat und Postone die Universalität des Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft begründen. Über die gesellschaftliche Totalität des sozialen Phänomens gebe allein die Marxsche Erkenntnistheorie Aufschluss.[28] Der moderne Antisemitismus sei zur allgemeinen Folge des Verwertungsprozesses des Kapitals selbst geworden, in dem „kapitalistische Formen gesellschaftlicher Beziehungen nicht als solche“, also rein, erscheinen würden, sondern „sich in vergegenständlichter Form“[29] ausdrückten. Diese falsche Vergegenständlichung resultiere unmittelbar aus der Produktionsweise, die als gesellschaftliches Verhältnis von Dingen nicht durchschaut würde.Inzwischen sei der moderne Antisemitismus auch nicht mehr rational zu erklären, denn die Zweckmäßigkeit der vorangegangenen Formen des Antisemitismus sei in der bürgerlichen Gesellschaft verlorengegangen.

Genau an der Stelle beginnen die Probleme bei der Interpretation der herangezogenen Grundlage, des Marxschen Fetischbegriffs des Kapitals. Sie führen für Grigat und Postone notwendig zur Aporie der Kritik des Antisemitismus. Schon oben wurde angeführt, dass die Juden in der bürgerlichen Gesellschaft keine identifizierbare Gruppe mehr sind. Anders als in den mit Privilegienrechten agierenden feudalen Gesellschaften sind sie innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ohne jedes ‚Privileg’. Weil sie dies sind, sollen nach Grigat und Postone die ökonomischen Verhältnisse selbst den Antisemitismus notwendig als abgeleitetes Verhältnis hervorbringen. Die kapitalistische Warenform müsse deshalb „gleichzeitig bestimmte (…) Denkformen“[30] ausdrücken, was den Antisemitismus als falschen Inhalt des bürgerlichen Bewusstseins deklariert.

Die warenproduzierende Gesellschaft ist nach Marx aber eine, über die sich immer notwendig und zwingend „objektive Gedankenformen“[31], die falsches Bewusstsein der Gesellschaft sind, ausprägen. Diese Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse geschieht in Form eines falschen Bewusstseins, das die Ökonomie unmittelbar wie sie dem Subjekt erscheint beschreibt. In den objektiven Gedankenformen objektivieren sich vermittels der subjektiven Tätigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft die gesellschaftlichen Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft: und zwar im Bewusstsein jedes bürgerlichen Subjekts.[32] Das falsche Bewusstsein der Privatproduzenten ist nach Marx dabei ein von den sie umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen der warenproduzierenden Gesellschaft vollkommen adäquates. Es ist das richtige Bewusstsein der falschen objektiven Verhältnisse: „Doch indem ihr Bewußtsein der gesellschaftlichen Realität adäquat ist, ist es notwendig falsch, weil Bewußtsein einer falschen Realität.“[33] Die Zirkulationssphäre scheint zwar, aber sie erscheint dem Subjekt vollkommen richtig: „Den letzteren [den Produzenten, B.E.B.] erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind [sic!], d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“[34]

Deshalb liegen Postone und der unmittelbar an ihn anknüpfende Grigat der Marxschen Erkenntnistheorie nach falsch, wenn sie meinen, der Kapitalismus werde von den Subjekten verkehrt wahrgenommen (s.o.), nicht durchschaut etc. Wahrgenommen werden kann der Kapitalismus auch schon deshalb nicht, weil er sich oben schon nicht als Gegenstand möglicher Anschauung erwies. Er ist nur Gegenstand der Reflexion – ob richtig oder falsch. Wird er nicht vernünftig durchschaut, so wird er falsch gedacht.

Das Urteil, der antisemitische Gedanke sei falsch, müsste deshalb unmittelbar den richtigen Gedanken, die wahre Erkenntnis des Kapitalverhältnisses voraussetzen. Soll aber die wahre Erkenntnis der Falschheit des Antisemitismus möglich sein, kann der Antisemitismus nicht notwendig aus dem Kapitalverhältnis entspringen. In der Form, wie es Postone und Grigat veranschlagen, kann es, wenn es ein wahres Urteil über die Falschheit des sozialen Gegenstands geben soll, kein falsches Bewusstsein geben, das den Antisemitismus notwendig zum Inhalt hat. Würde das falsche Bewusstsein den Verhältnissen unmittelbar entspringen, würde das Bewusstsein aus dem Sein als hieraus abgeleitetes folgen, so könnten die Subjekte ihr eigenes Bewusstsein von den Verhältnissen weder als falsch, noch als richtig begreifen. Sie besäßen nur notwendige Vorstellungen wie gedankliche Abbilder der zwangsläufig (antisemitischen) Realität. Zur spontanen Reflexion des Verhältnisses ihres Bewusstseins zur Realität wären sie in ihrer Reflexhaftigkeit nicht in der Lage. Bewusstsein und Realität wären fürs Subjekt immer identisch, Sein wäre Bewusstsein und vice versa, womit man sich ohne restontologisches Moment der Nichtidentität des Außen gänzlich vom Materialismus verabschiedet hätte; genauso wie von der Erklärung der sozialen Verhältnisse. Den Kapitalismus transzendierenden Momente wie die Spontanität des Subjekts im Denken und Handeln auch gegen seine eigenen Zwecke könnten nicht mehr angeführt werden. Als Skepsis hätte diese sich in sich widersprechende Widerspiegelungstheorie Postones und Grigats den Boden unter den Füssen verloren. Die kompromisslose Kritik der Wertkritiker am Traditionsmarxismus fällt insofern der Logik nach auf eine von ihnen an Lenin und dem Traditionsmarxismus kritisierte reflexhafte positivistische Widerspiegelungstheorie zurück. Eine solche muss den Antisemitismus substantiell unerklärt lassen, da nach ihr kein subjektives Moment seiner Abschaffung, kein Maßstab der Kritik mehr ausweisbar wäre. Eine Erklärung, woher Antisemitismus wirklich kommt und was seine immanenten Zwecke sind, muss logisch gesehen ausbleiben. Diese Nachzeichnung der Konsequenz der Widerspiegelungstheorie deckt sich mit dem Urteil Postones und Grigats, den Antisemitismus der bürgerlichen Gesellschaft als irrational zu brandmarken. Damit werden rationale Kriterien seiner Kritik aus der Hand gegeben. Das Urteil von der Falschheit des Antisemitismus durch Postone und Grigat ist dabei eines, das aus der Subjektlosigkeit ihrer Widerspiegelungstheorie folgt. Ihr eigenes Urteil von der Falschheit des Antisemitismus steht aber gerade durch ihre vertretene Widerspiegelungstheorie gegen ihre gesellschaftstheoretische Logik, die durch ihre Subjektlosigkeit keine substantielle Kritik mehr kennen dürfte. Sie dürfte keine substantielle Kritik und keine Falschheit eines Phänomens kennen, weil der Istzustand notwendig zum Phänomen führt. Kein Subjekt könnte sich von diesem Automatismus befreien. Der Begriff des sich von jedem einzelnen Subjekt vorrangigen Wesens hinter den sozialen Erscheinungen wird von Postone und Grigat nicht ernst genommen. Für beide Theoretiker sind Denken und Sein identisch, das Subjekt ist unmittelbar von seinen eigenen Voraussetzungen abhängig. Der Antisemitismus wird deshalb konsequenterweise nur im Subjekt und seinem (falschen) Denken gesucht. Das falsche Bewusstsein oder der Fetisch ist aber immer nur die notwendige Widerspiegelung des falschen Seienden. Diesen Bann können Grigat und Postone nicht brechen, dafür bräuchten sie eine Subjekttheorie, die Subjekt und Objekt als eigenständige Momente vermittelt. Nur wenn Subjekt und Objekt auch unterschieden sind, kann das Subjekt als Autonomes über das Objekt klare, nicht gleich reflexhafte Gedanken entwickeln. Nur so bleibt die notwendige Distanz in der dialektischen Vermittlung von Subjekt und Objekt gewahrt. Das rationale Subjekt erkennt die Rationalität im Objekt insofern nicht unmittelbar, sondern vermittelt über eine kritische, auch seine eigenen Voraussetzungen in Frage stellen könnenden Vernunft.

Um den Antisemitismus gegen den Positivismus Postones und Grigats noch rational erklären und damit kritisieren zu können, muss er zweckbezogen und eben doch ein Hinzutretendes sein. Deshalb kann er sich nicht aus der bürgerlichen Produktionsweise logisch ableiten lassen. Dass der Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft weiterhin existiert, lässt sich dabei auf zwei wesentliche Komponenten zurückzuführen: den unmittelbaren Konkurrenzzwang innerhalb der bürgerlichen Produktionsweise, den jedes bürgerliche Subjekt auf seinen Schultern spürt, und die lange unheilvolle Geschichte des Judenhasses. Als Momente verbinden sich der Glaube daran, dass die bürgerliche Gesellschaft mit ihrem ubiquitären Handelsstrukturen ein traditionell jüdisches Produkt/Projekt sei und der Kampf um die eigene Reproduktion, die für den Großteil der Subjekte immer prekär ist, innerhalb der naturwüchsig durch ihre Gesetze hindurch funktionierenden bürgerlichen Gesellschaft verhängnisvoll zum Wesen des modernen Antisemitismus. Weil die Reproduktion innerhalb der systematischen kapitalistischen Produktionsweise prekär bleiben muss, ist die gesellschaftliche Realität die falsche Realität, die es deshalb zu verändern gilt. Nicht ist, wie Postone und Grigat fordern, das Bewusstsein der Subjekte über die alles in Konkurrenz stellende kapitalistische Ökonomie zu korrigieren, sondern die kapitalistische Gesellschaft selbst. Falsch ist das Bewusstsein von der präformierten bürgerlichen Gesellschaft nur, weil das falsche Bewusstsein der falschen gesellschaftlichen Realität adäquat ist. Notwendig falsch ist es, weil es nach Adorno, Marx und der Kritischen Theorie ein erforderliches Bewusstsein zum Überleben innerhalb einer falschen Gesellschaft, einer falschen gesellschaftlichen Realität ist.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Positivismus bzw. Subjektivismus in den Gesellschaftswissenschaften dafür verantwortlich sind, dass das Wesen und damit das den modernen Antisemitismus Konstituierende verloren geht. Dies führt zu einer Blindheit hinsichtlich der gesellschaftlichen Gründe des sozialen Phänomens. In der Konsequenz verlässt man sich zu sehr auf die Beschreibung und Kombination von sozialen Fakten. Mit im Raum hängenden Fakten ist aber nichts über die gesellschaftlichen Bedingungen des sozialen Phänomens ausgesagt. Der Subjektivismus kommt aber im Resultat zu keinem Ergebnis. Er dreht sich um das Phänomen im Kreis. Von daher muss mithilfe des Wesensbegriffs aus der Kritischen Theorie und Adorno (s.o.) eine Totalität des gesellschaftlichen Phänomens gezeichnet werden, um den Phänomenen überhaupt gerecht zu werden. Nur so kann eine emphatische Kritik geübt werden, nur so kann eine grundlegende Kritik an Phänomenen geleistet werden.

[1] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Gesammelte Schriften Bd. 3 (Adorno), Frankfurt a. M. 1998, S. 197.

[2] Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 2006, S. 7.

[3] Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1998, S. 48: „Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, jedenfalls bis zur Aufklärung, war die deutsche Gesellschaft durch und durch antisemitisch. (…) Warum soll man nicht annehmen, daß derart tief verwurzelte kulturelle Überzeugungen, daß solche Grundzüge der sozialen und sittlichen Weltordnung überdauern, solange nicht bewiesen werden kann, daß sie sich verändert haben oder verschwunden sind.“

[4] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, GS 6, Frankfurt a. M. 1998, S. 171.

[5] Ebd.

[6] Theodor W. Adorno, Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft, GS 8, Frankfurt a. M. 1998, S. 356.

[7] G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik Bd. I, Werke Bd. 5, Frankfurt a. M. 1986, S. 41: „Der konsequenter durchgeführte transzendentale Idealismus hat die Nichtigkeit des von der kritischen Philosophie noch übriggelassenen Gespensts des Dings-an-sich, dieses abstrakten, von allem Inhalt abgeschiedenen Schattens erkannt und den Zweck gehabt, ihn vollends zu zerstören.“

[8] Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution, Frankfurt a. M. 1971, S. 35. (Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse)

[9] Ebd.

[10] Karl Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW 25, Berlin 2003, S, 825.

[11] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, a.a.O., S. 166 f.

[12] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, a.a.O., S. 184.

[13] Ebd., S. 186.

[14] Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf, a.a.O., S. 115. (Ontologie und Eros – zur spekulativen Deduktion der Homosexualität)

[15] Vgl. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, a.a.O., S. 203.

[16] Theodor W. Adorno, Gesellschaft, GS 8, Frankfurt a. M. 1998, S. 10.

[17] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, a.a.O., S. 296: „Bloß die armseligste Stoffhuberei könnte, unterm Titel wissenschaftlicher Akribie, dagegen sich blind machen, daß die Französische Revolution, so abrupt manche ihrer Akte erfolgten, dem Gesamtzug der Emanzipation des Bürgertums sich einfügte. Sie wäre weder möglich gewesen noch gelungen, hätte es nicht 1789 die Schlüsselstellungen wirtschaftlicher Produktion bereits okkupiert und den Feudalismus und seine absolutistische Spitze, die zuzeiten mit dem bürgerlichen Interesse koaliert war, überflügelt.“

[18] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, Berlin 2005, S. 660.

[19] Eine solche Gleichgültigkeit des Opfers ohne Hinweis auf die lange Geschichte des Antijudaismus vermutet Peter Bulthaup, Elemente des Antisemitismus. Ohne Untertitel, in: ders., Das Gesetz der Befreiung, Lüneburg 1998, S. 123: „Gegen wen der wohldefinierte Volkszorn sich richtet, sei der nun durch Herkunft, Eßgewohnheit, Barttracht oder sonst etwas identifizierbar, ist zufällig, gleichgültig.“

[20] Unsichtbar-sichtbarer Einfluss meint die Heranzitierung der Antisemiten von jüdischen Personen, die in der Branche arbeiten, um ein vermeintliches Gesamtbild des jüdischen Einflusses in der Branche zu zeichnen. Dem Antisemiten geht es dabei selbstverständlich nicht um Inhalte, sondern nur um Personen, die auch nur ihre Gruppeninteressen im Kopf hätten. Heranzitierte Personen gelten als pars-pro-toto Beispiel eines jüdischen Einflusses.

[21] „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Artikel 14 GG, http://dejure.org/gesetze/GG/14.html.

[22] Den Höhepunkt einer gutbürgerlichen, nur empörenden Kritik der Verhältnisse ohne Substanz liefert das ‚Buch’ Stéphane Hessels, Empört euch!, Berlin 2011.

[23] Stephan Grigat, Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus, Freiburg 2007, S. 289.

[24] Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, http://www.antisemitismus.net/theorie/postone.htm

[25] Stephan Grigat, Fetisch…, a.a.O., S. 280.

[26] Ebd.

[27] Stephan Grigat, Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus, Freiburg 2007, S. 208.

[28] Diese Aussage richtet sich vor allem gegen Lenin, der eine so genannte Ablenkungsthese formuliert und den Antisemitismus damit als Mittel im politischen Machtkampf beschreibt: „Auch in anderen Ländern hat man nicht selten Gelegenheit, zu sehen, daß die Kapitalisten Feindschaft gegen die Juden schüren, um den Blick des Arbeiters zu trüben, um seine Aufmerksamkeit von dem wirklichen Feind der Werktätigen – vom Kapital – abzulenken.“ W. I. Lenin, Über die Pogromhetze gegen die Juden, http://www.trend.infopartisan.net/antisemitismus/antisem10.html.

[29] Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, ebd.

[30] Ebd.

[31] MEW 23, S. 90.

[32] MEW 23, S. 93: „Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, namentlich in seiner bürgerlichen Entwicklung, dem Protestantismus, Deismus usw., die entsprechende Religionsform.“

[33] Frank Kuhne, Das Subjekt der Kritik der politischen Ökonomie, in: Gesellschaftswissenschaftliches Institut (Hrsg.), Traditionell kritische Theorie. Zehn Überlegungen zu verschiedenen Gegenständen, Würzburg 1995, S. 79.

[34] MEW 23, S. 87.

by Bengt Erik Bethmann

Over the weekend, the number of victims of the attack on two mosques in Christchurch, New Zealand increased to 50. Still 31 people have to remain, partly severe injured, in the hospital.

The shock is deep. Not only in New Zealand did people gather to mourn the victims and demand solidarity rather than racism. In many parts of the world, people took part and condemned the racially motivated and well-founded act. The New Zealand government wants to act fast now. A new gun law should help prevent a crime such as last Friday. The government is now encouraging citizens to volunteer their weapons to the police.[1]So far, in New Zealand citizens over 16 were allowed to have legal weapons after a background check.

But do new gun laws help against what broke loose in Christchurch? To be fair: The laws can at least represent a hurdle. They can also introduce an overall social change of perspective. At least, they will change the relationship of citizens to weapons.

But in a state like New Zealand with little gun crime, the more casual relationship to weapons was never a problem. In order to remain fair at this point, too: New Zealand does not fundamentally problematize the relationship between people and weapons. Police and military may continue to walk heavily armed in the future. This quickly creates the suspicion that the law seeks to conceal deeper reasons for the terrorist attack. Nobody seems to want a broad discussion of the larger context of the act and therefore offers a hasty, only supposed solution to the problem. Many facts speak for a very defensive handling of the New Zealand authorities with the terrorist attack of March-Fifteen. So it is said from police circles so far, that the suspicious 28-year-old Australian Brenton Tarrant was a mentally disturbed individual offender. New Zealand and Australian authorities state that Tarrant has not been on the radar at any time. Intelligence and police were therefore surprised by Tarrants act of violence.

This is hard to imagine. The Australian Tarrant published a 74-page manifesto that he sent to New Zealand Prime Minister Jacinda Ardern 10 minutes before the attack. It seems plausible that the act, as Ardern points out, could not have been prevented by that. But someone who writes a 74-page paper with clearly racist theses can not be a novice in the scene. His paper refers to discourses unanimously represented in the well networked scene. The fear of alleged alienation and concern for cultural, ethnic identity are nowadays part of the standard repertoire in right-wing circles of Western societies. They are convinced, that the Western capitalist cultural area must be defended against mass immigration, against the so-called „population exchange“ in the form of „refugee crisis“ and „economic refugees“. Tarrant takes up one of the main theses of right-wing thinker Renaud Camus. The French author claims in his 2011 book “The Great Exchange”, that Europeans are currently being „exchanged“ with hordes of refugees or to be exact: Muslims.

But Tarrant would not need to read Camus to adopt the popular thesis of so-called ethnopluralism. In addition to the European Identitarian Movement, it is also taken up by Western politicians. In a sense, right from the Bundestag Beatrix von Storch tweeted 2016, that “the plans for the mass exchange of the population have long been written.”[2]

Now, that someone who has innervated the ideology of the new right, can not be considered a single perpetrator. Although he has committed the direct act of terror alone, Tarrants relations to right-wing groups are crystal clear. For several years, the Australian was openly collaborating with right-wing networks, interacting with ultra-right-wing social media, and showed engagement in right-wing blogs. In his manifesto, Tarrant himself mentions that he donated money to many nationalist groups and communicated with many others. He mentioned that he had contact with the Oslo assassin Anders Breivik: „I just had contact with Knight Justiciar Breivik and received a blessing for my mission after contacting his knights.“ That someone who claims to be so open communicating with groups under surveillance, individuals and networks, but still being able to move under the radar of intelligence services, is at least very concerning.

Even more than accusing the authorities of a rather unimaginable failure in the fight against right-wing terror, it is necessary to become aware of the present breeding ground of right-wing terrorism in Western societies. It grows out of a wide hodgepodge or notorious mixture of right-wing parties, intellectuals, movements and journalists. They all hold very similar positions as Tarrant in his manifesto; and Tarrant was conformistically referring to them. In nearly any Western capitalist society there is currently a well-organized extra-parliamentary right that coexist dangerously with a parliamentary right. These connections are constantly being expanded, and by institutionalizing the racist theses they gain a certain reputation and thus gradually lose their back-room character.

The fertile coexistence of politics and the street can also be read in the manifesto of the Christchurch assassin. Tarrant describes US-President Donald Trump because of his racist remarks as „a symbol of renewed white identity“.[3] Regarding to mass immigration, for example, not only the AfD-politician Beatrix von Storch (see above) has formulations that make a qualitative distinction to formulations from Tarrange’s manifesto impossible. Without exaggeration one can state that right-wing extremist ideas have once again arrived in the middle of bourgeois society in large quantities.

This development of the recent years is very dangerous. But it is historically not a unique phenomenon in bourgeois society. From the beginning of bourgeois society there has always been a connection between bourgeois politics and right-wing extremist, above all anti-Semitic thoughts. Just think of the anti-Semitic Decret Infame (1808) of Napoleon, who consolidated bourgeois society and the code civil against the old feudal structures with his army in Europe. The laws of today’s bourgeois societies, such as the laws especially on foreigners, could also be referred to if we were looking for classifications of people by the state and politics. For that reason, civil or bourgeois laws can not simply be upheld as a bulwark against fascism. Not least and not to forget, the entire rule of National Socialism was based legally on the emergency decree of a bourgeois society, Article 48 of the Weimar Republic. The racist laws of National Socialism were accordingly not against the bourgeois society of the Weimar Republic, but were quite legally part of it.

Laws in the bourgeois states generally provide a qualitative basis on which right-wing parties, individuals and the media can build with their racist classifications of citizens and foreigners. Once fascism has made its way into the center of society, there is a large majority who want to see the consequences of these laws realized. On the other hand, racists go further and beyond the formulated laws of bourgeois society. Like Tarrant, naturalization processes in all parts of the world are called into question by racists. In the racist milieu the question of the true citizen, the true citoyen, is permanently asked. For the extreme right-wing and extreme consensus in Western societies, Muslims and Jews for example can never be true citizens. Every bourgeois state is therefore rejected for at least the particular reason that the legal situation permits a naturalization processes. The political processes that lead to a pluralistic population policy should therefore be combated. In its rejection of the political sphere of bourgeois society, which as a pluralist society sacrifices the autochthonous population of the Muslim population through its naturalization, lies one of the consensus of the fascist, racist right. In major items, the right-wing, racist movements and individuals in Western societies agree. On the one hand, this suggests a good international networking of the scene – and, on the other hand, a common fundamentum in re. The similar appearance of right-wing movements in different states is based on a common foundation of their existence, which manifests itself as the social moment of a capitalist society.

