von Bengt Erik Bethmann

Björn Höcke kam als, wie er eingangs seiner Rede sagt, „unbequemer Redner“ auf Einladung der Jungen Alternative nach Dresden. Ein unbequemer Redner redet nicht schwammig in Kreisen um die eigentlichen Dinge herum, sondern packt an – und dabei unbequeme Wahrheiten aus. Der unbequeme Redner eckt mit seinem Auftreten gradlinig gesellschaftlich an, indem er die Wahrheit klar und deutlich benennt. Er eckt an, weil die vermeintliche Wahrheit nicht in den großen medialen und gesellschaftlichen Mainstream der heutigen Zeit passe. Gradlinig, unbequem und aufrichtig zu sein – das ist auch Höckes Selbstverständnis in Dresden gewesen. Schon zu Beginn seiner Rede drängt sich Höcke in die Rolle eines wahrhaften Rebellen hinter dem Mikrofon, der sich von der gegenwärtigen Gesellschaft und den Medien noch nicht habe dumm machen lassen. Höcke ließ in der folgenden knapp fünfzigminütigen Rede unter dem anfangs aufgehängten Deckmantel des besserwissenden Rebellens dann auch kaum ein Klischee des vermeintlichen Tabubruchs und des Rassismus aus. Was in der Dresdner Performance Höckes folgt, war der scheinbar unangestrengte Versuch, das „deutsche Volk“ als solches selbstbewusst zu identifizieren – und dafür Deutschland von der unterstellten, aber nie von den Alliierten je tatsächlich hervorgebrachten, Generalschuld am Holocaust und den Gräuel des Zweiten Weltkriegs reinzuwaschen.

Die Massenvernichtung von Juden und Oppositionellen im Zuge des Zweiten Weltkriegs gilt für Höcke als das ausgemachte Übel der deutschen Geschichte. Aber nicht in dem Sinne, dass er die qualitativ bislang mit Abstand größten Gräueltaten der menschlichen Geschichte als solche darstellt. Er kritisiert den Holocaust nicht als industriell durchgeführte Massenvernichtung von Menschen, dessen Wiederholung man intellektuell und praktisch unbedingt verhindern solle. Erwartbar wurde seine Rede keine, die an den von Adorno formulierten neuen kategorischen Imperativ nach Auschwitz, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, appelliert. Sondern der Zweite Weltkrieg und die Gräueltaten der Massenvernichtung, heute meist unter dem Begriff Auschwitz subsumiert, resultieren für den Thüringer Höcke in der langen Historie der Verdrängung des Nationalstolzes in Deutschland. Das ist das ausgemachte Übel für Höcke, das aus der deutschen Geschichte resultiere. Des Nationalstolzes bedürfe es unbedingt, um „eine reine, ehrlich bescheidende und tief begründete Vaterlandsliebe“ fruchtbar zu machen. Diese Liebe zum eigenen Volk und zur eigenen Geschichte brauche es, um den „Staat (…) vor den verbrauchten Alteliten“, also seinen gegenwärtigen inneren Zersetzern, zu schützen.