The boat is always too full for the fascists. Too many people, in their opinion, unwittingly want to drain the social wealth. Therefore they want to sift out their competitors. One means of doing so is to depreciate them racistly as groups with bad attitudes. Racist-based exclusionary criteria secures them a possible ‘privilege’ in a capitalist society that systematically releases people from the production process. Therefore, the attempt of racists to gain a competitive advantage, from the point of view of the bourgeois mode of production, is not even irrational. The capitalist society systematically pushes people out of the production process as too many.

This system of output lies in the essence of the capitalist mode of production. Even before the first capital cycle was made, the land was divided with the primitive accumulation described by Marx. Most people had nothing of the division of land, which is the basis of the capitalist means of production. Released from the means of their own reproduction, they had to be content with themselves and their physique as a commodity of labor. Legally, everyone got their property. The qualitative differences between the private property of the means of production and the private property of pure labor power are not mentioned by law. The ideology of the same conditions still applies today. The historical difference of private property resulted in the two antagonistic classes in bourgeois society. The economic cycle is set in motion and maintained by civil law, which reproduces the prerequisites of the two antagonistic classes. This is the reason why the two antagonistic classes do not compete against each other, but with each other. But the systematic capitalist reproduction process does not only reproduce the class relationship in its premises, as mentioned above. Marx describes the necessary unemployment in the bourgeois society in Das Kapital. But this also means that those who have no property other than their corporeality necessarily become competitors for jobs, whether they like it or not. All subjects are therefore always too many in capitalist society, and in fact every other competitor threatens the own existence in the capitalist society. Because of this, you hear loud clamors of extradition against people from the labor market as excessive eaters, for whom one has to pay his own hard-won reward. Racism offers the depraved laborers an opportunity to break the systemic pressure. Of course, racism is not a solution to the problem. It’s a completely wrong shift concerning the cause of the problem. Racism is sensemaking to racists because it serves the own reproduction within the capitalist mode of production. Racists prove people with a stigma in order to gain themselves economic advantages. Historically dispositioned groups retain their low social status and get specific societal flaws. Jews, for example, are subject to an antisemitism in bourgeois-capitalist society. Anti-Semites consider Jews as rulers in a capitalist society because of their activity in the sphere of circulation during feudalism.

So far, it seems that only the working class is in competition with each other. But the accusation that only the working class therefore is racist because of its precarious position in capitalist society is much too one-sided. The owner class is not free of competition for its own reproduction. ‘One capitalist beats many dead’, says Marx in Das Kapital. The struggle for the ever-limited market stomach also puts the capitalist class under life-threatening pressure. The competition for market share leaves even the capitalist class no quiet minute. Their social position is systematically in danger, too.

The essential laws of the capitalist mode of production therefore always require action against fellow human beings. The happiness of one subject means always the suffering of another. Racists want to choose the people they don’t want to compete because of the general competition in the labor market. Their choice is petty-bourgeois. It does not address the root causes of the grueling competition. They play the game and want to get the biggest benefit out of their own group – because that increases their own chances when they belong to the group. The class struggle against the cause, the capitalist mode of production, is not considered because of their race struggle. Right-wing radicals don’t want to abolish capitalism, they want to regulate it in their favor.

When radical right-wingers like Brenton Tarrant are anxious to lose so called Western values and the Western way of life, they are afraid of a possible change. There is the fear of losing a position in capitalist society as a member of a majority society (interpreted racistically, not as part of a working class, etc.). This fear of social decline is never unfounded in capitalism. But the racist interpretation of society is fundamentally wrong.

However, society bears a huge share of the blame for racism, which is now spreading more and more. The bourgeois society is responsible for the permanent fear. And it carries with its own definition of citizens and foreigners a responsible complicity in the racist classifications. Through its own immigration law, asylum law, racist distinctions always tend to have a mirror in the bourgeois law.

Assassins like Brenton Tarrant see a social meaning in their cruel actions. Tarrant, Breivik, Fields, etc. are not the mentally disturbed individual offenders, as not only Trump is stating. They follow a societal consensus in the right, which is fueled by parties, movements, networks, individuals, the media, etc., and in turn has its cause in social laws of movement.The international networking of the right-wing scene and social responsibility proves the official lone-wolf-thesis wrong. It distracts from the actual, social authorship of this cruel act. Even clinical reports on the desolate state of mind of Tarrant could not dismiss the social responsibility. The roots of mental illnesses lay in a social contexts.

[1] See https://www.theguardian.com/world/2019/mar/21/explainer-how-are-new-zealands-gun-laws-changing

[2]https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextremer-terror-in-neuseeland-49-menschen-ermordet-45405/

[3]https://www.msnbc.com/am-joy/watch/new-zealand-shooter-calls-trump-symbol-of-renewed-white-identity-1459497539691

von Bengt Erik Bethmann

Übers Wochenende erhöhte sich die Zahl der Opfer des Anschlags auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland auf 50. Noch 31 Personen liegen zum Teil schwer verletzt im Krankenhaus.

Der Schock sitzt tief. Nicht nur in Neuseeland versammelten sich Menschen, um die Opfer zu betrauern und Solidarität statt Rassismus zu fordern. In vielen Teilen der Welt nahm man Anteil und verurteilte die rassistisch motivierte und begründete Tat. Die neuseeländische Regierung will jetzt schnell handeln. „So schnell wie möglich“, hieß es aus Regierungskreisen, soll ein neues Waffengesetz eine Tat wie die vom letzten Freitag verhindern helfen. Details zum entsprechenden Gesetz sind zwar noch nicht bekannt, aber die Regierung ermuntert jetzt schon einmal die Bürger, ihre Waffen der Polizei freiwillig auszuhändigen. Bislang durften in Neuseeland Bürger über 16 nach einer Überprüfung legal Waffen besitzen.

Doch helfen neue Waffengesetze gegen das, was in Christchurch seinen Bann brach? Um fair zu sein: Die Gesetze können zumindest eine Hürde darstellen. Sie können auch einen gesamtgesellschaftlichen Perspektivwechsel einführen. Sie werden das Verhältnis der Bürger zu Waffen verändern.

In einem Staat wie Neuseeland mit wenig Waffenkriminalität war das eher lockere Verhältnis zu Waffen aber nie ein Problem. Um auch an dieser Stelle fair zu bleiben: Neuseeland problematisiert nicht grundsätzlich das Verhältnis von Menschen zu Waffen. Polizei und Militär dürfen auch in Zukunft schwerbewaffnet rumlaufen. So schöpft man schnell Verdacht, dass mit dem Gesetz tiefere und so schnell nicht veränderbare Gründe für den Terroranschlag kaschiert werden sollen. Den größeren Zusammenhang der Tat will man nicht diskutieren und bietet deshalb eine überhastete, nur vermeintliche Lösung des Problems an.

Viele Fakten sprechen für einen sehr defensiven Umgang der neuseeländischen Behörden mit dem Terroranschlag vom 15.03. So heißt es aus Polizeikreisen bisher, dass der tatverdächtige 28-jährige Australier Brenton Tarrant ein psychisch gestörter Einzeltäter sei. Neuseeländische und australische Behörden geben an, dass man Tarrant deswegen zu keiner Zeit auf dem Radar hätte haben können. Geheimdienst und Polizei zeigten sich demnach von der Tat Tarrants überrascht.

Das ist jedoch schwer vorstellbar. Der Australier Tarrant veröffentlichte ein 74-seitiges Manifest, das er keine 10 Minuten vor der Tat auch an die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern schickte. Dass dadurch die Tat, wie Ardern unterstreicht, nicht hätte verhindert werden können, erscheint plausibel. Doch jemand, der ein 74-seitiges Papier mit eindeutig rassistischen Thesen verfasst, kann in der Szene kein Neuling sein. Sein zu Papier gebrachter Rassismus bezieht sich auf in der gut vernetzten Szene einhellig vertretene Thesen. Die Angst vor angeblicher Überfremdung und die Sorge um die kulturelle, ethnische Identität gehören in rechten Kreisen westlicher Gesellschaften inzwischen zum Standardrepertoire. Der westlich-kapitalistische Kulturraum solle gegen die Masseneinwanderung, gegen den so genannten „Bevölkerungsaustausch“ in Form von „Flüchtlingskrise“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ verteidigt werden. Damit nimmt Tarrant eine der Hauptthesen des rechten Vordenkers Renaud Camus auf. Der französische Autor behauptet in seinem 2011 erschienenen Buch „Der große Austausch“, dass europäische Völker gegenwärtig durch Geflüchtete bzw. Muslime ‚ausgetauscht’ werden würden.

Doch Tarrant hätte Camus gar nicht zu lesen brauchen, um die populäre These des so genannten Ethnopluralismus zu übernehmen. Neben der Identitären Bewegung (IB) wird sie auch von westlichen Politikern aufgegriffen. Gewissermaßen aus dem Bundestag twitterte Beatrix von Storch 2016, dass „die Pläne für den Massenaustausch der Bevölkerung längst geschrieben“ seien.[1] Dass im recht harmlosen Ausdruck des Austausches der autochthonen Bevölkerung auch immer die These vom ‚Volkstod’ steckt, ist offensichtlich.

Dass nun jemand, der die Ideologie der neuen Rechten dergleichen innerviert hat, nicht als Einzeltäter gelten kann, obwohl er die direkte Tat sehr wohl alleine begangen hat, macht zudem das Verhältnis Tarrants zu rechten Gruppierungen deutlich. Über mehrere Jahre kollaborierte der Australier offen mit rechten Netzwerken, war in sozialen Medien mit ultrarechten Größen in Kontakt und auf Blogs der rechten Szene aktiv. In seinem Manifest führt Tarrant selbst an, dass er an viele nationalistische Gruppen Geld spendete und mit noch viel mehreren kommunizierte. Unter anderem hätte er auch mit dem Oslo-Attentäter Anders Breivik Kontakt gehabt: „I just had brief contact with Knight Justiciar Breivik and received a blessing for my mission after contacting his knights.“[2] Dass jemand, der nach eigenen Angaben so offen mit unter Beobachtung stehenden Gruppen, Individuen und Netzwerken kommunizierte, sich trotzdem unter dem Radar von Geheimdiensten bewegen kann, macht zumindest stutzig.

Noch mehr als den Verfolgungsbehörden ein eher unvorstellbares Versagen beim Kampf gegen den rechten Terror vorzuwerfen, muss man sich des gegenwärtigen Nährbodens rechten Terrors in den westlichen Gesellschaften bewusst werden. Er erwächst aus einem breiten Sammelsurium von rechten Parteien, Intellektuellen, Bewegungen und Journalisten. Sie alle vertreten ganz ähnliche Positionen wie Tarrant in seinem Manifest; und Tarrant bezog sich konformistisch auf sie. In jeder westlich-kapitalistischen Gesellschaft findet man gegenwärtig eine gut organisierte außerparlamentarische Rechte, die gefährlich mit einer parlamentarischen Rechten koexistiert. Diese Verbindungen werden immer weiter ausgebaut und durch Institutionalisierungen der rassistischen Thesen gelangen sie zu einem gewissen Ansehen und verlieren so sukzessive ihren Hintertürcharakter.

Die fruchtbare Koexistenz von Politik und Straße lässt sich auch im Manifest des Christchurch-Attentäters nachlesen. Tarrant beschreibt US-Präsident Donald Trump nach seinen rassistischen Äußerungen nicht umsonst als „a symbol of renewed white identity“[3]. Bezüglich der Masseneinwanderung etwa findet man nicht nur bei der AfD-Politikerin Beatrix von Storch (s.o.) Formulierungen, die eine qualitative Unterscheidung zu Formulierungen aus Tarrants Manifest unmöglich machen. Ohne zu übertreiben kann man konstatieren, dass rechtsradikale Gedanken in großer Quantität wieder einmal in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen sind.

Diese Entwicklung der letzten Jahre ist brandgefährlich. Aber sie ist auch keine historisch einmalige Erscheinung in der bürgerlichen Gesellschaft. Von Anbeginn der bürgerlichen Gesellschaft gab es immer schon einen Zusammenhang von bürgerlicher Politik und rechtsradikalen, vor allem auch antisemitischen Gedanken. Man denke nur an das decret infame (1808) von Napoleon, der die bürgerliche Gesellschaft und den code civil gegen die alten Feudalstrukturen mit seiner Armee in Europa festigte. Auch auf die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaften von heute wie das Ausländerrecht, das Widerstandsrecht etc. ließe sich verweisen, wenn man nach Klassifizierungen von Menschen durch Staat und Politik sucht. Deswegen lassen sich Bürgerliche Gesetze auch nicht einfach als Bollwerk gegen den Faschismus hochhalten. Nicht zuletzt basierte die gesamte Herrschaft des Nationalsozialismus legal auf der Notverordnung einer bürgerlichen Gesellschaft, dem Artikel 48 der Weimarer Republik. Die rassistischen Gesetze des Nationalsozialismus standen dementsprechend nicht gegen die bürgerliche Gesellschaft der Weimarer Republik, sondern waren ganz legal Teil von ihr.

Gesetze in den bürgerlichen Staaten bilden generell eine qualitative Grundlage, auf die rechte Parteien, Individuen und Medien mit ihren rassistischen Klassifikationen von Staatsbürgern und Ausländern aufbauen können. Hat der Faschismus einmal seinen Einzug in die Mitte der Gesellschaft geschafft, gibt es eine breite Mehrheit, die zum einen die Konsequenz dieser Gesetze verwirklicht sehen will. Zum anderen gehen Rassisten noch weiter und über die ausformulierten Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft hinaus. Wie von Tarrant werden Naturalisierungsprozesse von Rassisten in allen Teilen der Welt in Frage gestellt. Im rassistischen Milieu wird die Frage nach dem wahren Staatsbürger, dem richtigen citoyen gestellt. Für den rechtsradikalen und -extremen Konsens in den westlichen Gesellschaften können Muslime und Juden dabei nie einen richtigen Staatsbürger abgeben. Jeder bürgerliche Staat wird aus dem Grund schon abgelehnt, weil die Rechtslage Naturalisierungsprozesse zulässt. Die politischen Prozesse, die zu einer pluralistischen Bevölkerungspolitik führen, sollen deshalb bekämpft werden. In ihrer Ablehnung der politischen Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, die als pluralistische Gesellschaft die autochthone Bevölkerung der muslimischen Bevölkerung auch durch deren Naturalisierung opfere, liegt einer der Konsense der faschistischen, rassistischen Rechten.

In zentralen Punkten stimmen die rechten, rassistischen Bewegungen und Individuen in den westlichen Gesellschaften miteinander überein. Das lässt zum einen auf eine gute internationale Vernetzung der Szene schließen – zum anderen aber auch auf ein gemeinsames fundamentum in re. Der ähnlichen Erscheinung der rechten Bewegungen in den verschiedenen Staaten liegt ein gemeinsames Fundament ihrer Existenz zu Grunde, das sich als gesellschaftliches Moment der kapitalistisch organisierten Gesellschaft zeigt.

Den Faschisten sind andere Menschen zu viel, das gesellschaftliche Boot ist ihnen immer zu voll. Zu viele Menschen wollen ihrer Ansicht nach unberechtigterweise etwas vom gesellschaftlichen Reichtum abschöpfen. Ihre Konkurrenten um den gesellschaftlichen Reichtum wollen sie nach Möglichkeit aussieben. Ein Mittel dafür ist, als anders ausgemachte Gruppen rassistisch abzuwerten.[4] Über rassistisch begründete Ausschlusskriterien sichert man sich ein mögliches ‚Privileg’ in der kapitalistischen Gesellschaft, die systematisch Menschen aus ihrem Produktionsprozess freisetzt. Deshalb ist der Versuch der Rassisten, sich einen Konkurrenzvorteil zu sichern, vom Standpunkt der bürgerlichen Produktionsweise immanent betrachtet noch nicht einmal irrational. Die kapitalistische Gesellschaft stößt beständig Menschen als zu viele aus ihrem Produktionsprozess aus.

Diese Systematik des Ausstoßes liegt im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise. Noch bevor der erste Kapitalkreislauf getätigt wurde, wurden Grund und Boden mit der bei Marx beschriebenen ursprünglichen Akkumulation aufgeteilt. Die meisten Menschen hatten von der Aufteilung von Grund und Boden, der Möglichkeit nach kapitalistische Produktionsmittel, nichts. Sie mussten, freigesetzt von den Mitteln zur eigenen Reproduktion, mit sich selbst und ihrer Physis als Ware Arbeitskraft vorlieb nehmen. Juristisch bekam jeder sein Eigentum. Die qualitativen Unterschiede zwischen dem Eigentum an Produktionsmitteln und dem Eigentum an Ware Arbeitskraft – und damit nur an sich selbst und ihrer Körperlichkeit – interessieren das Gesetzbuch nicht. Es gilt bis heute die Ideologie von den gleichen Voraussetzungen. Durch die unterschiedlichen Voraussetzungen entstanden in der bürgerlichen Gesellschaft ab ovo zwei antagonistische Klassen. Durch bürgerliches Recht und Gesetz wird zudem der ökonomische Kreislauf in Gang gesetzt und gehalten, der die Voraussetzungen der zwei antagonistischen Klassen reproduziert. Die Klassen konkurrieren deshalb auch nicht gegeneinander, sondern nur untereinander.[5] Die Systematik der kapitalistischen Produktionsweise reproduziert aber eben nicht nur das Klassenverhältnis in seinen Voraussetzungen, wie oben bereits angeführt. „Mit der Größe des bereits funktionierenden Gesellschaftskapitals und dem Grad seines Wachstums, mit der Ausdehnung der Produktionsleiter und der Masse der in Bewegung gesetzten Arbeiter, mit der Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, mit dem breiteren und volleren Strom aller Springquellen des Reichtums dehnt sich auch die Stufenleiter, worin größere Attraktion der Arbeiter durch das Kapital mit größerer Repulsion derselben verbunden ist, nimmt die Raschheit der Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner technischen Form zu, und schwillt der Umkreis der Produktionssphären, die bald gleichzeitig, bald abwechselnd davon ergriffen werden. Mit der durch sie selbst produzierten Akkumulation des Kapitals produziert die Arbeiterbevölkerung also in wachsendem Umfang die Mittel ihrer eignen relativen Überzähligmachung.“[6] Marx beschreibt damit die kontinuierlich von Statten gehende notwendige Arbeitslosigkeit in der kapitalistischen Produktionsweise. Das bedeutet aber auch, dass diejenigen, die außer ihrer Körperlichkeit kein Eigentum haben, die Träger der Ware Arbeitskraft, notwendig zu Konkurrenten um Arbeitsplätze werden müssen, ob sie wollen oder nicht. Alle Träger der Ware Arbeitskraft sind sich deshalb in der kapitalistischen Gesellschaft immer schon zu viele, „und tatsächlich bedroht jeder weitere Konkurrent auf dem Markt für Arbeitskräfte ihre Existenz.“[7] Weil dem so ist, werden Forderungen danach, Menschen vom Arbeitsmarkt oder als überzählige Esser, für die man von seinem hart erarbeiteten Lohn aufkommen soll, auszuschließen, laut. Der Rassismus bietet Verzweifelten die Möglichkeit, sich ein Ventil gegen den systematischen Druck zu verschaffen. Dass Rassismus selbstverständlich keine Lösung des Problems ist, sondern eine völlig falsche Verschiebung der Ursache, interessiert Rassisten bekanntlich nicht. Ihr Rassismus ist sinnstiftend, weil er Reproduktionszwecken innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise dient. Sie belegen Menschen mit Makeln, um sich persönlich ökonomische Vorteile zu verschaffen. Historisch bereits dispositionierte Gruppen behalten dabei ihren niedrigen gesellschaftlichen Status und bekommen noch spezifisch-gesellschaftliche Makel dazu. Juden beispielsweise wird von Antisemiten die Herrschaft in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft unterstellt. Sie werden aufgrund ihrer Tätigkeit in der Zirkulationssphäre des Feudalismus zur Kapitalistenklasse gezählt.

Es sieht bislang nun so aus, als sei nur die Arbeiterklasse gegenseitig in Konkurrenz zueinander gestellt. Der Vorwurf, nur die Arbeiterklasse sei aufgrund ihrer prekären Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft rassistisch, ist viel zu einseitig. Auch die Eigentümerklasse ist nicht von der Konkurrenz um die eigene Reproduktion befreit. „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“[8] Der Kampf um den immer begrenzten Marktmagen setzt auch die Kapitalistenklasse lebensbedrohlich unter Druck. Die Konkurrenz um den Marktanteil lässt auch der Kapitalistenklasse keine ruhige Minute. Ihre gesellschaftliche Stellung ist ebenfalls systematisch in Gefahr.

Die wesentlichen Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise erfordern demnach immer ein Handeln gegen die Mitmenschen. Des einen Glück ist immer des anderen Leid. Rassisten wollen sich die Menschen aussuchen, die sie aufgrund der allgemeinen Konkurrenz nicht auf dem Arbeitsmarkt begegnen wollen. Ihre Wahl ist eine Kleinbürgerliche, die die Ursachen der zermürbenden Konkurrenz nicht angeht, sondern das Spiel mitspielt und für die eigene Gruppe den größten Vorteil rausschlagen möchte – weil das die eigenen Chancen erhöht, wenn man zur Gruppe zählt. Der Klassenkampf gegen die Ursache, die kapitalistische Produktionsweise, wird aufgrund des Rassenkampfes nicht in Erwägung gezogen. Rechtsradikale wollen den Kapitalismus nicht abschaffen, sie wollen ihn zu ihren Gunsten regeln.

Wenn Rechtsradikale wie Brenton Tarrant Angst um die westlichen Werte und um den westlichen Lebensstil haben, steckt darin eine Angst vor dem systematisch kontinuierlichen gesellschaftlichen Wandel. Es steckt die Angst darin, als Mitglied einer ausgemachten Mehrheitsgesellschaft (rassistisch interpretiert, nicht als Teil einer Arbeiterklasse gedacht etc.) in der kapitalistischen Gesellschaft zukünftig eine Stellung zu verlieren. Die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg ist im Kapitalismus zwar nie unbegründet. Die rassistische Interpretation der Gesellschaft ist jedoch grundlegend falsch.

Die Gesellschaft trägt jedoch eine gewaltige Mitschuld am sich inzwischen immer mehr ausbreitenden Rassismus. Sie trägt eine Mitschuld an der Angst. Sie trägt durch ihre eigene Definition von Staatsbürgern und Ausländern eine verantwortungsvolle Mitschuld an den rassistischen Klassifikationen. Durch eigenes Ausländerrecht, Asylrecht und auch dem Widerstandsrecht, das nur deutsche Staatsbürger ausführen dürfen, bekommen rassistische Unterscheidungen immer auch einen Spiegel im Gesetz. Dass die rassistischen Unterscheidungen selbst vor Staatsbürgern aufgrund von verschiedenen Hautfarben oder Religionen keinen Halt machen, dafür kann die bürgerliche Gesellschaft zugegebenermaßen wenig.

Wofür die bürgerliche Gesellschaft aber etwas kann ist, dass Menschen wie Brenton Tarrant in ihren grausamen Taten einen gesellschaftlichen Sinn sehen. Tarrant, Breivik, Fields etc. sind nicht die psychisch gestörten Einzeltäter, wie es nicht nur Trump gerne hätte. Sie folgen einem gesellschaftlich breiten Konsens in der Rechten, der durch Parteien, Bewegungen, Netzwerke, Individuen, Medien etc. angefeuert wird und seinerseits seine Ursache in gesellschaftlichen Bewegungsgesetzen hat. Zukünftige rechtsradikale Attentäter lassen sich deshalb auch nicht dadurch stoppen, dass man wie die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern den Namen des rechtsradikalen Attentäters Tarrant nicht ausspricht.[9]

Die Einzeltäterthese ist aufgrund der internationalen Vernetzung der rechten Szene und der gesellschaftlichen Verantwortung falsch. Sie lenkt nur von der eigentlichen, gesellschaftlichen Urheberschaft dieser grausamen Tat ab. Selbst klinische Gutachten über den desolaten Geisteszustand von Tarrant könnten die gesellschaftliche Verantwortung nicht von der Hand weisen. Die Wurzel von psychischen Erkrankungen liegt in gesellschaftlichen Zusammenhängen.

[1] Vgl. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextremer-terror-in-neuseeland-49-menschen-ermordet-45405/

[2] https://www.express.co.uk/news/world/1100659/new-zealand-terror-attack-brenton-tarrant-manifesto-anders-breivik-christchurch-shooting

[3] https://www.msnbc.com/am-joy/watch/new-zealand-shooter-calls-trump-symbol-of-renewed-white-identity-1459497539691

[4] Auch Minderheiten sind nicht frei von Rassismus. Das zu behaupten, ist mehr als naiv. Gefährlich einseitig werden diese Erklärungen der heute als Linke gehypten Theoretiker, die von Klassengesellschaft, Ökonomie und kapitalistischen Bewegungsgesetzen nichts mehr hören wollen: „Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer.“ http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/warum-es-keinen-sexismus-gegen-maenner-oder-rassismus-gegen-weisse-gibt-a-1236954.html

[5] Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42, Berlin 2005, S. 457.

[6] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, Berlin 2005, S. 759 f.

[7] Peter Bulthaup, Das Gesetz der Befreiung. Und andere Texte, Lüneburg 1998, S. 123 (Elemente des Antisemitismus. Ohne Untertitel).

[8] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 790.

[9] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/christchurch-jacinda-ardern-sendet-friedensbotschaft-an-muslime-a-1258529.html

von Bengt E. Bethmann

„Wenn es keine Begriffe gibt, wenn wir nicht die Dinge fest und bestimmt denken, dann gibt es keine Wahrheit, das heißt, dann denken wir überhaupt nicht; zugleich steckt in ihr doch auch ein Moment der Unwahrheit.“[1]

Einleitendes

Wahrheit und Objektivität werden in den modernen Gesellschaftswissenschaften und ihren ‚Diskursen‘ als metaphysische Begriffe aufgegeben.[2] Lediglich Meinungen über Dinge werden noch als Aussage akzeptiert. Dabei müssen sie im Rahmen der demokratisch-aufgeklärten Meinungsfreiheit geäußert werden. Eine Meinung darf also nicht substantiell staatsgefährdend sein, das ist ihr objektives Kriterium. Als besonders verlässliche Meinung gilt die Meinung mit dem größten Zuspruch. Sie soll, dem demokratischen Prinzip entsprechend, tonangebend werden, weil sie Mehrheitsmeinung ist. Die mit Meinung eigentlich überhaupt nichts zu tun habende Wahrheit wird durch diesen Prozess zur subjektivistischen Meinung unter vielen degradiert, die sich der demokratischen Meinungsbildung und ihren unterzuordnen habe. Akzeptiert man diese Form von Mehrheitswahlrecht nicht und hält dagegen an Objektivität und Wahrheit fest, gilt das vielen Akademikern und Meinungsbildnern als eine undemokratische Invektive gegen den vorherrschenden Meinungspluralismus. Dogmatisch im Sinne von diktatorisch sei dies – weil Wahrheit wider jede Mehrheitsmeinung eine objektive Gültigkeit fernab subjektiver Überzeugungen beanspruchen soll. Ausgemacht wird Objektivität und Wahrheit als Gefahr: der Masse könnten durch eine Minderheit Vorschriften gemacht werden. Deshalb wird eine sich am emphatischen Wahrheitsbegriff orientierende gesellschaftswissenschaftliche Theorie als potentiell undemokratische, zu ‚objektivistische’ Theorie abgelehnt. Das zeigte bereits Wirkung: längst ist eine sich an Wahrheit und Objektivität orientierende Theorie im akademischen Betrieb zur belanglosen Minderheitsmeinung geworden. Der intellektuelle ‚Fortschritt’ zur Postmoderne schaffte Wahrheit und Objektivität durch den pluralistischen Mechanismus in den akademischen Wissenschaften selbst ab.

Der Wahrheitsbegriff ist aber trotzdem nicht ersatzlos aus der Literatur gestrichen worden. Wenn heute über Wahrheit und Objektivität gesprochen wird, spricht man über die faktische Tatsächlichkeit im Rahmen der empirischen Sozialforschung. Deren hauptsächliche Aufgabe besteht im Eruieren sinnlicher Fakten, die auswertbar sind. Ihre Methoden zur Erlangung und Weiterverarbeitung der Fakten orientiert sie dabei an den nominalistischen Naturwissenschaften, die ihrerseits die sinnlichen, scheinenden Phänomene zum einzig eindimensionalen Aspekt der Wahrheitsfindung erhoben hat. Diese Methodisierung von Wahrheit hält Wahrheit alleine für eine mit den sinnlich-sozialen Fakten identische Erscheinung. Dadurch verpflichtet die Gesellschaftswissenschaft ihre Arbeitsweise auf eine gesellschaftlich funktionelle, sinnlich messbare Faktizität, die positivistisch alle Begriffe als ledigliche Abstraktionen von den Fakten bestimmt. Einzig wahr sind die Fakten, der Begriff ist menschliche, darum fehlerhafte Zutat des Geistes. Das hat selbstverständlich Folgen. Die dadurch nur noch mit Abbreviaturen von der Wahrheit arbeitende Sozialforschung sagt in der Folge nichts mehr über die wesentlichen gesellschaftlichen Bedingungen hinter der heranzitierten, sinnlich sozialen Erscheinung aus.

Wenn nun aber der Wahrheitsbegriff dergleichen durch den Verlust des Wesens bis zur Unkenntlichkeit zusammengekürzt und bloß an rein messbares, spürbares, erfahrbares etc. geknüpft wird, man sich also auf rein sinnlich wahrnehmbares von der sozialwissenschaftlichen Forschung beschränkt, wird (bewusst oder unbewusst) ignoriert, dass sich mit Begriffen sehr wohl Gegenstände adäquat benennen lassen, die für das Subjekt sinnlich nicht erfahrbar sind. Der Klassenantagonismus in der bürgerlichen Gesellschaft könnte bei einer ausschließlichen Berufung auf sinnliche Erfahrungen nicht reflektiert werden. Allein durch die gesellschaftstheoretische Reflexion der gesellschaftlichen Widersprüche (die sich in den sinnlichen Fakten zwar durchaus manifestieren lassen) wird der Klassenantagonismus für das denkende Subjekt gegenständlich. Wenn aber die kapitalistischen Bewegungsgesetze, als immanente Form der Dinge, aufgrund ihrer Unsinnlichkeit für das Subjekt als unwahr und falsch bezeichnet werden, beschneidet sich das denkende Subjekt durch diese selbstgewählte positivistische Oberflächlichkeit einer Reflexion auf gesellschaftliche Herrschaftsmomente in der bürgerlichen Gesellschaft.

In seinem Aufsatz Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity[3] kritisiert der Physiker Alan Sokal den subjektivistischen Umgang mit dem Wahrheitsbegriff in postmodernen akademischen Theorien. In ironischer Anschmiegung an die postmodernen Stilmittel der demokratischen Meinungsbildung von Wahrheit im ‚Diskurs‘ versucht er in dem 1996 in der Zeitschrift Social Texterschienenem Aufsatz darzustellen, dass selbst die Quantengravitation ein soziales Konstrukt ohne jede an sich seiende objektive Wahrheit sei: „But deep conceptual shifts within twentieth-century science have undermined this Cartesian-Newtonian metaphysics; revisionist studies in the history and philosophy of science have cast further doubt on its credibility; and, most recently, feminist and poststructuralist critiques have demystified the substantive content of mainstream Western scientific practice, revealing the ideology of domination concealed behind the façade of ‚objectivity’.“[4] Sokals Witz über die Begriffsfeindlichkeit des subjektivistischen Konstruktivismus verweist auf die Ignoranz der postmodernen und radikalkonstruktivistischen Theorien. Der von Sokal kritisierte Konstruktivismus erklärt aber nicht nur physikalische Gesetze zu unkonkreten Abstraktionen. Postmoderne, radikalkonstruktivistische Theorien verfahren selbstverständlich auch mit den sozialen Gegenständen nur noch subjektivistisch und haben überhaupt kein Interesse an genuin objektiven Kriterien materieller Existenz. Die Postmoderne ignoriert durch ihren strengen Subjektivismus – in selbsternannter Kritik an absolutistischen Denkmustern –, was dem Objekt dialektisch noch an eigenständiger, nichtsubjektiver Autonomie zukommt. Es wird die innere, immanente Form des Objekts ignoriert, das die Dinge erst nichttautologisch im Sinne einer genuinen Vermittlung bestimmen lässt: „Kein Sein ohne Seiendes. Das Etwas als denknotwendiges Substrat des Begriffs, auch dessen vom Sein, ist die äußerste, doch durch keinen weiteren Denkprozeß abzuschaffende Abstraktion des mit Denken nicht identischen Sachhaltigen; ohne das Etwas kann formale Logik nicht gedacht werden.“[5]

Sokals Kritik des Subjektivismus bzw. Sozialkonstruktivismus ist aber so wenig neu wie der sich inzwischen in der Gesellschaftswissenschaft durchgesetzte Subjektivismus ein Zeichen von akademischer Modernität oder Avantgarde ist. Sokals Kritik sticht in ein bis heute ideologisch hart umkämpftes Feld der Geisteswissenschaften. Die bewusste Ablehnung von Wahrheit als metaphysisch gefärbtes, deshalb verstaubtes Totalitätsdenken des Begriffs, das dem Subjekt bloß Grenzen der eigenen, selbstbestimmten Möglichkeiten aufzeige, ist nicht auf die in den heute für ihre Angriffe auf den Wahrheitsbegriff bekannten Theorien von so unterschiedlichen postmodernen Denkern wie Lyotard, Foucault, Butler, Mouffe, Derrida etc. zu restringieren. Es ist ein traditionell philosophischer Streitpunkt, der philosophiegeschichtlich lange schon (bewusst oder unbewusst) ums Ganze geht.[6]

In den Gesellschaftswissenschaften kritisierte Lenin bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den sich durchsetzenden Subjektivismus. Die empiriokritizistischen, sich ausschließlich an Sinnlichkeit und idealistischer Subjektivität orientierenden Theorien von Mach und Avenarius lehnte er dabei entschieden ab. Er intervenierte mit seinem Empiriokritizismusbuch gegen den generellen Verlust der objektiven Wahrheit.[7] Im Subjektivismus sah Lenin, neben dessen erkenntnistheoretischen und logischen Unzulänglichkeiten, die Gefahr des Verlusts von politischen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Veränderung. Ohne Wahrheit und Objektivität verschwände die Gesellschaftswissenschaft in einer relativistischen, pluralistischen Bedeutungslosigkeit. Ist das der Fall, könnte kein Kriterium für die Veränderung von Gesellschaft mehr als zwingend und objektiv richtig genannt werden. Die Gesellschaft bliebe demnach deshalb unverändert, weil eine Kritik an Gesellschaft kein objektives Fundament ihrer Argumente mehr anführen könnte. Lenins zum Klassiker des Marxismus-Leninismus avanciertes Buch trägt deshalb den Untertitel Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Allerdings entwickelte er im selben Buch auch eine positivistische Widerspiegelungstheorie. Seine Identifizierung von Denken und Sein lässt seine eigene, als Materialismus konzipierte Theorie auf einen positivistischen, idealistischen Subjektivismus zurückfallen. Dieses eigenen identitätsphilosophischen Positivismus ist sich Lenin nicht bewusst. Er fällt dadurch aber auf einen undialektisch vorkritischen, positivistischen Standpunkt der absoluten Identifikation von Subjekt und Objekt zurück. Durch seine Wiederholung subjektivistischer Prämissen der Philosophiegeschichte kehrt er Hegels positivistische Philosophie des Geistes logisch gleichgültig um: undialektisch hat Lenin, indem er das Subjekt aus Objekt deterministisch entspringen lässt, die Bewegung der Sachen zur Bewegung des Denkens gemacht.[8]

Was Lenin allerdings trotz seines hegelianischen Positivismus deutlich sah ist, dass ohne Wahrheitsanspruch jede Aussage über Dinge belanglos wird. Alle Mühen würden demnach obsolet, wenn Aussagen über Dinge bloß eine beliebige subjektivistische Meinung darstellen sollen. Durch eine solche propagierte Belanglosigkeit wird noch jede Theorie, auch die eigene, niedergestreckt.

Um einer relativistischen Beliebigkeit von Theorie, Erkenntnis und Wissenschaft zu entgehen, hält neben Lenin die gesamte dialektische Gesellschaftstheorie mit und nach Marx den Wahrheitsbegriff hoch. Auch wenn sich bei Adorno der metaphysische Wesensbegriff in einen kritischen Unwesensbegriff verwandelt: Substanz und Akzidenz, Wesen und Erscheinung werden von ihm nach Marxschen Vorbild eben so wenig wie der Wahrheitsbegriff überhaupt ad acta gelegt.[9] Das dialektische Denken zeigt sich als das Substrat von Wahrheit und Objektivität. Das Festhalten an Dialektik ist jedoch keine Entscheidung. Wird der Gegenstand adäquat gedacht, denkt man notwendig dialektisch. Wahrheit und Dialektik sind miteinander vermittelt.

Wahrheit als adäquates Denken von Gegenständen

In der philosophischen Tradition ist Wahrheit die Übereinstimmung von Denken und Gegenstand. Aristoteles bestimmt die notwendige Korrespondenz[10] von Sein und Denken als erstes. Dafür zieht er zentrale Thesen aus dem Lehrgedicht des Parmenides[11] heran. Im Zuge seiner prinzipiellen Überlegungen zu Wahrheit und Objektivität formuliert er das logische Prinzip von der Widerspruchsfreiheit, den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch. Die Widerspruchslosigkeit wird für Aristoteles der entscheidende ‚Motor des Denkens’. Sie ist zwar, auch Aristoteles, bereits aus der ionischen Naturphilosophie und dem literarischen Mythos Hesiods bekannt. Bei Hesiod und in der ionischen Naturphilosophie ist sie jedoch noch nicht als Prinzip formuliert. Das ist die sich von der ionischen Naturphilosophie abgrenzende Leistung der Aristotelischen Metaphysik: „Daß eines und dasselbe zugleich vorliegen und nicht vorliegen könne, das ist an demselben (Gegenstand) und in derselben Hinsicht unmöglich– und was wir sonst noch alles für Zusatzbestimmungen treffen müßten, das sei gegen die Widrigkeiten der Reden und Worte zusätzlich festlegt. (…) Dieser (Satz) ist seinem gewachsenen Wesen nach der Anfangs- und Ausgangspunkt für alle anderen Grundforderungen.“[12]

Thomas formuliert in der Renaissance – die auch die Renaissance des Aristoteles im christlichen Abendland war – mit deradaequatio rei et intellectuseinen Identitätssatz von Denken und Sein als Wahrheit. Diese Identität, diese Widerspruchslosigkeit von Denken und Sache, wird für den Dominikaner Thomas zum entscheidenden Maßstab der allgemeinen, objektiv wahren Erkenntnis des Gegenstands: „Respondeo dicendum quod veritas consistit in adaequatione intellectus et rei, sicut supra dictum est. Intellectus autem qui est causa rei, comparatur ad ipsam sicut regula et mensura, e converso autem est de intellectu qui accipit scientiam a rebus.“[13] In dieser Form als Widerspruchslosigkeit gedacht wird Wahrheit in der prima philosophiaoder πρώτη φιλοσοφίαzum Prinzip einer wissenschaftlichen, objektiven Aussage überhaupt.

Unwidersprochen blieb das nicht. Einer der modernen Philosophen, der das Denken von Wahrheit der etablierten Philosophie in seiner Festigkeit in Frage stellte, war Descartes. Mit seinem methodischen Zweifel daran, ob all unser Erleben nicht doch nur ein Traum sei und die Welt (ergo: empirisches!) gar nicht existiere, formuliert er eine für das 17. Jahrhundert scharfe Kritik am seinerzeit herrschenden, durch und durch religiös geprägten Konsens. Die Theologie, von Thomas zur Wissenschaft erhoben, zweifele in seinen Augen zu wenig an den angeblich so festen Grundlagen des menschlichen Denkens.[14]

Diese Skeptik an den Voraussetzungen des Denkens von Wahrheit tradierte sich. Während Descartes jedoch mithilfe seines Skeptizismus noch die Grundlagen des menschlichen Denkens bei der Erkenntnis von Wahrem reflektieren will, entziehen sich heutige, postmoderne Varianten des Skeptizismus selbst den kritischen, reflektierten Boden unter den Füßen. Behauptet wird, anders als bei Descartes, dass es keine Wahrheit gäbe. Das jedoch widerspricht dem jeder Wissenschaft logisch vorauszusetzenden aristotelischem Satz vom zu vermeidenden Widerspruch: dass es Wahrheit gibt oder eben nicht. Wird jedoch davon ausgegangen, dass es Wahrheit nicht gäbe, wird behauptet, dass dies wahr sei. Durch die logische Widerlegung des kontradiktorischen Gegenteils beweist der moderne Skeptizismus die Existenz von Wahrheit somit apagogisch.

Für Subjekte ist es ohnehin überlebenswichtig, Wahrheit als objektiv seiend anzuerkennen: „[O]hne Hinnahme von etwas als Wahrheit, von dem man gar nicht durchaus weiß, ob es die Wahrheit sei, ist Erfahrung, ja die Erhaltung des Lebens kaum möglich.“[15] Für ein Subjekt ist es lebensgefährlich, Wahrheit zu leugnen oder so zu leben, als würde es kein Richtig oder Falsch geben. Könnte es nicht zwischen Nahrungsmitteln und Sand unterscheiden, würde es verhungern. Außerdem dürfte kein Flugzeug fliegen, wenn nicht wesentliche Gesetze der (Newtonschen) Physik als vernunftgemäß und damit vom Subjekt als objektiv wahr angenommen werden. Auch dürfte man nicht ins Wasser gehen, wenn die an Naturgesetzen geschulte Erfahrung des Schwimmens in Zweifel gezogen wird etc. Eine abstrakte Negation von Wahrheit und Objektivität ist insofern nicht kritisch, sondern Wahnsinn.

Wahrheit als Widerspruchslosigkeit. Zum grundlegenden Satz des zu vermeidenden Widerspruchs

Wahrheit und Widerspruchslosigkeit sind miteinander vermittelt. Der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch ist ein logisches, formales Kriterium der subjektiven Bestimmung von Wahrheit. Kritisieren kann man diese Voraussetzung, indem man erklärt, dass das Kriterium als oberster Grundsatz des geisteswissenschaftlichen Denkens insuffizient, ja obsolet sei. Solch eine Skepsis wendet sich jedoch notwendig gegen sich selbst. Denn der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch muss jeder Rede ausnahmslos, jedem Text, jedem Essay, selbst noch jedem schriftstellerischen Stilmittel des stream of consciousnessvorausgesetzt sein, damit der Gegenstand der Rede, des Textes etc. verständlich wird. Zwar überzeugt die immanente logische Stimmigkeit eines Textes oder einer Rede allein nicht gleich von der Richtigkeit ihres Gegenstandes oder dessen Wahrheit. Widerspruchsfreie Theorien können Luftschlangen sein, die aufgrund ihrer begrifflichen auf-sich-selbst-Bezogenheit keine Gegenstände haben oder diese nicht adäquat erfassen können. Logisches Denken alleine reicht insofern nicht, um Gegenstände adäquat zu bestimmen.

Die materialen Kriterien von Wahrheit. Zur notwendigen Sachhaltigkeit von formaler Logik

Das führt auf den Gegenstand des Denkens, zur Sache, das Objekt. Das Objekt soll mithilfe des Satzes vom zu vermeidenden Widerspruch adäquat bestimmt und auch richtig gedacht werden. Ohne Materialität wäre jede Theorie obsolet, zweckbefreite Spielerei.[16] Alle Begriffe implizieren Sachlichkeit, und jedes begriffliche Denken hat diese Implikate, wenn es nicht eine in sich subsistierende logische, analytische Luftschlange ist.[17] Es muss insofern ein Etwas als seiend behauptet werden, damit die Rede/Theorie nicht gegenstandslos und bedeutungslos ist. Dieses materielle Etwas kann auch nicht nur als formell seiend unterstellt werden. Es muss ein Bestimmtes sein. Wenn der Gegenstand also nicht etwas völlig willkürlich widersprüchliches sein soll, müssen dem Subjekt der Rede notwendig bestimmte Prädikate zugeordnet werden. Verhindert wird dadurch, dass dem gegenständlichen Subjekt der Rede jederlei willkürliches, sich möglicherweise widersprechendes zugeteilt wird. So wird die wichtige Unterscheidung von Substanz und Akzidenz aufgezeigt, weil nicht alles akzidentell sein kann.