Um der für Höcke allerorten sichtbaren Zersetzung und Deklassierung des deutschen Staates Einhalt zu gebieten, soll die Geschichte des Nationalsozialismus (man hat schon eine Ahnung: nur dessen gesellschaftliche Verbrechen) aus der deutschen Geschichtsschreibung verschwinden. Höcke schlägt dafür einen richtigen, zu diesem Zwecke gehbaren Pfad vor. Dieser Weg des Eliminierens von Fakten führe mittelfristig zu einem neuen nationalistisch geprüften Geschichtsverständnis: Für die aufrichtige Reinheit der deutschen Geschichtsschreibung brauche es eine „lebendige Erinnerungskultur“. Damit meint Höcke nicht etwa eine vielleicht bessere, eventuell pädagogisch wertvollere Aufarbeitung der Gräueltaten während des Dritten Reichs. Eine solch kritische Aussage bezüglich der Pädagogik des WIE? der Erinnerung wäre für einen (hoffentlich ehemaligen) vierundvierzigjährigen Geschichtslehrer zwar durchaus angemessen. Aber Höcke möchte eine ganz andere deutsche Geschichtsschreibung implementieren. Er möchte eine Geschichtsschreibung, die keine ist – die Wesentliches, was nicht ins nationalistische Bild Höckes passt, einfach unumwunden ausspart. Damit plädiert Höcke für eine gelenkte Geschichtspropaganda in Deutschland, die zum Ziel haben soll, das deutsche Selbstbewusstsein, das durch Auschwitz verloren gegangen sei, zu restaurieren. Seine dafür anvisierte „lebendige Erinnerungskultur“ müsse „uns (Deutsche) vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung“ bringen. Diese Berührung mit der die Gräuel relativierenden Geschichtsschreibung muss selbstverständlich schon bei den Jüngsten losgehen. Höcke suggeriert deshalb einen nationalistischen Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung und ihrer pädagogischen Vermittlung zum Zweck der Restaurierung des deutschen Selbstbewusstseins, weil der gegenwärtige Lehrplan an den Schulen nichts weiter als diese undeutsche, unsägliche Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus beinhalte. Diese geschichtsrevisionistische Aussage findet unüberhörbare Zustimmung im Saal. Die Jungen Alternativen finden an diesem Aufruf zum Geschichtsrevisionismus nichts Verwerfliches – und sie beweisen damit eindrucksvoll, dass „unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte (gemeint ist die nichtnationalsozialistische Geschichte Deutschlands)“ anscheinend zu häufig „in Berührung“ gekommen sind – oder aber auch einfach zu schlecht in der Geschichte des internationalen Faschismus und den fatalen Folgen unterrichtet wurden.

Nach Höcke „lähme“ die ganze bisherige „dämliche Bewältigungspolitik“ – sprich die gesamte historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die damit einhergehende Erinnerung an die gesellschaftlich organisierte Massenvernichtung von Juden, Kommunisten, politischen Gegnern, Schwulen etc. – das Volk für zukünftig bevorstehende Aufgaben wie: Deutschland zu retten. Durch das akademische wie gesellschaftliche Erinnern der Opfer der Geschichte würde „unsere einst hoch geschätzte Kultur“ verkommen und sich den jetzigen Generationen deshalb als nicht schützenswert präsentieren. Das Volk aber dürfe sich nicht derart mit seiner Geschichte selbst kasteien. Es solle sich deshalb nicht mehr auf die (von Alliierten eingeredeten) Schandflecke konzentrieren. Es wurde dadurch inzwischen, so Höckes Argument, genug von den alliierten Siegermächten unterdrückt und damit auch seiner historisch stets so aufrechten Identität beraubt, die es zu großen historischen Taten bewogen hätte. Nun aber sei die deutsche Kultur durch die Herrschaft der Alliierten unlängst amerikanisiert und drohe deswegen in einer „multikulturellen Beliebigkeit“ unterzugehen. In der gegenwärtigen deutschen „Geistesverfassung“ finde sich die Unterdrückung der wahren Volksidentität wieder, der deutsche „Gemütszustand“ sei nämlich „immer noch der eines total besiegten Volkes.“ So sei das Volk durch die jahrelange Herrschaft der Alliierten als Volk unterdrückt worden. Man hätte die Volksidentität der Deutschen nach Höcke versucht so gut es geht zu verbannen. Durch den angeblich perfiden Plan der Alliierten, die deutsche Kultur und Identität kleinzuhalten, sei auch „unsere einst geachtete Armee (!) zu einer durchgegenderten, multikulturalisierten Eingreiftruppe im Dienste der USA verkommen.“ Dieser offensichtliche Antiamerikanismus trifft auf den in Höckes Rede schwelenden Antisemitismus. Anders jedoch als den Antiamerikanismus und völkischen Rassismus spricht er den historisch damit immer einhergehenden Antisemitismus nicht offen aus. Weil Höcke jedoch alles heterogen Zersetzende, als nichtidentisch mit der gesunden Volksseele ausgemachte Material vor dem Hintergrund der Bildung einer deutschen Volksidentität gnadenlos angreift, muss der Antisemitismus aber auch gar nicht offen angesprochen werden, um unterschwellig nebenherzulaufen.