Akzidenzien gehen auf etwas bestimmtes. Es muss ein Erstes geben, von dem sie Akzidenzien sind. Willkürlich aneinandergereihte Akzidenzien würden um den jeweiligen substantiellen Gegenstand kreisen, womit er unbestimmt bliebe – genauso, wie Akzidenzien nicht den Schlüssel der Erklärung ihrer eigenen Existenz liefern. Akzidenzien sind eben nicht ihre eigene Substanz, die Erscheinung ist nicht sogleich ihr eigenes Wesen. Ein Modell für den Substanzverlust durch die Verabsolutierung von Akzidenzien ist die moderne empirische Sozialforschung. Ihre faktischen Daten entbehren ihres substantiellen Wesens, und so kreisen die faktischen Beschreibungen gesellschaftlicher Phänomene bloß tautologisch um sich selbst. Ihre reine Forschung an den Akzidenzien ist dabei kein Nachteil für die Wissenschaft, weil soziale Fakten für jede gesellschaftswissenschaftliche Theorie selbstverständlich essentiell sind und unbedingt dialektisches Moment substantieller Überlegungen bleiben. Unlängst hat sich jedoch durch die sich an naturwissenschaftlichen Verfahren anlehnenden Sozialwissenschaften, durch die Aufgabe der Einordnung der Sozialforschung als nur komplementäres Moment theoretischer Ausarbeitungen hin zur einzig akzeptierten Wissenschaft, der intellektuelle Fokus, vor allem bezüglich des Wahrheitsbegriffs, verschoben.[18]Der in den Ausarbeitungen der empirischen Sozialforschung bloß noch formell auftretende Hinweis, man habe es in der Sozialforschung mit gesellschaftlichen Gegenständen zu tun, sagt über das den eigenen Forschungen substantielle Etwas, über die totale, bürgerliche Gesellschaft und ihre ubiquitären Bewegungsgesetze, aus denen die Fakten als soziale Phänomene wesentlich entstehen, nichts bestimmtes mehr aus.[19] Die blinde Sachhaltigkeit überfrachtet noch jede substantielle Reflexion. Und so hat die empirische Forschung ihren Bezug zur wesentlichen Substanz der Fakten verloren; und sie tappte dadurch in die substanzlose Tautologie.

Der gesellschaftswissenschaftliche Subjektivismus, der sich in sozialkonstruktivistischen Theorien zeigt, spricht nicht mehr von Wahrheit, Substanz, Wesen etc. Gesellschaft ist in der modernen Gesellschaftswissenschaft rein (inter-)subjektiv konstruiert, alles dem Subjekt Heteronome wird konsequent aus einer verabsolutierten Intersubjektivität herausgeschraubt.[20] Als einzig wirkliches Forschungsobjekt der Gesellschaftswissenschaften präsentiert man damit das Subjekt. Totale gesellschaftliche Bewegungsgesetze und vorrangig objektive gesellschaftliche Bedingungen, die das Subjekt erst in seinen Handlungen prägen, werden ausgespart. Man ist der Überzeugung, dass über Gesellschaft selbst dann ausreichend geredet wird, selbst wenn man nichts weiter als mannigfaltige Daten von Verhaltensweisen der Subjekte in der Gesellschaft in der Hand hält. Das Objekt Gesellschaft verschwindet so aber hinter dem viel zu stark gemachten (inter-)subjektiven Faktor.

Das steht selbst gegen die hauptsächlich mit Subjekten arbeitende Freudsche Sozialpsychologie, die mit dem Über-Ich noch ein Kultur-Über-Ich zum Gegenstand hat und auch das elterliche Über-Ich nicht von bürgerlicher Gesellschaft und ihren herrschaftlichen Komponenten befreit. Doch auch in der Psychologie ist es im post-freudianischen Zeitalter zur subjektivistischen Wende gekommen. Die von Alfred Adler begründete Individualpsychologie ignoriert das notwendig gesellschaftliche, dialektische Moment von Subjekt, das Objekt. Sie fällt deshalb hinter Freuds emanzipative Subjektbestimmung zurück.[21]

Die positivistische, subjektivistische Ablehnung der Begriffe Substanz und Wesen beweist insofern eindrucksvoll den Verlust von Substanz und die selbst gewählte Oberflächlichkeit in den modernen Gesellschaftswissenschaften. Inhalte werden aus den Reflexionen der Gesellschaftswissenschaften einfach rausgeschmissen. Die dem Subjekt als Objekt vorrangige politische Ökonomie, die bürgerliche Gesellschaft als dem Subjekt feindlich gegenüberstehende Totalität gedachte, wird dadurch verschwiegen. Der akademisch vielleicht wichtigste Satz vom zu vermeidenden Widerspruch erzwingt jedoch die dialektische Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, Substanz und Akzidenz: „(…) alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“[22].

Die Dialektik als Denken des notwendigen Widerspruchs

Glatt logische Aussagen wie ‚A gleich B’ gibt es nicht. ‚A ist B’ heißt bereits, dass ein B, das dem A anscheinend verschieden ist, unter jene Allgemeinheit fällt, die A genannt wird. Das vorausgesetzt, bräuchte man eigentlich die Unterscheidung von A und B nicht. Denn das würde tautologisch wieder eine Tautologie zur Folge haben, A=A. Doch selbst die reinste Tautologie A=A differenziert zwischen zwei A’s, weil das zweite A vom ersten unterschieden wird. Das allein führt zur Notwendigkeit des dialektischen Denkens.

Erst mit dem logischen Satz ‚A muss zugleich B und Nicht-B sein’ ist formal ein Widerspruch dargestellt. Der Satz ist in sich selbst widersprüchlich. Wenn gilt, dass A zugleich B und auch Nicht-B, so unterstellt man die Identität und Nichtidentität von A und B. Alle As sind dabei ausnahmslos mit allen Bs identisch, sie sind aber auch mit allen Bs Nichtidentisch, weil B etwas anderes aussagt als A. Deswegen behauptet das Urteil die Identität von Identität und Nichtidentität. Dieses Urteil von Identität und Nichtidentität muss unter der Einheit oder Identität des Bewusstseins gedacht werden, dem mit sich identischem Subjekt. Anders wäre die Einheit des Bewusstseins zerstört. Alle Aussagen würden ansonsten zerbröseln und notwendig fremdelnde Willkürlichkeit bedeuten. Nichts wäre dann noch sicher und tatsächlich so und nicht anders. Alles sich Widersprechende, weil der Widerspruch dem nicht mehr mit sich identischen Subjekt unbewusst wird, wäre demnach zugleich möglich. Ein Stein kann dann ein Baum sein. Postmodern ausgedrückt hieße das: anything goes:„Das Bewußtsein von ihrer Identität in ihrem bestimmten Sein, von ihrem Selbst, als allgemein erscheinendes, haben sie verloren, sie schauen ohne Bewußtsein ihrer selbst als je Andere auf je Anderes, auf die in reicher Vielfalt zersplitterte Welt.“[23]

Wenn der so widersprüchliche Satz ‚A ist zugleich B und Nicht-B’ als weiterhin unter der Einheit des Bewusstseins, dem mit sich identischen Subjekt, stehend gedacht wird, muss das mit sich identische Subjekt den Widerspruch als einen denknotwendigen hinnehmen. Das mit sich identische Subjekt muss also widersprüchlich denken, um zu nichttautologischen, über A=A entsprechend hinausgehenden, Resultaten zu gelangen. Rationales Denken von Widersprüchen, das die subjektive Einheit des Bewusstseins nicht negiert und richtig und falsch dadurch in willkürliche Beliebigkeit auflöst, ist dialektisches denken. Es ist, weil dialektisches Denken nicht in Willkürlichkeit resultiert, ein rationalesDenken von Widersprüchen.

Auch dialektisches Denken löst den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch also nicht auf. Durch den von Aristoteles zuerst zugrunde gelegten Satz kann der entsprechende Gegenstand überhaupt erst genuin zu Ende reflektiert werden. Erst durch diesen können Denkwidersprüche als logische Fehler von Widersprüchen in der Sache selbst, als Paradoxien oder von notwendigen Denkwidersprüchen, die der Darstellung der Sache wegen eingegangen werden müssen, unterschieden werden. Aus notwendig dialektischen Widersprüchen im Urteil folgt insofern, dass bei isolierten Urteilen nicht stehen geblieben werden kann, sondern die Differenzierung in den Urteilen über die Gegenstände vorgenommen werden muss. Das verlangt eine systematische Vorgehensweise in der Wissenschaft, in der die Widersprüche als sachliche Widersprüchlichkeit des Gegenstands gedacht werden müssen. Weil das dialektische Denken ein rationales begreifen von Widersprüchen ist, treibt jedes genuine wissenschaftliche Durchdenken von Gegenständen notwendig und unabdinglich zur Dialektik. Die Dialektik ist darum die höchste Ausprägung der Logik, mit der Objektivität und Wahrheit nicht etwa als abgeschafft gelten, sondern als in unter der Einheit des Bewusstseins stehenden Widersprüchen vereint werden können. Das dialektische Denken vermittelt Momente in sich, wenn auch nicht absolut.

[1]Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie Band I, Frankfurt a.M. 1973, S. 55.

[2]Diese Tradition lässt sich in der Geschichte der Philosophie bereits anhand der nominalistischen Angriffe auf begriffsrealistische Strömungen verfolgen. Die Soziologie spaltet sich dann im 19. Jahrhundert von der Philosophie ab und verfolgt ihrerseits einen streng nominalistischen Ansatz. Comte und die Positivisten setzen nach der Spaltung die Maßstäbe in den Geisteswissenschaften und bekommen sogar über den akademischen Rahmen hinaus Einfluss. Die brasilianische Nationalflagge trägt das positivistische Motto schlechthin, ordem e progresso. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzt sich der Nominalismus auch in dem Selbstverständnis nach kritischen Theorien durch. Foucault lässt bereits die Wahrheit im Diskurs zerfließen, Feyerabend, Lyotard und Butler spülen dann die Reste von Gesellschaftskritik und Objektivität aus den poststrukturalistischen Geisteswissenschaften.

[3]http://www.physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html

[4]Ebd.

[5]Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a. M. 1998, S. 139.

[6]Vgl. dazu Karl Heinz Haag, Der Fortschritt in der Philosophie, Frankfurt a.M. 2005, S. 9: „Durch die Geschichte der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart zieht sich ein Problem.“

[7]W.I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, Peking 1973.

[8]Vgl. auch dazu Karl Heinz Haag, Der Fortschritt in der Philosophie, Frankfurt a.M. 2005, S. 130.

[9]Vgl. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1998, S. 27: „Positivisten fällt es nicht schwer, dem Marxischen Materialismus, der von objektiven Wesensgesetzen, keineswegs von unmittelbaren Daten oder Protokollsätzen ausgeht, Spekulation vorzurechnen. (…) Aber der sichere Boden ist dort ein Phantasma, wo der Wahrheitsanspruch erheischt, daß man darüber sich erhebt.“

[10]„The correspondence theory is often traced back to Aristotle’s well-known definition of truth.“ Marian David, The Correspondence Theory of Truth, http://plato.stanford.edu/entries/truth-correspondence/#1(Stanford Encyclopedia of Philosophy), (Zuletzt abgerufen 21.05.2017).

[11]Vgl. Hermann Diels, Parmenides. Lehrgedicht, Berlin 2003.

[12]Aristoteles, Metaphysik, 1005b, Würzburg 2003, S. 196.

[13]Thomas von Aquin, Summa Theologiae, http://www.corpusthomisticum.org/sth1015.html#29338

[14]Vgl. René Descartes, Meditationen, Hamburg 2009.

[15]Theodor W. Adorno, Meinung Wahn Gesellschaft, a.a.O., S. 576 f.

[16]„In Wirklichkeit steckt dahinter nicht weniger das Problem der Vermittlung, das heißt das Problem, daß wir ein Seiendes überhaupt nicht haben und nicht denken können, es sei denn als bestimmtes, und daß darin schon der Begriff – oder die Idee – enthalten ist; dagegen wäre die Idee, die nicht ihrerseits sich bezieht auf Seiendes, auf reale Erfahrung, wirklich bloß ein leerer Name, ein leeres Gespinst.“ Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie Band I, a.a.O., S. 54.

[17]Vgl. dazu Peter Bulthaup, Idealistische und materialistische Dialektik, Lüneburg 1998, S. 129 ff.

[18]Naturwissenschaften brauchen ihre Genesis nicht, Gesellschaftswissenschaften schon.

[19]Eine der wenigen Ausnahme bilden Adorno/Horkheimer bei ihrem Umgang mit Statistiken der empirischen Sozialforschung.

[20]Beispielhaft dafür sind Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1980.

[21]Vgl. u.a. Alfred Adler, Menschenkenntnis, Frankfurt a. M. 1972.

[22]Karl Marx, Das Kapital Bd. 3, MEW 25, Berlin 2003, S. 825.

[23]Robert Menasse, Phänomenologie der Entgeisterung, Frankfurt a.M. 1995, S. 78 f.

von Bengt E. Bethmann

Rechte Parteien und Bewegungen erschüttern momentan die politischen Landschaften. Bis vor 5-10 Jahren kaum für möglich gehaltene Erdrutschsiege von rechten Parteien sind in Europa keine Seltenheit. Nach dem islamistischen Terroranschlag von Berlin im Dezember 2016 stiegen die Umfragewerte für die AfD, eine Trendwende ist nicht in Sicht.[2] In den Niederlanden liegt die Partie vor de Vrijheid von Geert Wilders kurz vor den Parlamentswahlen nach den letzten Umfragen sogar vorne.[3] Ein Wahlsieg der Partei könnte ab März eine entscheidende Welle des Rechtsrucks in der EU einleiten. In Frankreich setzt Marine Le Pen vom Front National dem bürgerlichen Lager bedrohlich zu.[4] Hier wird kurz nach den Niederlanden gewählt, im April. Andere EU-Staaten stehen bereits ganz im Zeichen rechter Parteien. Ungarn ist mit Orbans Fidesz bereits länger im Begriff, sich autoritär, antidemokratisch in einen „völkischen Regimetyp“[5] zu verwandeln. Auch in Polen, Slowenien und Italien (wo das Movimento Cinque Stelle die Bürgermeister Roms und Turins stellt) sind rechtspopulistische Akteure zu politischen Entscheidern geworden. Und die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, ist eine vom nationalistischen und rassistischen Gedanken getriebene direkt demokratische Abstimmung gewesen. Die britischen Grenzen sollten wieder unter die ‚eigene’ Kontrolle kommen, um sich somit gegenüber den Flüchtlingsbewegungen aus Zentraleuropa abschotten zu können.

Aber nicht nur in Europa kommt es zum gefährlichen Rechtsruck. Fernab der europäischen ‚Flüchtlingskrise’ gewinnt in Australien die rechtspopulistische One Nation Party Pauline Hansons an Bedeutung.[6] Den bedeutensten aber, weil einflussreichsten Rechtsruck ist jedoch mit der Wahl Donald J. Trumps in den USA zu verzeichnen. Direkt nach seinem Amtsantritt begann Trump, seine für amerikanische Verhältnisse sehr ungewöhnlich rechtspopulistische Politik durchzusetzen. Von Beginn seiner Amtszeit an testete er die Grenzen der Belastbarkeit der Institutionen der ältesten Demokratie der Welt.

Doch was ist der Grund dieses vor allem die OECD-Staaten betreffenden Rechtsrucks? Gerne erklärt man in Deutschland den derzeitigen Aufschwung des Rassismus und Faschismus so: stetig wachsende bildungsferne ‚Schichten’ würden die in der ‚Flüchtlingskrise’ liegenden nationalen Chancen[7] oder – kryptischer ausgedrückt – moralischen Pflichten[8] für Deutschland etc. (!) nicht begreifen. Folge der Unbildung sei ein sich aus der Abwehrhaltung bildender Rassismus.[9] Argumentiert wird demnach, dass die heutigen Flüchtlingsgegner keine richtigen Patrioten, sondern bloß ungebildete Subjekte seien. So wird den Flüchtlingsgegnern und Anhängern rassistischer Thesen unterstellt, dass ihre sozialen Ängste in der kapitalistischen Gesellschaft vollkommen unbegründet seien. Allein ihre Bildungsferne oder ihr mangelnder Patriotismus seien insofern Ursache ihrer somit völlig realitätsfernen Ängste. Rassismus sei ein Phänomen der Ahnungslosigkeit (‚postfaktischer’ Ahnungslosigkeit) und Rassisten würden sich aufgrund ihres verkrampften Angstzustandes den richtigen Fakten verweigern. Ihre angstgetriebene Ahnungslosigkeit mache große Teile der Bevölkerung für rechte Demagogen empfänglich, die sie in organisierte rassistische Strukturen holen würden. Damit wird unterstellt, dass die rechtsextremen, neofaschistischen Politiker den breiten Rassismus in der Bevölkerung bauernfängerisch geschickt für sich nutzen so gegenwärtig viele Wählerstimmen abgreifen. Das ist nicht nur in Deutschland eine beliebte Erklärung des Phänomens, dies war auch eine der zentralen Thesen Hillary Clintons zum Rassismus der Trumpanhänger: “The racist, sexist, homophobic, xenophobic, Islamaphobic — you name it. And unfortunately there are people like that. And he [Trump, B.E.B.] has lifted them up.”[10] Ihre These von den rassistischen ‚deplorables‘ hat aber genauso wie die These von den ungebildeten Rassisten ihre faktischen und intellektuellen Grenzen. In ihr steckt die viel zu einfache Überzeugung, ein Großteil der Bevölkerung sei einfach nur ungebildet, ‚hinterher‘ und allein dadurch anfällig für den Rassismus. Die Lösung des Rassismusproblems wäre dann jedoch zu einfach: Wenn man diesem Teil der Bevölkerung mittels Bildung und Perspektive verdeutlichen könnte, wie hinterwäldlerisch ihre eigene rassistische Einstellung sei und dann auch noch, wie perfide die rechtsextremen Politiker (wie Trump) diese Einstellung für ihre Zwecke ausnutzten, dann könnte man den rassistischen Teufelskreis durchbrechen.[11] Die These von der angeblichen Bildungsferne der inzwischen numerisch großen Zahl an Rassisten übersieht dabei selbst entscheidende Fakten: dass die potentiellen und realen Wählerzahlen von Rassisten in Europa statistisch inzwischen weit über solch vereinfachende Zuschreibungen von der Bildungsferne ihrer Anhänger hinausgehen. Rassisten hinken nicht alle bloß mit ihren intellektuellen Fähigkeiten hinterher. Heutzutage hört man selbst wieder in den höchsten politischen Bildungsstätten des Landes rassistische Töne. Entscheidende Rückendeckung erhält die AfD längst bei vielen Studenten[13] und selbst dem Unilehrpersonal[14] – also Personen, denen man einen willentlichen, überzeugten Rassismus trotz oder durch ihre gute bürgerliche Bildung unterstellen kann.

Eine weitere beliebte Erklärung für den aktuellen Rassismus ist die Verlinkung seines Erstarkens mit den gegenwärtig hohen Flüchtlingszahlen. Im Tagesspiegel schreibt Albrecht Meier: „Mit den Flüchtlingszahlen wachsen auch die Parteien weit rechts der politischen Mitte.“[1] Doch so einfach, wie Meier behauptet, ist die Sache auch nicht. Der aktuelle Rassismus hat wenig, wenn auch nicht gar nichts, mit Flüchtlingszahlen oder mangelnder Bildung zu tun. Zwar wäre es realitätsfern, die Zahl der Unterstützer von rechten Parteien und Gruppierungen nicht mit den steigenden Flüchtlingszahlen zusammenzubringen. Doch die Behauptung, dass die europäische ‚Flüchtlingskrise’ – auf die selbst Trump bei seinen rassistischen Maßnahmen der nationalen ‚Grenzsicherung’ verweist – für den Rechtsruck verantwortlich sei, relativiert die schwelende Gefahr des Faschismus in den bürgerlichen Gesellschaften. Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit etc. zeigen sich beständig, mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Zu einfach ist es, die gegenwärtige ‚Flüchtlingskrise’ und die durch sie ausgelöste verfahrene politische Lage der EU (in der das Schengenabkommen heute entweder offen in Frage gestellt wird und/oder auch partiell aufgehoben ist) als den wesentlichen Auslöser für den allgegenwärtigen und weltweit strukturell ähnlichen Rechtsruck und den damit einhergehenden Rassismus anzuführen.

Der Rassismus durchzieht die bürgerlichen Gesellschaften und ihre Geschichte. Er liegt wesentlich in ihrer Konstitution begründet. Dass sich knallharte Rassisten nicht mit Fakten umstimmen lassen, sondern generell schon etwas anderes im Sinn haben als Wissen, Wahrheit oder (für sie) spießige Intellektualität, sehen die Aufklärer durch ihre eigene Bildungsbesessenheit nicht. Der Rassismus wird auch nicht durch die Beendigung der ‚Flüchtlingskrise‘ verschwinden, die den Rassisten nur als Ventil gilt. Die Aufklärer verstehen ihre eigene Ohnmacht gegenüber dem überzeugten Rassismus und Faschismus nicht, weil sie die Ohnmacht von Bildung und angeführten Fakten im Kampf gegen ihn nicht verstehen. Im Rahmen des von Rechten längst übernommenen Pluralismus werden Fakten sowieso schon entweder ständig in Frage gestellt oder einfach überhört. Die Möglichkeiten der Kritik des Rassismus in einem bürgerlich-institutionellen Rahmen bleiben begrenzt, weil die institutionelle Bildung die wesentlichen, materiellen Bedingungen des Faschismus nicht benennen kann und an der Stelle nicht auf die antifaschistische Wahrheit gesetzt wird, sondern auf den antifaschistischen Zeigefinger der Moral bzw. eine staatsbürgerliche Sittlichkeit.[12] Allein aber eine Frage nach der antifaschistischen Wahrheit geht aufs Ganze und fragt ideologiekritisch, warum es trotz der hiesigen realisierten bürgerlichen Ideen von Recht, Gleichheit und Solidarität überhaupt noch zu faschistischen Bewegungen kommen kann. Mit einem breiten, geschichtsanalytischen Blick über den konkreten, gegenwärtigen Rassismus hinaus nähert man sich dem Phänomen als in der Gesellschaft verstetigtes Phänomen der Moderne. So zeigt sich das ambivalente Fundament des Rechtsextremismus in der bürgerlichen Gesellschaft jenseits der aktuellen ‚Flüchtlingskrise’.

Das antibürgerliche, rechte Denken erwies sich historisch nun als genauso alt wie die rund zweihundertvierzigjährige Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Zuerst tauchten reaktionäre Denkmuster gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre Ideale in den USA 1776 und Frankreich 1789 auf. Politisch konservative Reaktionäre wie der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer[15] kritisierten angesichts der auf die Französische Revolution folgenden Napoleonischen Epoche die bürgerliche Gesellschaft als zersetzend. Sie war es auch: Die im entstehen begriffene bürgerliche Gesellschaft griff die alte, traditionelle Privilegiengesellschaft und ihre kirchlich sanktionierten Herrschaftstraditionen zunächst ökonomisch und politisch an. Die Monarchisten fürchteten sich insbesondere vor der von den revolutionären Bürgern geforderten Egalität. Durch die Revolutionen von 1848 wurden viele Monarchisten und Konservative dann endgültig davon überzeugt, dass die Verbürgerlichung der Gesellschaft und das damit erstmals diskutierte gleiche Recht für alle, die Egalität, negative, chaotische Auswirkungen auf die ‚Ordnung’ der Gesellschaften habe. Die tradierten Privilegien der Feudalzeit wurden nach den bürgerlichen Revolutionen abgeschafft, was den Konservativen als Barbarei galt.

Die bürgerlichen Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit ließen sich bereits zu jener Zeit, vor allem durch den materiellen ökonomischen Fortschritt, den sie dialektisch mit sich bringen, nur noch partiell erfolgreich bekämpfen oder unterdrücken. Erfolgreich trugen die Napoleonischen Kriege die historisch in politischer und ökonomsicher Hinsicht fortschrittlichen Errungenschaften der Französischen Revolution durch Europa. Der code civil machte in Form des code napoleon Weltkarriere. Selbst in den südamerikanischen Kolonien Spaniens hatten die Napoleonischen Kriege Auswirkungen. Durch die Befreiung des Mutterlandes Spanien von der alten Krone kam es zu sogartigen politischen Umbrüchen mit folgenreichen Nationalisierungswellen, da sich der koloniale Griff nach Südamerika entscheidend lockerte. Napoleon machte seinen Bruder Joseph Bonaparte zum spanischen König. Die mit der alten spanischen Krone unzufriedenen Bevölkerungsteile begehrten erfolgreich und im Sinne der von Napoleon vertretenen bürgerlichen Ideen gegen die politisch-ökonomischen Herrschaftsverhältnisse auf. Ideell wie praktisch zweckmäßig trat Napoleon mit seinen Eroberungszügen zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen die in Europa und der Welt noch gänzlich durchgesetzte Privilegiengesellschaft des Feudalismus an. Die Ideen der Französischen Revolution setzten sich selbst in konservativen Flächenländern wie dem Zarenreich fest (Dekabristenaufstand 1825), obwohl es nicht von Napoleons Armee überrannt werden konnte.[16] Jedes noch monarchisch organisierte Ancien Régime Europas und der Welt wurde bis zum Wiener Kongress 1815 und seiner folgenreichen Reaktion in seinen elitär-privilegierten Grundfesten attackiert, revolutioniert oder zumindest in seiner Festigkeit auf den Prüfstand gestellt.

Die noch monarchistisch, aber eben nicht bürgerlich nationalistisch geprägte kritische Sichtweise Grillparzers auf die politischen Veränderungen durch die die Privilegien abschaffen wollenden bürgerlichen Revolutionen zeigt bereits eine dialektische Ambivalenz der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Egalität auf. Die ausnahmslos und allgemein garantierten Rechte für alle Bürger in der bürgerlichen Gesellschaft wurden zur kontinuierlichen Zielscheibe von rechtskonservativen Theoretikern. Bereits die revolutionäre bürgerliche Gesellschaft bekam ihre Probleme durch die praktische Durchsetzung der allgemeinen, ideellen Rechtssicherheit für alle Staatsbürger gleichermaßen. Sofort wurde die gleiche Rechtssicherheit für Juden und Christen zum Stein des Anstoßes. Die Französische Nationalversammlung stellte sich 1790 die entsprechende ‚Judenfrage’. Von nun an wird die europäische Geschichte von der bürgerliche ‚Judenfrage’ begleitet. Sie entzündete sich am erstmals universell garantierten, bürgerlichen Recht. Die Antisemiten stören sich an der allgemeinen Rechtssicherheit für die vorher im Feudalismus durch ihren Privilegienstatus[17] unterdrückten Juden. Die Geschichte des modernen Antisemitismus beginnt deshalb auch nicht mit der Aufklärung, sondern praktisch erst mit der ersten realen Artikulation der gleichen Rechte für alle Staatsbürger vor dem Gesetz. Dies zog eine Diskussion über eine reale Einschränkung der allgemeinen Rechtsidee nach sich. Von Beginn der national organisierten bürgerlichen Staaten an beruht der moderne Antisemitismus auf durch und durch populistischen Argumenten, wie beispielsweise im Falle des Napoleonischen Decrét Infame von 1808: „Das Décret Infame markiert die Zurücknahme gesellschaftlich-emanzipatorischen Momente der Französischen Revolution. Nach außen bringt es die reaktionäre Seite der Napoleonischen Doppelbotschaft hervor: Nationalismus.“[18] Eine schnelle, populistische Lösung vermeintlich gesellschaftlicher Probleme wird also auch schon von Napoleon in der Entziehung der allgemeinen Bürgerrechte für Juden gesehen.

Trotz aller Differenzen ist der moderne Antisemitismus damit genauso ein Indikator für den tief verwurzelten Rassismus innerhalb der ambivalenten bürgerlichen Gesellschaft wie die Geschichte des modernen Rassismus sich ebenfalls klar und deutlich an der Frage der allgemeinen Rechtssicherheit vor dem bürgerlichen Gesetz entzündet. Der Rassismus und Antisemitismus gleichermaßen zeigen sich als immer wieder erfolgreich geführte Versuche, das ideell gleiche Recht für Alle nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu torpedieren. Die Geburtsstunde des Rassismus im burischen Süden Afrikas im 19. Jahrhundert ist die Erklärung der schwarzen Bevölkerung zu stumpfen tierischen Arbeitsmaschinen ohne subjektbedingten Intellekt – zum allgemeinen ökonomischen Vorteil der kapitalistischen Gesellschaft und zum besonderen Vorteil der weißen Bevölkerung. Die schwarze Bevölkerung wird für eine lukrativere Ausbeutung in den Diamantenminen Südafrikas entrechtet.[19] Der allgemeine bürgerliche Subjektstatus wird, trotz aller zu beachtender Differenzen, dem ‚Neger’ und dem Juden gleichermaßen aberkannt. Bis zur großen und erst von außen eingeleiteten Umstrukturierung in den südafrikanischen Staat von 1994 gilt diese ökonomisch bedingte ‚Rassentrennung’, die Apartheid. Sie bescherte der Südafrikanischen Union in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einen fulminanten ökonomischen Aufstieg in die so genannte ‚Erste Welt’. Geschäftspartner weltweit, westliche Regierungen und Unternehmen, nahmen sie zum wiederum eigenen Vorteil billigend in Kauf. Das reaktionäre Denken und die rechte Praxis zum Vorteil der weißen Südafrikaner wurde bis zur Invasion der Südafrikanischen Union in Angola innen- und außenpolitisch nicht wesentlich in Frage gestellt: „Aber eine Empörung über das Apartheid-System, das den schwarzen Menschen ohne Rechte läßt und wie Vieh behandelt, will schon sein. Dabei weiß jeder um die Heuchelei westlicher Regierungen, die einer UN-Resolution gegen Südafrika zustimmen und gleichzeitig die flotten Geschäfte mit der RSA ausbauen.“[20] Bis zur militärischen Schwächung der südafrikanischen Armee, vor allem durch den kubanischen Militäreinsatz an der Seite von afrikanischen kommunistischen Kampfverbänden in Angola, galt das Apartheidssüdafrika militärisch (Großbritannien, Frankreich, USA) als unterstützenswert. Vor allem wegen der allerorts drohenden kommunistischen Gefahr war man um einen starken kapitalistischen Partner in Afrika bemüht.

Zum Ziel haben Rassismus und Antisemitismus insofern immer, Rechte von Subjekten entweder als konkurrierende Arbeiter oder eben als ordentliche Lohnempfänger maßgeblich einzuschränken. Aus ökonomischen Interessen heraus marginalisierte Subjekte sollen mittels des Rassismus und Antisemitismus offensichtlich aus der Gesellschaft juristisch exkludiert werden – oder: es bleiben. Dass es in den bürgerlichen Nationalstaaten immer wieder zur Hinterfragung des gleichen Rechts für alle Bürger kommt, lässt sich schon aus der Konstitution der bürgerlichen Gesellschaften als Nationen und den Akten der Rekrutierung ihrer Staatsbürger begründen. Denn die Gleichheit vor dem staatlich durchgesetzten Gesetz gilt in allen bürgerlichen Nationalstaaten immer bloß für ausgewählte, dokumentierte Staatsbürger. Das macht die Rechtsgleichheit in den Nationalstaaten (bis heute) zu einer Rechtsgleichheit einzig von ausgewählten Staatsbürgern. Für Subjekte mit ausländischem Dokument gilt auf gleichem Territorium ein anderes Recht (siehe z.B. Ausländerrecht, Widerstandsrecht in der BRD etc.). Diese offizielle Exklusion wird auch in Zukunft in der nationalstaatlich organisierten bürgerlichen Gesellschaft bestehen bleiben müssen. Und die Definition wer genuiner Staatsbürger und wer nicht ist, bleibt aktuell. So können den durch mögliche Neudefinitionen ausgeschlossenen Gruppen die Verschiebungen in dieser ständigen Diskussion schnell zum Verhängnis werden. Im Nationalsozialismus exkludierte man die Juden aus dem Pool der deutschen Staatsbürger und machte sie so auch zu juristisch Fremden mit anderen Rechten.[21]

Heute entzünden sich wiederum am juristischen Status des Geflüchteten rassistische Debatten; egal ob in Europa, den USA, Australien oder Südamerika. Hiesige europäische ‚Asylkritiker’ möchten in erster Linie nicht, dass für Flüchtlinge, wenn sie denn einmal die inzwischen ungeheuer robusten Grenzen nach Europa überwunden haben, die gleichen Rechte wie für die autochthone, alteingesessenen Staatsbürger gelten (wer oder welche Generation sich zur autochthonen Bevölkerung zählen darf, ist dabei gesellschaftliche Interpretationssache: auch Flüchtlinge aus vorangegangenen Generationen tragen gegen aktuell Geflüchtete ihre rassistischen Bedenken vor – besonders skurril, aber inhaltlich kaum anders als in Europa, wirkt das derzeit angesichts der Geschichte des Landes in den USA). Dass Ausländer, gerade Asylbewerber, tatsächlich nicht die gleichen Rechte besitzen und nicht die gleichen Ansprüche wie Staatsbürger haben, interessiert Rassisten nicht – und wenn, fühlen sie sich von den Institutionen bloß in ihrem Rassismus bestätigt. Rassisten leiten aus den offensichtlichen Rechtsunterschieden ab, dass Nichtstaatsbürger und Flüchtlinge, wenn sie schon als juristischer Fremdkörper gelten, auch keine anderweitige Unterstützung durch ihren Staat erhalten sollen. Spezifisch auf die heutige Situation bezogen heißt das: Den Rassisten ist jedes Geld, was in die Flüchtlingshilfe gesteckt wird und das damit ihnen, in ihrer kruden Logik, ‚weggenommen’ wird, zuviel. Sie sehen all das, was von staatlicher Seite für die Flüchtlinge getan wird, immer als zu teure, nur zu ihren Lasten und ihrer Lebensqualität gehende Almosen ihres Staates an. Jede Chance, die der Flüchtling über Integrationsmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt bekommen soll, ist ihnen deshalb ein Hohn auf ihre eigene ökonomisch jämmerliche Existenz oder die persönliche Angst, zukünftig einmal zur jämmerlichen ökonomischen Existenz zu werden. Der Flüchtling soll nicht einmal einen Hauch einer Chance zur Integration unter die gesellschaftliche Herrschaft der BRD bekommen. Rechtes Denken und Handeln, das bestimmte Subjekte gesellschaftlich zum eigenen (eingebildeten) Vorteil gänzlich exkludiert sehen will, stellt sich dabei als ein aus ökonomischen Interessen folgendes historisch beständiges Merkmal der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft der von dem möglichen Bann nicht Betroffenen dar. Im Faschismus, der immer auch die Inklusion der Autochthonen bei gleichzeitiger Exklusion der innenpolitischen Feinde verspricht, realisieren sich diese in der bürgerlichen Gesellschaft exponierenden Ideen von der angeblichen Vorteilhaftigkeit der Exklusion für die Berechtigten. Im heutigen Europa und Amerika sind das Feindbild des sich sukzessive wieder ausprägenden Faschismus vor allem die Subjekte ohne die richtigen Staatspapiere – Illegale, anerkannte Flüchtlinge, Ausländer etc. Nicht, dass dies schon schlimm genug wäre, aber für Faschisten wird es nicht beim Hass auf Illegale, anerkannte Flüchtlinge oder Ausländer bleiben. Der Faschismus ist immer eine Gefahr für die dem Erfolg vermeintlich oder wirklich im Weg stehenden Kritiker des Faschismus – genauso wie für jede schnell aus dem ‚Volkskörper‘ zu exkludierende gesellschaftliche Randgruppe.

Der Faschismus ist deswegen kein von außen an die bürgerlichen Gesellschaften herantretendes Phänomen, sondern mit ihr wesentlich vermittelt. Hannah Arendt behauptet allerdings das Gegenteil, nämlich dass der Faschismus mit der bürgerlichen Gesellschaft nach seiner Machtübernahme einfach tabula rasa machen möchte. Damit verkennt sie die immanenten Gefahren des Faschismus als sich im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Rechtsform entwickelndes Phänomen.[22] Schon Marx beschreibt mit dem Bonapartismus das vorherige, unbedingte Funktionieren des bürgerlichen Staates als juristische Grundlage für die diktatorische, ‚faschistische’ Umwälzung durch Louis Bonaparte.[23] Der historisch bislang in seinen ekelhaftesten Konsequenzen unerreichte Faschismus, der Nationalsozialismus, hat sich zu Recht auf die Verfassung der Weimarer Republik als seine Rechtsgrundlage berufen können: Bis zur Auflösung 1945 beruht das ‚Dritte Reich’ juristisch völlig legal, über den Artikel 48, auf der Weimarer Reichsverfassung, die heute als Vorbild in den baltischen Staaten wieder zur Geltung kommt.

Nach dem II. Weltkrieg scheint die Gefahr eines internationalen Rechtsrucks, wie in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, zunächst gebannt. Selbst noch vor 20 Jahren, gar vor 10 Jahren, war die gegenwärtig faschistische, ökonomisch protektionistische politische Entwicklung unvorhersehbar. Die heutige Entwicklung zielt geradezu zersetzend auf den alten politischen ‚Westen’ nach 1945 ab, dessen frühere Ideale sukzessive aus dem politischen Spiel genommen werden. Die alten verbündeten OECD-Staaten stellen verstärkt die ehemals eingegangenen sicherheitsgebenden Bündnisse in Frage. Damit werden nicht nur grundlegende politisch-ökonomische Beziehungen aus der Nachkriegszeit des II. Weltkriegs in Frage gestellt – auch das lange als Opposition zur Sowjetunion gehegte und gepflegte politisch-ökonomische Wertesystem, der über Freihandelsverträge und gemeinsame Wirtschaftsinteressen globalisierte Kapitalismus, wird angegangen. Die politisch-ökonomischen Verhältnisse werden den neuen politischen Verhältnissen nach jahrzehntelangem ideellen und vor allem materiellen Gleichschritt neu geordnet. Man knüpft gegenwärtig neue politisch-ökonomische Verbindungen, die man bis vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte. Zuletzt machte Joschka Fischer diesen grundlegenden Wandel deutlich, als er das mit dem damals noch designierten US-Präsidenten Trump mögliche Ende der Eiszeit der politischen Beziehungen zwischen den USA und Russland beschrieb. Daran macht Fischer, durch Trumps wilde Anti-NATO-Reden im Wahlkampf inspiriert, den Abgesang der immer stärker in die bürgerliche Mitte vordringenden Rechtspopulisten auf die ‚Wertegemeinschaft’ des Westens und seine politisch traditionellen Beziehungen fest.[24]

Zu Fischers Interpretation passt aber auch ein weiteres einschneidendes Ereignis der Zeitgeschichte: Der mittels direkter Demokratie beschlossene Austritt Großbritanniens aus der EU, der so genannte Brexit, lässt sich zweifellos auch in den Zeitgeist der aufkommenden faschistisch-nationalistischen Gegenbewegungen und der dadurch erzwungenen Neuordnung von internationalen Beziehungen einordnen. Die EU war zwar zunächst einmal ein vor allem zu ökonomischen Zwecken geschmiedetes Bündnis gegen die Übermacht der großen kapitalistischen US-Ökonomie nach dem II. Weltkrieg – aber sie war auch als ein internationales kapitalistisches Bündnis gegen den international ausgerichteten Kommunismus der Sowjetunion gedacht. Jene gewachsenen wie rationalen politisch-ökonomischen Verbindungen der kapitalistischen Staaten, die traditionell nach dem II. Weltkrieg eine zweckmäßige Sicherheit auch gegen den bipolaren Block geben sollten, den kommunistischen Klassenfeind Sowjetunion, werden heute nach und nach deshalb offen hinterfragt, weil man sie in der alten Form als kapitalistisch motivierte Schutzverbindungen gegen die Sowjetunion nicht mehr braucht. Die früher abgeschlossenen Verträge gelten den Nationalisten und Faschisten weltweit inzwischen als unnötiger, die Binnenwirtschaft bremsender Ballast, der die eigene Nation nur in ihrer ‚freien Entfaltung’ hemme. Vor allem bis zur Auflösung der realsozialistischen Sowjetunion am 26.12.1991 blieb es ein bedingungsloses und energisches Anliegen der kapitalistischen bürgerlichen Staaten, den Einflussbereich der Sowjetunion sowohl außen- wie innenpolitisch möglichst multilateral, möglichst effektiv einzudämmen. Das alles war ein selbsterhaltendes Prozedere kapitalistischer Nationalstaaten gegen den realexistierenden Sozialismus, um den eigenen angestrebten Weg des Kapitalismus und auch den kapitalistischen Markt bestmöglich abzusichern. Diese Form der Selbsterhaltung gegen den kommunistischen Klassenfeind stellt sich heute als historisch überholt dar. So ist, nachdem die Welt nach dem Fall der den globalen Kapitalismus immer noch begrenzenden Mauern 1990, der nationalistische, rechte Angriff auf alte kapitalistische Werte, Ordnungen und Ideen auch ein Angriff auf die alte und überkommene Weltordnung mit offenem Visier. Um seines Erfolges Willen braucht man den kapitalistischen Weg heute nicht mehr so offensichtlich gegen mächtige äußere Feinde im multilateralen Bündnis gehen. Damals aber musste man ihn selbstverständlich gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten China, Kuba etc. gemeinsam gehen. Die Sowjetunion bzw. die erfolgreiche Oktoberrevolution 1917 stellte den ersten reellen, realpolitisch kommunistischen Feind des mit der Französischen und Amerikanischen Revolution in die Geschichte getretenen bürgerlichen Kapitalismus dar. Direkt im Anschluss an den I. Weltkrieg und die bolschewistische Oktoberrevolution – durch Kriegswirren und die zaristische Bodenreform während des I. Weltkriegs wurde zunächst die Februarrevolution der Menschewiki ausgelöst – begegnete man ihr von Seiten der kapitalistisch organisierten bürgerlichen Nationalstaaten mit einer aggressiven Zersetzungsabsicht: Das Wilsonsche 14-Punkte Programm von 1918 sollte bewusst kleinbürgerliche Nationalisierungswellen in ehemaligen Monarchien initiieren und diese resultierten gerade nach der Auflösung des Kriegsverlierers Österreich-Ungarns in einer europäischen Vielstaaterei. Den jener Zeit gelebten Internationalismus der realsozialistischen Sowjetunion nach der Revolution der Bolschewiki 1917 musste und wollte man entscheidend schwächen. Nicht zuletzt unterstützte man deshalb bis in die 40er Jahre auch in den traditionellen bürgerlichen Staaten nicht nur den aufkommenden Faschismus der Nationalsozialisten, sondern überhaupt den internationalen Faschismus der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Hauptgrund für die damalige Kumpanei von bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften und den zahlreichen faschistisch ausgerichteten Staaten jener Zeit war, dass der Faschismus als ein strenger Antikommunismus der bürgerlichen Gesellschaft in seinen außenpolitischen, aber auch innenpolitischen Ausrichtungen so ähnlich war.[25] Die Appeasement-Politik Neville Chamberlains ist deshalb nicht nur auf die besondere Tatsache zurückzuführen, dass das britische Empire nach dem I. Weltkrieg heftige innenpolitische und finanzielle Probleme hatte, sondern auch auf die allgemeine Angst vor der realen kommunistischen Gefahr aus dem Osten, mit der man auch nicht hatte über Konsequenzen gegen Nazideutschland verhandeln wollen.[26]

Nach dem II. Weltkrieg richtete man die Sozial- und Innenpolitik aller kapitalistischen Staaten rational mit dem Ziel der Eindämmung des Einflussbereichs von der ehemals alliierten Streitmacht Sowjetunion und dem in ihrem Schlepptau erstarkenden realen Kommunismus aus. Während des so genannten ‚Kalten Kriegs’ setzte man in der Bundesrepublik auf die so genannte ‚Sozialverträglichkeit’ aller gesellschaftspolitischen Maßnahmen, um damit einen möglicherweise entscheidenden Linksruck mit Vorbild DDR und Sowjetunion zu verhindern – und natürlich auch, um sozialistische Kritiker in das bürgerliche Lager zu ziehen und vom Modell der sozialen Marktwirtschaft als des wahren Sozialismus zu überzeugen. Die Versuche der Integration der Kritiker in den institutionellen Machtapparat ging hervorragend auf. Die Sozialhilfeleistungen, das relativ gute Arbeitslosengeld etc. zeigten sich als durchaus rationale Maßnahmen gegen den damals möglich scheinenden sozialistischen Aufbruch der so genannten 68er Generation und der relativ starken APO. Die Entwicklungen der allgemeinen ‚Wohlfahrt’ waren aber nicht nur in der BRD eine rationale Maßnahme gegen den politischen Feind Kommunismus, sondern auch international sich durchsetzende Reaktionen der bürgerlichen Gesellschaft auf die kommunistischen Gefahren jener Zeit und nicht nur in der Bundesrepublik ein beliebtes Mittel der Integration von Kritikern. So fand der britische Welfare-State seine umfassende, wirkliche Ausprägung auch nicht ohne Grund erst mit dem Beveridge-Report in den 1940er Jahren.[27] Zudem wurden in den OECD-Staaten bei jeder Möglichkeit der american dream, der verfassungsmäßig verbriefte amerikanische pursuit of happiness und die Meinungsfreiheit wie auch die Reisefreiheit als höchstes Gut der Menschheit angepriesen.

Als es dann 1989 zum recht schnellen realpolitischen Zerfall des ‚bipolaren Blocks’ kommt, verändert sich die weltpolitische und ökonomische Ausgangslage der Welt schnell. Die juristische Vereinigung von DDR und Bundesrepublik Deutschland 1990, womit der Wiederaufstieg Deutschlands als weltpolitische Macht und ernstzunehmender kapitalistischer Handelspartner besiegelt wurde, wäre wenige Jahre zuvor aus politischen, historischen und ökonomischen Gründen gänzlich unmöglich gewesen. Doch die politisch-ökonomischen Veränderungen schlagen andernorts viel brutaler als in Deutschland zu – und sind nicht nur ökonomisch Subjekte vernichtende Maßnahmen. Dort reißt man nicht nur symbolgeladen Mauern ab, sondern blutig werden die politisch-ökonomischen Verhältnisse neu ausgerichtet. In vielen sich aus dem Machtbereich herauslösenden Staaten der Sowjetunion kommt es nach 1990 im Zuge der Kapitalisierungswellen zu zuvor kaum für möglich gehaltenen Bürgerkriegen. Zu nennen ist vor allem der Jugoslawienkrieg. Er ist Resultat eines wiedererstarkenden und während der Sowjetzeit kleingehaltenen Ethnonationalismus. Die sich nach dem politischen Ende der Sowjetunion wieder durchsetzende Vielstaaterei beginnt – nicht gerade grundlos – in den nach dem Wilsonschen 14-Punkte-Programm als eigenständig aufgebauten Staaten Slowenien und Kroatien, das sich des fortlaufenden ideellen Einflusses der Ustaša über die jugoslawischen Jahre nicht entledigen konnte. Jene Folgen der Auflösung der Sowjetunion und die Neuordnung der politischen Einflusssphären kann man auf dem Balkan (Montenegro, Kosovo etc.) bis heute beobachten.

Aber auch in anderen Regionen und mit anderem historischen Hintergrund lassen sich Konflikte nach dem Zerfall der Sowjetunion beobachten. Neben der kapitalistischen Öffnung der VR Chinas unter Deng Xiaoping (entscheidend für die allgemeine kapitalistische Aufbruchstimmung in China lassen sich die blutigen Ereignisse am Tiananmen-Platz von 1989 heranziehen, aber auch die zunehmende Isolation Nordkoreas durch die VR China) sind es vor allem außenpolitische Eskalationen wie der Irakkrieg unter George Bush Senior 1991, die innerhalb der politischen Blockkonstellation so in der Form nicht möglich gewesen wären. Der II. Golfkrieg zeigt sich als ein aus dem Versuch geborener Eingriff der USA und ihrer Verbündeten, sich weltpolitisch in der Region des Mittleren Ostens und dem ehemaligen Einflussgebiet der Sowjetunion, gegen den lange sowjetorientierten Baath-Sozialismus Husseins im Irak, jetzt entsprechend stark zu positionieren. Das traditionelle Einflussgebiet der Sowjetunion konnte inzwischen ohne offene Kriegsgefahr mit der zuvor militärisch ebenbürtigen Sowjetunion kapitalistisch neu geordnet werden. Der Krieg im Golf war deshalb schon kein klassischer Stellvertreterkrieg mehr um den Einfluss in ökonomisch oder politisch wichtigen Gebieten, er war kein Säbelrasseln zweier ökonomisch unterschiedlicher Blöcke, sondern der Krieg wurde zum Zweck der Sicherung des ökonomischen Machteinflusses der OECD-Staaten in diesem Gebiet geführt. Der Krieg um den Zugriff auf die Ölquellen in der Region um Euphrat und Tigris, Öl als der immer noch wesentliche Rohstoff kapitalistisch produzierender Staaten, war deshalb ein früher, schon rational vorausschauender Kampf gegen den Einfluss des sich jetzt sukzessive kapitalistisch auf dem Weltmarkt positionierenden Nationalstaats Russlands. Nicht zuletzt entzündete sich der Golfkrieg von 1991 dabei an der Existenz Kuwaits – einem mit dem Westen traditionell verbündeten Staat.

Selbst der gegenwärtige Syrienkonflikt, der die ‚Flüchtlingskrise’ mitauslöste, lässt sich unter den Krieg um den politischen Einfluss auf die Ölvorkommen und den politisch-ökonomischen Einfluss in der Region subsumieren. Heute aber zeigt sich der größte postsowjetische Staat und entscheidende kapitalistische Konkurrent, Russland, wieder als handlungsfähiger und ebenbürtiger als zu Zeiten der Golfkriege. Der gegenwärtig im Westen oft irreführend als ‚Putins Krieg’ oder auch mal als ‚Bürgerkrieg’ bezeichnete Kampf um die Herrschaft in Damaskus ist kein klassischer Bürgerkrieg, sondern ein wichtiger Interessenkrieg um kapitalistischen Einfluss und Rohstoffe in der Region. Offensichtlich betreiben hier die westlichen bürgerlichen Staaten bis zum gewissen Grad eine gemeinsame, gewaltsame Geopolitik, die auch vor Maßnahmen nicht zurückschreckt, über die man öffentlich-rechtlich ungern redet: Indem man islamistische Brigaden in Syrien vor allem über den Finanzierungsumweg Saudi-Arabien – selbst von israelischer Seite[28] aus – unterstützt, versucht man massiv den russischen Einfluss auf Syrien und den ebenfalls der internationalen Baath-Partei angehörenden Assad zurückzudrängen, bzw. dem traditionellen russischen Einfluss in der Region Einhalt zu gebieten.

Zugegeben dreht sich der Versuch, politisch wie ökonomisch Einfluss in strategisch wichtigen Staaten zu gewinnen (oder auch zurückzugewinnen) nicht nur um wichtige Rohstoffe wie das immer knapper werdende, aber durch die langsame Entwicklung in dem Bereich der Forschung nach alternativen Energien noch kapitalistisch notwendige Öl. Geopolitisch wichtige, aber als große global player ausscheidende (kommunistisch-sowjetbezogene) Staaten wie Kuba, Afghanistan, Vietnam, Kambodscha, Myanmar etc. geraten nun ebenso offensichtlich ins Fadenkreuz von kapitalistisch-ökonomischen Interessen. Eine aggressive Rhetorik wird gegenwärtig gegen den immer bedeutender werdenden Einfluss des sich kapitalisierenden Chinas, trotz der andauernden Führungsrolle der KPC, aufgrund der zunehmend wichtiger werdenden Positionierung im südchinesischen Meer gefahren. Auch das lange gehegte und gepflegte kubanische Handelsembargo wird zurückgenommen, um dem Kapital einen Zugang auf die realsozialistische Insel zu ermöglichen.

Was aber haben die politischen Neuordnungen nach 1990 mit dem heute im Zuge der ‚Flüchtlingskrise’ aufkommenden Faschismus in Europa und Amerika zu tun? Dass die ‚Flüchtlingskrise’ durch die Außenpolitik der Neuordnung auch auf die Außenpolitik von OECD-Staaten zurückzuführen ist, wurde oben deutlich. Doch auch innenpolitisch hat sich nach dem sukzessiven Zerfall des realexistierenden Sozialismus eine Menge geändert. Recht schnell passt man sich nach der Auflösung der Sowjetunion auch innenpolitisch der neuen weltpolitischen Lage an an. Das geschieht aus dem Sachzwang der kapitalistischen Neuordnung der politischen Verhältnisse heraus. Die Festigkeit des Kapitalismus in den bürgerlichen Staaten als Naturgesetz wird inzwischen nicht mehr durch einen bipolaren kommunistischen oder besser: realsozialistischen Block in Frage gestellt. Man sieht sich jetzt aufgrund der sich ändernden politisch-ökonomischen Sachzwänge gezwungen, die soziale Marktwirtschaft, die man als guten Kapitalismus verkaufte, zu reformieren. Weil der Kapitalismus als einzig gehbarer Weg der kulturellen Naturbearbeitung gilt, wird er innenpolitisch reformiert. Ganz rational soll die Konkurrenzfähigkeit gegenüber den neu auf den kapitalistischen Weltmarkt drängenden großen Konkurrenten, vornehmlich die VR China und Russland, gewährleistet werden. Weil die große sowjetisch-chinesische, kommunistische Konkurrenz des Kapitalismus wegfiel, hielt nichts, bis auf vereinzelte Naturkatastrophen, den ungehemmten Lauf des Kapitalismus nach 1990 auf. Was folgte, war, neben der außenpolitischen Neuordnung von Einflussgebieten, auch eine innenpolitische Rationalisierung des Kapitalismus. Diese Straffung des Kapitalismus wurde ökonomisch rational und bedingungslos durchgeführt. Aufgeweicht wurden die soziale Marktwirtschaft und ihre sozialen Absicherungssysteme, wodurch man sich  sukzessive des Ballasts der staatlichen sozialen Sicherungssysteme entledigt. Auf dem weltweit durchgesetzten kapitalistischen Markt hemmten diese inzwischen die globale Konkurrenzfähigkeit, weshalb der ‚Wohlfahrtsstaat’ nach 1990 haushaltsfreundlich umgestaltet wurde. Diese Umgestaltung hält bis heute an. Für die Bundesrepublik heißen diese Sachzwänge durch den Zuwachs der Konkurrenz an billigen Arbeitskräften in anderen Teilen der Welt konkret: Sozialhilfe wurde zu Hartz IV, das Arbeitslosengeld wurde zu ALG I. Nach 1990 wurden auch konsequent Arbeitszeiten nach oben geschraubt, das Rentenalter (selbstverständlich nicht nur in Deutschland) gesetzlich heraufgesetzt und die realen Löhne und Gehälter fallen inzwischen sehr viel spärlicher aus. Zudem wurden Urlaubs- und Feiertage gestrichen, und der universitäre Bildungsbetrieb wurde durch die so genannten Bolognareformen bis zu einem reinen Ausbildungsbetrieb für gesellschaftlich höhere Aufgaben zusammengekürzt. All diese krassen Veränderungen durch die sozialen Reformen drücken sich in den westlichen Gesellschaften in einem permanenten Krisenzustand der betroffenen Bevölkerung aus. In den letzten 25 Jahren bildeten sich vermehrt Zukunftsängste heraus. Nachweisbar hat sich mit dem kapitalistischen Aufbruch der ehemaligen sowjetischen Staaten, insbesondere Russlands, die ökonomische Lage der Subjekte in den OECD-Industriestaaten zunehmend verschlechtert. Der gesellschaftliche Reichtum zeigt sich heute, als Resultat des barrierefreieren Kapitalismus, sehr viel ungleicher verteilt. Thomas Piketty antwortet auf diese Misere in seinem Buch mit inzwischen längst verloren gegangenen sozialdemokratischen Werten als Lösungsansatz, um die recht verfahrene gesellschaftliche Lage in Frankreich wieder in den Griff zu bekommen – ohne aber, dass er die substanzielle Ursache dafür, den Kapitalismus und seine rationale Systematik der Akkumulation, angreift.[29]

Der heutige Kapitalismus bildet sich durch die Aufgabe der historisch sinnvollen sozialen Sicherungssysteme gegen den so genannten Ostblock immer weiter zu einem kapitalistischen System zurück, das Marx in der ungehemmten Brutalität im Kapital adäquat beschreibt. Eindrucksvoll analysiert Marx das zu seiner Zeit durchgreifende System der kapitalistischen Wertschöpfung. Auch ein gewonnener Kampf um den Achtstundentag stellt sich für Marx letztendlich nur als eine rationale Maßnahme des Staates dar, den Proletarier produktivkraftsteigernd effizienter auszubeuten und dadurch als Arbeitskraft für die große Industrie einfach länger gesund und am Leben zu halten.[30] Die große Industrie hat sich heute allerdings, im Vergleich zur Zeit der Niederschrift des Kapitals, aus den ehemaligen westlichen Industriestaaten aus ökonomischen Gründen fast gänzlich verabschiedet. Das macht immens großen Teilen der Bevölkerung, vor allem ungebildeten und schlecht ausgebildeten Proletariern, zu schaffen. Die bekannte Politikerrede davon, dass sich ein Großteil der Menschen heute ökonomisch abgehängt fühlt, ist falsch. Aber nicht, weil es ‚uns’ doch ‚im Vergleich’ noch so gut gehe (eine Argumentation, die nur das herrschende Gewaltverhältnis rechtfertigen soll), sondern weil die relative Armut in den westlichen OECD-Staaten kontinuierlich tatsächlich steigt und im Technologiezeitalter für große Teile der lohnarbeitenden Bevölkerung die Zukunft alles andere als rosig aussehen wird, sprich: ein Großteil der Proletarier ist tatsächlich ökonomisch abgehängt oder wird es bei weiterem exponentiellem Verlauf der kapitalistischen Entwicklung werden. Die Angst vor der Zukunft ist deshalb nicht unbegründet.

Im Zuge allgemeiner und rationaler Umstrukturierungen, verschuldet durch die allgemeine Steigerung der Produktivkraft, was wiederum einen harten Konkurrenzkampf um die wenigen übriggebliebenen Arbeitsplätze zur Folge hat, muss inzwischen sogar nahezu jeder Bürger, und nicht nur der um seinen Arbeitsplatz kämpfende Proletarier, um seine ökonomische Zukunft, seine eigene Reproduktion, bangen. Wie Marx auch bereits im Kapital urteilte: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“[31] Und so grassiert auch unter den ökonomisch weit besser gestellten, die nicht zu den Abgehängten zählen, eine berechtigte Angst, zukünftig nicht mehr (akzeptabel) dazu zu gehören: Zeitarbeitsverträge, geringer Rentenanspruch, Arbeitsbelastung etc. machen sich selbst in den höheren Angestelltenpositionen psychisch wie physisch bemerkbar. Nichts und niemand ist vor dem immer drohenden ökonomischen und gesellschaftlichen Abstieg sicher: kein großes Unternehmen und erst recht kein Subjekt. Dass alle Subjekte ausnahmslos von den systematischen Bedingungen des Kapitalismus in ihrer Reproduktion bedroht werden, sah schon Marx, der die affirmative wie negative Bezogenheit der großen Klassen aufeinander bereits systematisch herausarbeitete.[32]

Es sind insofern außenpolitische wie innenpolitische Faktoren, die sich in ihrer Dialektik für die heute breiten rassistischen Äußerungen in Europa im Zuge der ‚Flüchtlingskrise’ verantwortlich zeigen. Beide Faktoren sind mit den systematisch kapitalistischen Verhältnissen der Gegenwart untrennbar verbunden. Es ist der nach 1990 von seinen realsozialistischen Hemmnissen befreite, systematisch kapitalistische Zwang zur gegenseitigen Konkurrenz in der bürgerlichen Gesellschaft, der die Subjekte immer mehr und stärker gegen andere in Konkurrenz stellt. Die Konkurrenten macht man schwach und denunziert sie, was den eigenen Wert in der Gesellschaft steigern kann. Einfacher scheint es, gesellschaftlich Schwache als mögliche Konkurrenten vom Markt zu halten. Deswegen werden in einem Akt vorauseilenden Gehorsams Flüchtlinge rassistisch abgewertet. Sie werden als potentielle Konkurrenten abgelehnt, weil man selbst händeringend nach Unterstützung bei der Realisation der eigenen Reproduktion sucht. Der Drang nach billiger kapitalistischer Arbeit findet mit Flüchtlingen ja auch tatsächlich einen Pool von ausbeutbaren Subjekten vor. Auch dieses Argument ist aus kapitalistischer Sicht nicht von der Hand zu weisen.

Innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenhangs bevorzugen immer mehr Bürger rassistische Erklärungen für die eigene oder die gesellschaftlich prekäre Lage – die immanent aus der Systematik des kapitalistischen Systems betrachtet nicht einmal nur falsch ist. Von den Rassisten werden die eigenen ökonomischen Ängste auf jegliche ökonomische Veränderungen projiziert, die der eigenen Reproduktion und Lebensqualität womöglich im Wege stehen. Diese Auffassung ist trotz ihrer immanenten Richtigkeit verkürzt. Die Rassisten machen nicht die genannten materiellen gesellschaftlichen Zusammenhänge als Ursache für die eigene schlechte Situation verantwortlich, sondern zeigen in vollstem Vertrauen auf das kapitalistische System mit dem Finger auf die, die von ihnen persönlich für die gesellschaftlichen Umstände haftbar gemacht werden. Dabei ist ganz gleichgültig, ob Flüchtlinge, gierige Banker, das elitäre Establishment, Juden, Muslime etc. als die Feinde des ordinären Volkes ausgemacht werden. Angesichts des gesellschaftlichen Reichtums wird die eigene Armut, auch angesichts der mangelnden Zukunftsperspektive, von einer großen Masse der Bevölkerung begriffen. Schnell ist man neidisch auf jene, die es wirklich oder vermeintlich einfacher in der Gesellschaft haben. Die Systematik des Kapitalismus und seine rationale Wertschöpfung bleibt von den Rassisten aber unbegriffen. Sie lehnen nicht den Kapitalismus als ökonomisches System der modernen gesellschaftlichen Herrschaft als Ganzes ab, sondern nur das, was man unter Kapitalismus meint zu verstehen: die Zirkulationssphäre und die sozialen Phänomene. Die Mühe einer substantiellen, die Dialektik von Zirkulation und Produktion aufzeigenden Kritik wird sich von Rassisten wie auch von kleinbürgerlichen Gesellschaftskritikern nicht gemacht: stattdessen zeigt man lieber mit dem Finger auf vermeintlich gierige oder unberechtigt Gelder einstreichende Menschen (Flüchtlinge, Banker etc.), die dann im nächsten Schritt für die eigene prekäre und miserable gesellschaftliche Lage verantwortlich gemacht werden. Die Personifikation von sachzwänglich Systematischem ist immer auch der Kern der faschistischen Ideologie gewesen – und er wird heute zum Kern der neofaschistischen Ideologie: persönliche Verleumdungen halten anstelle gesellschaftlicher, ökonomischer Verhältnisse her. Angebliche, gruppierte Feinde des eigenen, möglichen und allerorts spürbaren partikularen Wohlstandes werden von den Faschisten denunziert. Auch der (Neo-)faschismus identifiziert Feinde des Volkes, dem das Reichtum durch diese Gruppen geklaut wird. Der Synkretismus der faschistischen Bewegungen absorbiert alle persönlichen Diffamierungen und unterschiedlichste Theorieansätze, die sich zum Teil auch völlig widersprechen, differenzlos in einer übergeordneten Idee. Deshalb können für Faschisten Juden Kommunisten und Kapitalisten zugleich sein – weil zum einen all das als wahr gilt, was man zur Erreichung des politischen Ziels dienlich findet und zum anderen der Volksverräter am Volkseigentum rein formell bestimmt wird. Unterschiede im Inhalt interessieren Faschisten nicht. Das ist das Resultat der großzügigen Übernahme eines bürgerlichen Pluralismus und gesellschaftswissenschaftlichen Relativismus.

Weil man sich im kleinbürgerlichen und faschistischen Lager die gesellschaftlichen Dinge nicht materiell-systematisch erklärt, setzt man sich eindimensional mit den komplexen, gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinander. Die kleinbürgerlich-nationalistische Lösung des systematischen Problems sieht deshalb im gegenwärtig vermehrt propagierten Protektionismus eine Antwort auf die Komplexität von Kapital und seiner systematischen Expansion – als notwendige Maßnahme gegen den globalisierten und von der Elite beförderten kapitalistischen Welthandel. Auch vermeintlich linke Kritiker von TTIP und CETA fallen darunter, ohne dass ihnen ihre inhaltliche Nähe – unter zugegebenermaßen formell anderen Akzentuierungen – zu neofaschistischen Positionen bewusst wird. Genau an der Stelle können faschistische Querfrontler die ehemals kleinbürgerlichen Linken abgreifen. Weil sowohl nicht die Ökonomie als auch nicht die kapitalistische Klassenherrschaft von linken wie rechten Kleinbürgern als das wesentliche, schwerwiegende Problem der allgemeinen Armut (auch der Flüchtlinge) auf der Welt erkannt wird, kommen sie in trauter Einigkeit auf einen gemeinsamen, falschen Nenner ihrer ‚Kritik‘: die systembedingte Internationalität durch die globale Expansion der Wertschöpfung. Die durch die kleinbürgerlichen Linken als Ursache der falschen Verteilung denunzierten kriminellen Machenschaften von EU, Wall Street und Banken werden von den rechten Kleinbürgern um Flüchtlinge, Ausländer etc. ergänzt, die daneben das Volkseigentum stehlen würden. Deshalb wird vom Populismus von Links wie Rechts eine möglichst einfache Lösung des gesellschaftlichen Problems hochgehalten: das radikale, auf Personen und Funktionen abzielende ‚Ausmisten’.

In der an die Verkürzungen der Linken anschließenden Rechten tritt allerdings noch etwas hinzu: In der faschistischen Ideologie zeichnet sich bedrohlich der Untergang von Staat und Volk ab. Für die Neo-Faschisten von heute neigt sich die früher glorreiche Zeit des Staates durch die Reichtum und Ehre vernichtenden Eliten, Flüchtlinge, Obdachlose, Arbeitslose etc. dem Ende zu. Sie meinen deshalb, sich zum einen von der gesamten Elite, dem politischen Establishment inklusive, endlich das zurückholen zu müssen, was man als Volk in der Vergangenheit besessen hätte und wo man vermeintlich ein geburtsbedingtes Mitspracherecht hat – und was man gegenüber den Exkludierten als rechtmäßige Besitzer beansprucht: den nationalen Staat. Auch Donald J. Trumps Wahlslogan, „Make America great again“, bestätigt dies. Das ‚Urvertrauen’ des zornigen, faschistischen Volks in den bürgerlichen Staat als kapitalistischem Nationalstaat bleibt unerschüttert, lediglich die betrügerischen Eliten sollen gegen volksfreundliche Vertreter ausgetauscht werden. Drain the swamp. Bloß das Vertrauen auf das bisherige Recht und Gesetz und das, was die davon profitierenden Eliten aus dem Staat gemacht haben, ist für die Faschisten aufgebraucht. Ihr Vertrauen in Kapitalismus und law and order nicht; beide Faktoren sollen erst richtig zur Geltung kommen.

Weil die Zukunftsangst, gepaart mit dem Zwang, sich gegen Konkurrenten die eigene Möglichkeit der Reproduktion zu sichern, auf die aktuelle so genannte ‚Flüchtlingskrise’ trifft, entsteht ein solch explosives Gemisch. Die ‚Flüchtlingskrise‘ ist deshalb am derzeitigen Rassismus und (Neo-)Faschismus nicht wesentlich ’schuld‘, sondern bloß phänomenal, als ein funktionales Ventil für den gegenwärtigen Rassismus verantwortlich. Das Phänomen ‚Flüchtlingskrise’, selbst auch noch Folge kapitalistischer Interessen in den Herkunftsländern der Asylantragssteller, hält insofern für gesellschaftlich Anderes her. Durch diese Funktionalität der ‚Flüchtlingskrise’ als Lückenfüller des geschichtlichen Vakuums verschiebt sich der Fokus vom gesellschaftlich für diese systembedingte Krise Wesentlichen, dem Kapitalismus, aufs Phänomenale, vom kapitalistischen Wesen hervorgebrachte: die Flüchtlinge. Absolut ekelhaft zeigt sich der anvisierte Lösungsansatz der faschistischen Kleinbürger dabei: wenn erst einmal die Flüchtlingsströme kontrolliert eingeebnet würden und die Eliten, die diesen ‚Flüchtlingsstrom’ persönlich zu verantworten hätten (‚Danke Merkel’) vertrieben sind – dann könne die Gesellschaft wieder aufblühen. Der Neofaschismus hofft an der Stelle auf eine subjektive Autonomie und politische Selbstbestimmung, die es unter den gegenwärtigen gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnissen gar nicht geben kann – nicht, weil Flüchtlinge, Ausländer, Juden, Banker, Manager etc. dem entgegen stehen, sondern weil im Kapitalismus, den die Faschisten ebenso wenig wie den Staat abschaffen wollen, systematisch die Autonomie des Subjekts heteronom von Außen immer wieder gebrochen wird. Eine subjektive Autonomie kann sich überhaupt erst dann entfalten, wenn Subjekte nicht mehr nur Mittel zum Zweck der kapitalistischen Reichtumsproduktion sind, sondern die gesellschaftliche Reichtumsproduktion zum Zweck des Subjekts wird. Dann allerdings würde es auch keine systematische Konkurrenz der Subjekte mehr geben, die sich zum Zweck ihrer eigenen Selbsterhaltung immer zum heteronomen Mittel des kapitalistischen Produktionsverhältnisses machen müssen.

Dies in Deutlichkeit zu erkennen erfordert eine entsprechende Bildung, die man sich heute schwerlich in der Schule oder anderen (Bildungs-)Institutionen des bürgerlichen Staates aneignen kann. Deshalb muss sie außerinstitutionell stattfinden. Sie muss sich von offensichtlichen Fakten erst einmal lösen, ohne sie einfach über Bord zu werfen oder sich von ihnen dumm machen zu lassen, sondern sich anschicken, ihnen auf ihren wesentlichen Grund zu fühlen. Das erst lässt die wahren Ursachen für die gesellschaftlichen Verhältnisse erkennen. Durch eine solche Erkenntnis ist man zwar praktisch der Lösung von Elend und Leid auf dieser Welt noch kein Stück näher gekommen. Doch man kann mit ihr erkennen, dass die ‚Flüchtlingskrise’ nicht für den heutigen Rechtspopulismus oder besser: Rechtsextremismus verantwortlich ist, sondern dass diese nur als ein Ventil für tieferliegende Ambivalenzen in der bürgerlichen Gesellschaft fungiert.

[1] Tagesspiegel, http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsruck-in-europa-der-aufstieg-der-rechtspopulisten/12470978.html (Abgerufen 05.02.2017).

[2] http://www.focus.de/politik/videos/plus-von-2-5-prozent-nach-dem-terror-von-berlin-umfragewerte-der-afd-steigen-deutlich_id_6399541.html

[3] http://www.epochtimes.de/politik/europa/die-niederlande-vor-der-wahl-im-maerz-2017-wilders-liegt-in-umstrittenen-umfragen-weit-vorne-a2021133.html

[4] http://www.bild.de/politik/ausland/frankreich-wahlen/le-pen-liegt-nach-umfrage-vorn-49748840.bild.html

[5] Samuel Salzborn, Wo liegt eigentlich Ungarn? http://www.demokratie-goettingen.de/blog/wo-liegt-eigentlich-ungarn.

[6] http://www.news.com.au/national/politics/newspoll-pauline-hanson-on-the-rise-as-coalition-support-dives/news-story/84f2038c8f781da0ad2aa6f6a247183b

[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fluechtlinge-probleme-und-chancen-fuer-deutschland-a-1060764.html, oder: „Unsere Chance sind die Flüchtlinge.“ http://www.sueddeutsche.de/kolumne/fluechtlinge-chance-und-risiko-1.2643364

[8] http://www.fnp.de/nachrichten/politik/Moralische-Verpflichtung-und-Gebot-der-Vernunft;art673,1120246

[9] Vgl. http://www.taz.de/!5297438/

[10] https://www.nytimes.com/2016/09/11/us/politics/hillary-clinton-basket-of-deplorables.html?_r=0

[11] So fordert es beispielsweise Pro Asyl https://www.proasyl.de/thema/rassismus/fakten-gegen-vorurteile/ oder auch die Antonio Amadeu Stiftung http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/hetze/pro-menschenrechte-contra-vorurteile-fakten-und-argumente-zur-debatte-ueber-fluechtlinge-in-deutschland-und-europa/

[12] Vgl. dazu Freerk Huisken, Warum Demokraten (Neo-)Faschisten nicht kritisieren, sondern nur verbieten können, http://fhuisken.de/DemFasch.htm

[13] Vgl. http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/afd-gruppe-an-der-uni-duesseldorf-nur-noch-mit-pfefferspray-auf-den-campus-a-1105782.html

[14] Vgl. z.B. http://www.tagesspiegel.de/berlin/afd-politiker-und-hu-professor-maskierte-greifen-dozenten-der-berliner-humboldt-uni-an/14927574.html

[15]

[16] Leo Tolstois Werk Krieg und Frieden beleuchtet eindrucksvoll den Kampf von bürgerlichen Aufklärern und antibürgerlichen Reaktionären im Zarenreich vor dem Dekabristenaufstand von 1825. Vgl. Leo Tolstoi, Krieg und Frieden, Düsseldorf 2002.

[17] Privileg im Feudalismus heißt nicht wie heute im umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes Vorteil, sondern es beschreibt hier die unterschiedlichen rechtlichen und ökonomischen Stellungen der (Volks-)Gruppen in der feudalen Gesellschaft.

[18] Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt a.M. 2005, S. 105.

[19] Detlev Claussen, Was heißt Rassismus?, Darmstadt 1994, S. 23: „Im Kern des Rassismus geht es um das gewaltsame Verhältnis von Körper und Arbeit, die beide in der gesellschaftlichen Moderne zu Objekten der Ausbeutung geworden sind.“

[20] http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/85/85_4/rsa.htm

[21] Auch heute werden in Europa wieder Staatsbürgerschaften entzogen.

[22] Hannah Arendt macht diesen Fehler im Rahmen ihrer Totalitarismusthese. Sie ist der Auffassung, dass der Nationalsozialismus die bürgerliche Rechtsordnung völlig verkehrt habe. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 2003, S. 947: „Nun ist zwar totalitäre Herrschaft ‚gesetzlos’, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt [sic!].“

[23] So „scheint“ sich „der Staat“ nur „völlig verselbständigt zu haben.“ Karl Marx, der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, Berlin 1960, S. 197.

[24] Joschka Fischer, ‚Den Westen’ könnte es bald nicht mehr geben, http://www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-die-fundamente-rutschen-1.3183134.

[25] „In fact, at one time or another between 1933 and 1941 all other major players in the game treated Germany accordingly.“ Eric Hobsbawm, The Age of Extremes. 1914-1991, London 1994, S. 143.

[26] Vgl. ebd., S. 154.

[27] Sir William Beveridge, Social Insurance and Allied Services, https://www.sochealth.co.uk/national-health-service/public-health-and-wellbeing/beveridge-report/

[28] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-golanhoehen-werden-zur-naechsten-front-a-1014237.html

[29] Thomas Piketty hat jüngst die Ungleichheit untersucht und kam zu dem Schluß, dass es schon seit den 1970er Jahren zu einer Ungleichverteilung kommt. Er führt aber die Gewinne nicht auf den Kapitalismus in seiner Systematik zurück, sondern er möchte unsystematisch lieber an Schrauben drehen, die die systematischen Auswüchse verhindern. Der Kampf gegen Windmühlen ist vorprogrammiert. Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.

[30] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, MEW 23, Berlin 2005, S. 245 ff.

[31] Ebd., S. 790. Vgl. hierzu auch Fußnote 28.

[32] So ist die Arbeiterklasse affirmativ über die Arbeitsteilung und das gemeinsame Interesse, die eigene Ausbeutung zu verringern, aufeinander bezogen. Negativ aufeinander ist sie durch die Konkurrenz um Arbeitsplätze bezogen. Die Kapitalistenklasse ist positiv durch die technische Abhängigkeit der Einzelkapitale aufeinander bezogen, negativ durch die Bezogenheit der Einzelkapitale auf einen begrenzten Marktmagen (gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate), der Ausspuckt, was zu viel, zu unökonomisch oder einfach zu teuer ist.

[1] Tagesspiegel, http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsruck-in-europa-der-aufstieg-der-rechtspopulisten/12470978.html (Abgerufen 05.02.2017).

[2] http://www.focus.de/politik/videos/plus-von-2-5-prozent-nach-dem-terror-von-berlin-umfragewerte-der-afd-steigen-deutlich_id_6399541.html

[3] http://www.epochtimes.de/politik/europa/die-niederlande-vor-der-wahl-im-maerz-2017-wilders-liegt-in-umstrittenen-umfragen-weit-vorne-a2021133.html

[4] http://www.bild.de/politik/ausland/frankreich-wahlen/le-pen-liegt-nach-umfrage-vorn-49748840.bild.html

[5] Samuel Salzborn, Wo liegt eigentlich Ungarn? http://www.demokratie-goettingen.de/blog/wo-liegt-eigentlich-ungarn.

[6] http://www.news.com.au/national/politics/newspoll-pauline-hanson-on-the-rise-as-coalition-support-dives/news-story/84f2038c8f781da0ad2aa6f6a247183b

[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fluechtlinge-probleme-und-chancen-fuer-deutschland-a-1060764.html, oder: „Unsere Chance sind die Flüchtlinge.“ http://www.sueddeutsche.de/kolumne/fluechtlinge-chance-und-risiko-1.2643364

[8] http://www.fnp.de/nachrichten/politik/Moralische-Verpflichtung-und-Gebot-der-Vernunft;art673,1120246

[9] Vgl. http://www.taz.de/!5297438/

[10] https://www.nytimes.com/2016/09/11/us/politics/hillary-clinton-basket-of-deplorables.html?_r=0

[11] So fordert es beispielsweise Pro Asyl https://www.proasyl.de/thema/rassismus/fakten-gegen-vorurteile/ oder auch die Antonio Amadeu Stiftung http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/hetze/pro-menschenrechte-contra-vorurteile-fakten-und-argumente-zur-debatte-ueber-fluechtlinge-in-deutschland-und-europa/

[12] Vgl. dazu Freerk Huisken, Warum Demokraten (Neo-)Faschisten nicht kritisieren, sondern nur verbieten können, http://fhuisken.de/DemFasch.htm

[13] Vgl. http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/afd-gruppe-an-der-uni-duesseldorf-nur-noch-mit-pfefferspray-auf-den-campus-a-1105782.html

[14] Vgl. z.B. http://www.tagesspiegel.de/berlin/afd-politiker-und-hu-professor-maskierte-greifen-dozenten-der-berliner-humboldt-uni-an/14927574.html

[15]

[16] Leo Tolstois Werk Krieg und Frieden beleuchtet eindrucksvoll den Kampf von bürgerlichen Aufklärern und antibürgerlichen Reaktionären im Zarenreich vor dem Dekabristenaufstand von 1825. Vgl. Leo Tolstoi, Krieg und Frieden, Düsseldorf 2002.

[17] Privileg im Feudalismus heißt nicht wie heute im umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes Vorteil, sondern es beschreibt hier die unterschiedlichen rechtlichen und ökonomischen Stellungen der (Volks-)Gruppen in der feudalen Gesellschaft.

[18] Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt a.M. 2005, S. 105.

[19] Detlev Claussen, Was heißt Rassismus?, Darmstadt 1994, S. 23: „Im Kern des Rassismus geht es um das gewaltsame Verhältnis von Körper und Arbeit, die beide in der gesellschaftlichen Moderne zu Objekten der Ausbeutung geworden sind.“

[20] http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/85/85_4/rsa.htm

[21] Auch heute werden in Europa wieder Staatsbürgerschaften entzogen.

[22] Hannah Arendt macht diesen Fehler im Rahmen ihrer Totalitarismusthese. Sie ist der Auffassung, dass der Nationalsozialismus die bürgerliche Rechtsordnung völlig verkehrt habe. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 2003, S. 947: „Nun ist zwar totalitäre Herrschaft ‚gesetzlos’, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt [sic!].“

[23] So „scheint“ sich „der Staat“ nur „völlig verselbständigt zu haben.“ Karl Marx, der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, Berlin 1960, S. 197.

[24] Joschka Fischer, ‚Den Westen’ könnte es bald nicht mehr geben, http://www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-die-fundamente-rutschen-1.3183134.

[25] „In fact, at one time or another between 1933 and 1941 all other major players in the game treated Germany accordingly.“ Eric Hobsbawm, The Age of Extremes. 1914-1991, London 1994, S. 143.

[26] Vgl. ebd., S. 154.

[27] Sir William Beveridge, Social Insurance and Allied Services, https://www.sochealth.co.uk/national-health-service/public-health-and-wellbeing/beveridge-report/

[28] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-golanhoehen-werden-zur-naechsten-front-a-1014237.html

[29] Thomas Piketty hat jüngst die Ungleichheit untersucht und kam zu dem Schluß, dass es schon seit den 1970er Jahren zu einer Ungleichverteilung kommt. Er führt aber die Gewinne nicht auf den Kapitalismus in seiner Systematik zurück, sondern er möchte unsystematisch lieber an Schrauben drehen, die die systematischen Auswüchse verhindern. Der Kampf gegen Windmühlen ist vorprogrammiert. Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.

[30] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, MEW 23, Berlin 2005, S. 245 ff.

[31] Ebd., S. 790. Vgl. hierzu auch Fußnote 28.

[32] So ist die Arbeiterklasse affirmativ über die Arbeitsteilung und das gemeinsame Interesse, die eigene Ausbeutung zu verringern, aufeinander bezogen. Negativ aufeinander ist sie durch die Konkurrenz um Arbeitsplätze bezogen. Die Kapitalistenklasse ist positiv durch die technische Abhängigkeit der Einzelkapitale aufeinander bezogen, negativ durch die Bezogenheit der Einzelkapitale auf einen begrenzten Marktmagen (gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate), der Ausspuckt, was zu viel, zu unökonomisch oder einfach zu teuer ist.

von Bengt Erik Bethmann

Björn Höcke kam als, wie er eingangs seiner Rede sagte, „unbequemer Redner“ auf Einladung der Jungen Alternative nach Dresden. Gleich zu Beginn seiner Rede also drängt sich Höcke in die Rolle des Rebellen. In der dann folgenden knapp fünfzigminütigen Rede ließ er kaum ein Klischee des vermeintlichen Tabubruchs und des Rassismus aus. Was folgte, war der scheinbar unangestrengte Versuch, das „deutsche Volk“ als solches selbstbewusst zu identifizieren.

Das ausgemachte Übel der deutschen Geschichte sei , so Höcke, die Massenvernichtung von Juden, Oppositionellen, Homosexuellen, Sinti und Roma etc. im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Doch Höcke rückt nicht die qualitativ bislang mit Abstand größten Gräueltaten der menschlichen Geschichte in den Vordergrund. Den Holocaust kritisiert er nicht als industriell durchgeführte Massenvernichtung von Menschen, dessen Wiederholung man intellektuell und praktisch unbedingt verhindern solle. Wie vorhersehbar wurde seine Rede keine, die an den von Adorno formulierten neuen kategorischen Imperativ nach Auschwitz, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, appelliert.

In der Rede wird zunächst die Verdrängung des Nationalstolzes in Deutschland kritisiert. Diese Verdrängung sei ein ausgemachtes Übel der deutschen Geschichte. Des Nationalstolzes bedürfe es, um „eine reine, ehrlich bescheidende und tief begründete Vaterlandsliebe“ fruchtbar zu machen. Diese Liebe zum eigenen Volk und zur eigenen Geschichte brauche es, um den „Staat (…) vor den verbrauchten Alteliten“, den für Höcke inneren Zersetzern, zu schützen.

Der Zersetzung und Deklassierung des deutschen Staates möchte er Einhalt gebieten. Dafür müsse die Geschichte des Nationalsozialismus aus der deutschen Geschichtsschreibung verschwinden. Höcke schlägt einen alternativen Pfad hin zu einem neuen, nationalistisch geprüften Geschichtsverständnis vor. Für eine richtige deutsche Geschichtsschreibung brauche es eine „lebendige Erinnerungskultur“. Damit meint Höcke nicht etwa eine bessere, eventuell pädagogisch wertvollere Aufarbeitung der Gräueltaten während des Nationalsozialismus. Der vierundvierzigjährige Geschichtslehrer Höcke möchte eine Geschichtsschreibung, die das, was nicht ins nationalistische Bild passt, ausspart. Er plädiert also für eine gelenkte Geschichtspropaganda mit dem Ziel, das ‚deutsche Selbstbewusstsein‘, das durch Auschwitz verloren gegangen sei, zu restaurieren. Die dafür anvisierte „lebendige Erinnerungskultur“ müsse „uns (Deutsche) vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung“ bringen. Die Zeit des Nationalsozialismus soll relativiert werden. Selbstverständlich sollen schon die Jüngsten erstmal nur positive deutsche Nationalgeschichte pauken. Höcke suggeriert insofern einen nationalistischen Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung wie ihrer pädagogischen Vermittlung. Sein Geschichtsrevisionismus findet unüberhörbare Zustimmung im Saal.

Höcke fährt dann mit einem Angriff auf die deutsche ‚Bewältigungspolitik‘ nach 1945 fort. So „lähme“ die ganze bisherige „dämliche Bewältigungspolitik“ das Volk für die zukünftig bevorstehende Aufgaben. Durch das akademische wie gesellschaftliche Erinnern der Opfer der Geschichte würde „unsere einst hoch geschätzte Kultur“ verkommen. Resultat sei, dass sich die deutsche Kultur den jungen Menschen als nicht schützenswert präsentiere. Das Volk aber dürfe sich nicht derart mit seiner Geschichte selbst kasteien. Es solle sich darum nicht mehr auf die historischen Schandflecke konzentrieren.

Das Volk wurde, so Höckes nächstes Argument, schon genug von den alliierten Siegermächten unterdrückt worden. Unlängst sei die deutsche Kultur durch die Herrschaft der Alliierten amerikanisiert und drohe – wie die amerikanische Gesellschaft – in „multikulturelle(r) Beliebigkeit“ unterzugehen. Nach Übernahme der Amerikanisierung sie die gegenwärtige deutsche „Geistesverfassung“ die unterdrückte Volksidentität. Der deutsche „Gemütszustand“ sei nämlich „immer noch der eines total besiegten Volkes.“ Die jahrelange Herrschaft der Alliierten habe das deutsche Volk und seine Tugenden in Vergessenheit geraten lassen. Die Volksidentität sei herrschaftlich verbannt worden. Der angeblich perfide Plan der Alliierten, die deutsche Kultur und Identität kleinzuhalten, resultiere auch noch darin, dass „unsere einst geachtete Armee (!) zu einer durchgegenderten, multikulturalisierten Eingreiftruppe im Dienste der USA verkommen“ sei.

Aufgrund der erzwungenen Selbstkasteiung durch die Alliierten habe man sich ein „Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gebaut“. Das deutsche Volk könne so, wenn es denn dergleichen an seiner Erinnerungskultur festhielte, aus seinem Dornröschenschlaf nicht erwachen, durch das an die Schande erinnernde Denkmal werde die eigene Geschichte und damit die Identifikation mit dem Volk für Deutsche immer weiter bildhaft mies und lächerlich gemacht. Die Geschichte des Nationalsozialismus sei aber gar nicht der Rede wert, wenn man sich die Geschichte des deutschen Volkes insgesamt anschaue. Die lange und glorreiche Geschichte Deutschlands könne nach Höcke die zwölf Jahre Nationalsozialismus mehr als kompensieren.

Höckes Antiamerikanismus trifft auf einen in seiner Rede schwelenden Antisemitismus. Anders jedoch als den Antiamerikanismus und den völkischen Rassismus spricht er diesen nicht offen aus. Weil Höcke jedoch alles heterogen Zersetzende, als nichtidentisch mit der gesunden Volksseele ausgemachte Material vor dem Hintergrund der Bildung einer deutschen Volksidentität gnadenlos angreift, müssen der Antisemitismus und Rassismus aber auch gar nicht offen angesprochen werden, um nebenherzulaufen.

Um eine identische Reinheit des deutschen Volkes mit sich selbst und der eigenen Geschichte wieder herzustellen, brauche es eine erwachende breite völkische Identität der Deutschen. Es brauche ein völkisches Selbstbewusstsein, das die historische Wahrhaftigkeit des deutschen Volkes restituiere. Das ist nichts anderes als die explizite Aufforderung zu einem völkischen Rassismus. Nur durch dieses identitätsstiftende Selbstbewusstsein als Volk, als eines ohne selbstkasteiende Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus, könne sich „unser liebes Volk“ auch gegen die gegenwärtige Gefahr der immer weiter voranschreitenden Verkümmerung des deutschen Volkes, der deutschen Rasse, erwehren. An der Stelle wird Höckes Rassismus klassisch biologisch. Das Volk identifiziert er nicht relativ harmlos mit der heterogenen Bevölkerung, sondern wie die Nationalsozialisten mit Rasse.

Höckes Rassismus ist unübersehbar. Eine weitere Ursache für einen gegenwärtigen und auch zukünftigen sukzessiven Identitätsverlust des deutschen Volkes macht Höcke in der „Masseneinwanderung“ und dem zeitgleichen Geburtenrückgang in der ‚deutschen Bevölkerung‘ aus, wodurch Deutschland „seine Bewohner“ verliere. Die Masseneinwanderung von Nichtdeutschen, Nichtvolksdeutschen, werde das autochthone, alteingesessene deutsche Volk nach Höcke „in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht“. Das also, was die Alliierten mit der Unterdrückung der deutschen Kultur und Identität nicht ganz geschafft hätten, drohe ‚dem Volk‘ heute durch eine Eliminierung durch ‚Vermischung’: Die Vernichtung des biologisch deutschen Volks. Die deutsche Identität, die deutsche Rasse, gehe für Höcke durch diesen politisch hemmungslosen „Import fremder Völkerschaften“ und der daraus resultierenden kulturellen und ergo rassischen Diversität immer mehr verloren. Dass Deutschland seine Bewohner verliere, spielt insofern nicht auf den tatsächlichen statistischen Bevölkerungsrückgang an, sondern einzig und allein auf den biologischen Verlust von deutscher ‚Erbmasse‘.

Der Rassismus Höckes geht aber noch tiefer. Mit der Volksidentität verschwänden dann bald auch endgültig die so hochgelobten „preußischen Tugenden“ – und damit auch ein wesentlicher Teil des identifizierbaren Selbstbewusstseins als deutsches Volk. Diese deutlich völkisch-rassistischen Töne des AfD-Funktionärs lassen sich nicht grundlos mit den Reden von früheren Antisemiten und Nationalsozialisten vergleichen. Mit der angeblichen Angst vor der ‚Verjudung’ der Völker und der Volksgeister appellierten die Nazis an das Selbstbewusstsein des deutschen Volkes und erinnerten die große und glorreiche Geschichte des deutschen Volkes, die durch den ‚Schandvertrag von Versailles’ und die Verjudung der deutschen Gesellschaft als bürgerliche Gesellschaft unterdrückt werde.

Höcke formuliert anschließend, dass PEGIDA-Gegendemonstranten für das selbstbewusste Volkserwachen nicht zu gebrauchen sind. Diese seien bloß eine „wilde Horde“ von Antifaschisten (was viel über das Bild Höckes der PEGIDA-Bewegung aussagt, die damit selbstentlarvend der Logik nach als eine faschistische Bewegung bezeichnet wird): „kreischende, verhetzte, von induziertem Irresein gekennzeichneten jugendliche Wirrköpfe.“ Antifaschisten, das sind für Höcke Menschen, denen es durch den gesellschaftlichen Mainstream das Gehirn zersetzt habe und die als heterogene Masse die letzten Reste an gesundem Volkskörper, die Patrioten, stören würden. Patrioten sind für ihn die guten und aufrechten Volksdeutschen – die ihm in großer Zahl in Dresden zujubelnden Anhänger der AfD gehören dazu. Einzig Patrioten seien weitsichtige und gesellschaftlich unverdorbene Bürger, die eine „inhaltliche Fundamentalopposition“ als Einheit gegen alle Versuche der inneren und äußeren Zersetzung Deutschlands bilden könnten.

Höcke redet nicht etwa gegen den bürgerlichen Staat Deutschland, sondern greift explizit nur die gegenwärtige Bundesrepublik an. Diese trennt er vom richtigen Deutschland und der in seinen Augen richtigen Politik für Deutschland. Ein idiosynkratischer Antikommunismus lässt ihn in allen Ecken und Funktionen des gegenwärtigen deutschen Staates Kommunisten als größten inneren, volkszersetzenden Feind am Werk sehen. Die gegenwärtigen Politiker der großen Volksparteien sind für ihn, in freier Anspielung auf die KPdSU-Funktionäre in der Sowjetunion, bloße „Apparatschiks“. Durch ihr selbstgerechtes Handeln würden diese den bürgerlichen Staat und damit die Identität des Volkes über kurz oder lang abschaffen. Höcke plädiert deshalb, dem patriotisch entgegenzuwirken und den deutschen „Staat am Leben zu erhalten und zu stützen“. Denn: „Ohne so einen neuen Patriotismus kann keine bürgerliche Gesellschaft (!) überleben.“ Nicht ohne Hintergedanken spielt er in seiner Rede auf den verdinglichenden und hochproblematischen Satz Kennedys an, dass man sich nicht etwa fragen solle, was das Land für einen selbst als Subjekt und sein Wohlergehen tun könne, sondern man sich besser fragen solle, was man selbst für sein Land und dessen Wohlergehen tun könne. Pointiert heißt dies, wie bei Kennedy: Dein Land bzw. Volk ist alles, als denkendes und fühlendes Subjekt bist du nichts.

Auch durch die moderne Ökonomie und die damit einhergehenden Phänomene würden deutsche Traditionen immer mehr verloren gehen. So kritisiert Höcke die moderne Ökonomie als ‚undeutsche Wirtschaftsform‘, die unsere „schöne Heimat“ zu einer ökonomisch sinnlosen Spielwiese mit „hässliche(n) Bauten, Windräder(n) und eine(r) chaotische(n) Besiedlung verunstaltet“ habe. Höckes Kapitalismuskritik kennt man aus rechten, antisemitischen Kreisen. Aus einer rechten Ökonomiekritik ist auch die undialektische Trennung von Zirkulations- und Produktionssphäre bekannt. Der Finanzsektor als Teil der Zirkulationssphäre hat demnach scheinbar nichts mehr mit der Produktionssphäre zu tun. Ohne produktive Wertschöpfung hätte aber die ‚kriminelle‘ Finanzwelt gar keine Spekulationsgegenstände. Die Nazis sprachen im Zuge ihrer Ökonomiekritik immer vom guten, volksdeutschen und schaffenden Kapital, was gleichbedeutend mit der Produktionssphäre und einer handfesten Wertschöpfung war, und dem raffenden Kapital, dem nichtvolksdeutschen, zersetzenden, nur faul abgreifenden jüdischen Finanzkapital. Die wertschöpferische Systematik hinter den Erscheinungen der Zirkulationssphäre geht bei der undialektischen Kritik verloren. Es mangelt ihr an Substanz. Höcke kritisiert in seiner Rede nun exakt dergleichen undialektisch Ökonomie und Politik. Er spricht von der gegenwärtigen „Entfesselung der Finanzmärkte“, was sogleich zur „Auflösung der Solidargemeinschaft“ geführt habe. Damit meint er die Resultate der sukzessiven Internationalisierung des Kapitalmarkts. Die Globalisierung bekam zuletzt noch einmal einen gewaltigen Schub nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 und dem kapitalistisch werdenden China unter Deng Xiaoping. Die mit Globalisierung umschriebene exzessive Kapitalisierung der Welt führe für Höcke zur Auflösung der letzten Reste der heimeligen völkisch-deutschen Solidargemeinschaft. Der internationale Handel führte „zum neoliberalen Pluralismus“ der Gesellschaft, der jede völkische Gemeinschaft durch die Vielfältigkeit der Lebensstile zerschlage.

Ein Merkmal rechter Ökonomiekritik ist, dass die Phänomene wesentlich ökonomischer Gesetze personalisiert werden. Früher wurden vornehmlich Juden, heute (häufig als Chiffre) Banker, Manager, Politiker, Milliardäre etc. als für gesellschaftliche Missstände schuldige ausgemacht. Auch Höcke personalisiert in seiner Kapitalismuskritik, nennt schuldige für den ökonomischen Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Hervorgebracht worden sei diese ökonomische Phase der Internationalisierung des Markts demnach nicht durch die systematischen, ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus. Erst das Handeln bestimmter Politikertypen hätte diese ökonomische Phase der bürgerlichen Gesellschaft eingeleitet. Diese Politiker wollen sich nur noch selbst mittels ihrer Funktion bereichern, sie meinen es „nicht gut mit ihrem Volk“ und würden deshalb einzig zu ihrem persönlichen Vorteil arbeiten und deshalb mit ihrem egoistischen Handeln den Reichtum des Volkes zersetzen. Die bürgerlichen Politiker seien insofern nur bourgeoise Apparatschiks, die sich lieber aus ihrer egoistischen Haltung heraus volkszersetzenden Lobbyisten an den Hals schmeißen würden, anstatt als gute staatsbürgerliche Citoyen auf die Bedürfnisse auch des einfachen Volkes zu achten. Diese wirre Analyse von der Dialektik von Bourgeois und Citoyen wendet Höcke dann auch gegen seine eventuell gemäßigten innerparteilichen Gegner auf Bundesebene an. In Anspielung auf den Mitbegründer der AfD, den Euroskeptiker Bernd Lucke, werden sie von ihm „Luckisten“ genannt. Luckisten seien bourgeoise AfD-Vertreter, die nach Luckes Austritt aus der Partei noch seine falsche Politik verfolgen würden und seine Arroganz gegenüber der einfachen Wahrheit aus egoistischer Bequemlichkeit vertreten würden. Sie wollen nach Höcke nur eins: zum politischen „Establishment“ gehören. Die bourgeoisen AfDler, die Höcke loswerden möchte, würden sich „sehr wohl (…) bei den Frei-Fressen- und Frei-Saufen-Veranstaltungen der Lobbyisten“ fühlen. Sein vermeintlich hemdsärmeliger Kampf gegen die (auch innerparteiliche) vermeintliche Arroganz des politischen Establishments und die Bourgeoisie ist einer, der in den letzten Monaten weltweit für politisch sehr unruhige Zeiten gesorgt hat. Höcke springt auf den antibourgeoisen Zug der rechtspopulistischen Anti-Establishment-Bewegungen auf. Politisch stand die AfD mit ihrer kleinbürgerlichen Politik des Wir gegen die da Oben den Brexitbefürwortern, Donald Trump, Marine LePen, Viktor Orbán, Movimento 5 Stelle, Geert Wilders, Pauline Hanson etc. längst nah. Der kleine Mann soll auch von der AfD eine Stimme gegen die große Politik bekommen, die mit ihm bislang nur verfahren habe und ihn viel zu lange paralysiert zurückgelassen habe.

Um die Stimmen der inzwischen großen Zahl an ökonomisch Abgehängten unter der AfD zu vereinen und den depravierten Staatsbürgern dabei eine völkische Identität als Deutsche anzubieten, geht Höcke in seiner Dresdner Rede in die Vollen. Die viel diskutierte Dresdner Stadtgeschichte während des Zweiten Weltkriegs bietet sich dafür an. Abseits des Mainstreams wurden bereits kontroverse Diskussionen über die Flächenbombardements der Alliierten bei ihren Luftangriffen auf die Stadt geführt. Wissenschaftlich konnte in den akademischen, faktenzentrierten Auseinandersetzungen unlängst nachgewiesen werden, dass es jene von der oral history bei ihren Untersuchungen mit Zeitzeugen in Umlauf gebrachten Tiefflieger nicht gab. Auch Phosphorbomben wurden entgegen der landläufigen Meinung in Dresden (anders als zu Beginn der Luftschläge gegen Nazideutschland in Hamburg beispielsweise) nicht eingesetzt. Es ließ sich also zweifelsfrei nachweisen, dass sich die interviewten Zeitzeugen irrten und sich ihre Erzählungen von einer wissenschaftlich nachweisbaren Objektivität unterscheiden. Das Flächenbombardement Dresdens kann nicht, anders als Höcke behauptet, als ein „Kriegsverbrechen“ eingestuft werden. Dresden war eine kriegswichtige Stadt, weil infrastrukturell wichtig für die Versorgung der Wehrmachtstruppen an der so kriegswichtigen Ostfront. Zum Zeitpunkt der Bombardements gab es zudem noch kein Luftkriegsrecht, auf das sich juristisch hätte bezogen werden können. Insofern sind die in Dresden gemachten Aussagen Höckes historisch gänzlich unhaltbar. Höcke kennt die Diskussion, weshalb er argumentiert, dass es in Dresden an einer bedeutsamen „militärischen Infrastruktur“ fehlte. Der Geschichtslehrer Höcke verschweigt bewusst, dass Dresden für die Versorgung der an der Ostfront stationierten Wehrmachtstruppen wichtig war. Er verschweigt dies bewusst, um den Angriff auf Dresden zu einem Verbrechen zu erklären. Damit knüpft Höcke nahtlos an die Nazi-Propaganda des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unter Goebbels an, das bereits wenige Tage nach den Angriffen im Februar 1945 Dresdens Bombardierung als lange geplanten Massenmord an den Deutschen sowie als lange geplante Vernichtung der deutschen Kulturhauptstadt darstellte.

Mit der Stilisierung der Deutschen als Opfer und der Propaganda Goebbels im Gepäck führt Höcke in Dresden seine Suche nach der Volksidentität fort. Die Bombardierung der Alliierten hatte für ihn nur einen Grund: sie wollten den Deutschen ihre „kollektive Identität rauben“. Die Alliierten wollten das deutsche Volk „mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden“. Höcke schließt an den klassisch deutschen Opfermythos an, der über die Verkehrung der Täter-Opfer-Frage historisch Geschehenes relativiert.

Neben der erdichteten Täter-Opfer-Verkehrung spielt Höcke nicht ohne Hintergedanken auf die Identifizierung des deutschen Volkes mit Natürlichem, Ursprünglichem an. Zum einen wird mit diesem Ursprungsmythos von der Natürlichkeit der Volksidentitäten jede Auffassung von der rein politischen Setzung von Grenzen und damit Nationen angegriffen. Zum anderen wird eine angeblich tiefgreifende Natürlichkeit der Identifikation der Deutschen mit ihren Wurzeln unterstellt. Niemand soll also ein schlechtes Gewissen bekommen und es auch nur zu denken wagen, er sei ein gesellschaftlicher Rechtsaußen, wenn er stolz auf eine solch große und glorreiche deutsche Kultur blickt und dabei alles nichtidentisch Nichtdeutsche und das Deutsche zersetzende offen als unerwünscht denunziert. Diese von Höcke komponierte Identität mit der deutschen Geschichte als Normalität soll sogar noch zurückgehen bis in eine Zeit, in der der bürgerliche Staat Deutschland, der erst 1871 konstituiert wurde, noch gar nicht existierte. Der Ursprungsmythos ist insofern ein Geschichtsmythos, den der Geschichtslehrer Höcke bewusst dafür wählt, seine „Vision“ von der selbstbewusst völkischen Identität dem AfD-Publikum näher zu bringen. Oder anders ausgedrückt: um seinen Rassismus über die scheinbar harmlose Suche nach dem völkischen Selbstbewusstsein salonfähig zu machen: „Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden, wenn wir uns wieder selbst entdecken. Wir müssen wieder wir selbst werden.“

Dass es ihm im Dresdner Ballhaus Watzke angesichts der jubelnden Zuhörer gelungen ist, seine völkische Vision vom (wiedererwachenden) selbstbewussten Deutschsein zu platzieren, sollte warnen, dass der offene Rassismus in der AfD nicht alleine mit der Personalie Höcke verbunden ist. Die Wurzeln des völkisch begründeten Rassismus sind bei der Jungen Alternative im Ballhaus in Dresden und der AfD salonfähig. Ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke würde den Konsens der Partei nicht verändern. Was gegen den Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus in der AfD hilft, ist allein die offensive Kritik der Partei und die offene Zurschaustellung ihrer wahren, ungeschminkten Positionen. Vieles, was Höcke in Dresden sagte, lässt sich, wenn auch in weit weniger völkischen Tönen, im Grundsatzprogramm der AfD nachlesen.

Bengt Erik Bethmann

 

Proteste begleiteten die erste Anhörung Sessions vor dem Senat. Der in der Vergangenheit mit rassistischen Äußerungen in Erscheinung getretene Jeff Sessions wird neuer Justizminister unter Trump. Er löst Loretta Lynch ab. Als neuer Attorney General wird er dem Justizministerium vorstehen. Im Rahmen dieser Tätigkeit wird er Kontrolle über die Strafverfolgungsbehörden des Bundes ausüben und die USA formell vor Gericht vertreten.

Der inzwischen siebzigjährige Jefferson Beauregard ‚Jeff’ Sessions III gilt laut des National Journals als eines der konservativsten Mitglieder des US-Senats. Als Senator ist der aus Mobile, Alabama, stammende Sessions Mitglied des Justiz-Ausschusses. Zu Hause in Alabama genießt er enorme Popularität. Nachdem er 1996 zum ersten Mal als Senator gewählt wurde, erreichte der frühere Staatsanwalt hier kontinuierlich über 59% der Stimmen – 2014 trat er sogar ohne Gegenkandidaten an.

Im März 2016, inmitten des Präsidentschaftswahlkampfs, erklärte Sessions in Huntsville, Alabama, dass er Trump offiziell bei seiner Kandidatur unterstütze. Sessions wurde danach sogar lange Zeit als möglicher Kandidat auf das Vizepräsidentenamt gehandelt. Bei der späteren Auswahl Mike Pences als möglichen Stellvertreter des Präsidenten und der nominellen Nummer zwei im Staat stand er Trump beratend zur Seite. Die wichtige Rolle Sessions ist unbestritten: Einer seiner Mitarbeiter arbeitete die Immigrationsrichtlinien für Trump im Wahlkampf aus. Jener darin zum Ausdruck kommende Rassismus polarisierte nicht nur in den USA. 2007 wollte Sessions die illegale Immigration mit einem Gesetzesentwurf bekämpfen, der Unternehmen zehn Jahre von Geschäften ausschließt, sollten sie illegale Immigranten als Mitarbeiter beschäftigt haben. Er votierte zudem gegen jedes Gesetz, dass Illegalen einen möglichen Weg zur Staatsbürgerschaft erleichtern sollte. Auch bezüglich der legalen Immigration fand er immer wieder scharfe Worte. In einem Interview von 2015 mit der Washington Post sagte er, dass zukünftig selbst die legale Immigration deutlich zurückgehen müsse, weil sie das Lohnniveau in den USA kaputt mache. Wie die illegalen Immigranten würden auch die Legalen für sehr viel weniger Geld als US-Amerikaner arbeiten. Das brächte das Lohnniveau auf dem US-amerikanischen Arbeitsmarkt aus dem Gleichgewicht. Wenn also, so das Argument, zukünftig allen Immigranten der Zugang zum Arbeitsmarkt verweigert würde, bzw. ein Einwanderungsstopp verhängt wird, würden sich die Löhne in den USA erholen.

Vor dem Hintergrund dieser offen fremdenfeindlichen Positionen in der Immigrationspolitik ist der Sessions kontinuierlich verfolgende Rassismusvorwurf wenig überraschend. Schon vor rund dreißig Jahren, 1986, verwehrte ihm sein Rassismus ein Bundesrichteramt. Frühere Kollegen in Alabama sagten damals, Sessions benutze immer noch das Wort ‚Nigger’. Außerdem hätte er bezüglich des in den ehemaligen Südstaaten sehr umtriebigen rassistisch-antisemitischen Klu-Klux-Klans gesagt, dass dieser für ihn bis zu jenem Zeitpunkt ‚okay’ gewesen sei als er herausfand, dass einige seiner Mitglieder Marihuana rauchten. Sessions stritt die rassistischen Äußerungen nicht ab, spielte seine Äußerung über den Klu-Klux-Klan jedoch als Witz herunter.

Auch außenpolitisch ist Sessions hardliner. 2005 lehnte er, gerade vor dem Hintergrund des Folterskandals nach dem Irakkrieg in Abu Ghuraib (2004), eine Gesetzesvorlage John McCains ab, die es dem Militär verbieten sollte, zu foltern. Den Irakkrieg selbst unterstützte er, lehnte jedoch als einer von drei Senatoren ab, das Budget für medizinische Leistungen von Kriegsveteranen zu erhöhen. Sessions argumentierte 2014 vor dem Senat, dass der Kongress stattdessen doch lieber auf Reformen und Lösungen setzen solle, die die Qualität der Leistungen für Veteranen verbessern würden.

Bezüglich ökologischer Fragen zeigt sich Sessions als ein großer Skeptiker eines von Menschen beeinflußten Klimawandels. Der Leiterin der US-Umweltschutzbehörde EPA, Gina McCarthy, entgegnete er 2015, dass das übermäßig im Produktionsprozess ausgestoßene CO2 ‚wirklich kein Schadstoff’ sei, sondern als Pflanzendünger lediglich die Erdtemperatur verändere.

Welche Positionen Sessions als Justizminister verfolgen wird, bleibt nach seinen ersten Anhörungen im Senat unklar. Auch wenn Sessions von seinem früheren Rassismus in seinen Anhörungen vor dem Senat unlängst Abstand nahm, liegt in seiner Personalie einiges an gesellschaftlichem Sprengstoff. Dass Sessions den von Trump einmal geäußerten Einreisestopp für Muslime in die USA genauso wie waterboarding in seiner Anhörung vor dem Senat ablehnt, mag zwar ein kleiner Hoffnungsschimmer für die ihm kritisch gegenüberstehende Bürgerrechtsbewegung sein. Weil er sich aber in der gleichen Anhörung sowohl gegen die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba stellt und die Polizei kompromisslos in Schutz nimmt, wird er der Bürgerrechtsbewegung eher nicht entgegen kommen.

Kritische Töne gegen die US-amerikanischen Polizei aufgrund ihrer tödlichen und brutalen Einsätze, vor allem gegen Schwarze, lehnt Sessions vehement ab. Er spielte die Vorwürfe eines breiten Rassismus in den Polizeireihen relativierend herunter. Den Bürgerrechtsbewegungen wirft er eine unfaire Bewertung der Vorkommnisse vor: Wegen des Vorgehens „einiger weniger schlechter Akteure“ solle die Polizei als Ganzes „verleumdet und beschuldigt“ werden. Seine Vorgängerin im Amt, Loretta Lynch, kritisierte den Rassismus in den Reihen der Chicagoer Polizei jüngst. Unwahrscheinlich, dass Sessions je daran anschließt.

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