Im deutschen Volk habe sich durch die erzwungene Selbstkasteiung durch die fremden, alliierten Mächte die eingeredete Schandhaftigkeit der deutschen Kultur internalisiert. Deswegen habe man sich sogar selbst ein „Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gebaut“. Das deutsche Volk könne, wenn es denn dergleichen an seiner Erinnerungskultur festhielte, nicht erwachen – durch das an die Schande erinnernde Denkmal werde die eigene Geschichte und damit die Identifikation mit dem Volk für Deutsche immer weiter bildhaft mies und lächerlich gemacht. Die Geschichte des Nationalsozialismus sei aber nicht der Rede wert. Nach Höcke könne die lange und glorreiche Geschichte des deutschen Volks die zwölf Jahre Nationalsozialismus mehr als kompensieren.

Um die identische Reinheit des deutschen Volkes mit sich selbst und seiner nach Höcke großartigen Geschichte wieder herzustellen, brauche es endlich eine erwachende breite völkische Identität der Deutschen, ein völkisches Selbstbewusstsein, das die historische Wahrhaftigkeit des deutschen Volkes restituieren könne. Das ist nichts anderes als die explizite, affirmative Forderung nach einem völkischen Rassismus. Nur durch dieses identitätsstiftende Selbstbewusstsein als Volk, als eines ohne selbstkasteiende Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus, könne sich „unser liebes Volk“ auch gegen die gegenwärtige Gefahr der immer weiter voranschreitenden Verkümmerung des deutschen Volkes, der deutschen Rasse, erwehren. Hier wird Höckes Rassismus also auch klassisch biologisch, Volk wird schon wie bei den Nationalsozialisten mit Rasse identifiziert. Eine weitere Ursache für einen gegenwärtigen und auch zukünftigen sukzessiven Identitätsverlust des deutschen Volkes ist für Höcke schnell ausgemacht: die „Masseneinwanderung“ und der Geburtenrückgang, der Deutschland „seine Bewohner“ verlieren ließe. Dass Deutschland seine Bewohner verliere, spielt dabei weniger auf den tatsächlichen statistischen Bevölkerungsrückgang, sondern weit eher auf den biologischen Verlust von tatsächlich deutscher Erbmasse an. Durch die Masseneinwanderung von Nichtdeutschen, Nichtvolksdeutschen, werde das autochthone, alteingesessene deutsche Volk nach Höcke „in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht“. Das also, was die Alliierten mit der Unterdrückung der deutschen Kultur und Identität nicht ganz geschafft hätten, drohe heute also um so mehr, weil biologisch durch eine Eliminierung durch ‚Vermischung’: Die Vernichtung des deutschen Volks. Die deutsche Identität, die deutsche Rasse, gehe für Höcke durch diesen politisch hemmungslosen „Import fremder Völkerschaften“ und der daraus resultierenden kulturellen und ergo rassischen Diversität immer mehr verloren. Mit der Volksidentität verschwänden dann bald auch endgültig die so hochgelobten „preußischen Tugenden“ – und damit auch ein wesentlicher Teil des identifizierbaren Selbstbewusstseins als deutsches Volk. Diese deutlich völkisch-rassistischen Töne des AfD-Funktionärs lassen sich nicht grundlos mit den Reden von früheren Antisemiten und Nationalsozialisten und ihrer Anklage der ‚Verjudung’ der Völker und der Volksgeister vergleichen. Auch die Nazis appellierten damals ähnlich wie Höcke, und leider auch sehr erfolgreich, an des Selbstbewusstsein des deutschen Volkes und seine große und glorreiche Geschichte, die durch den ‚Schandvertrag von Versailles’ und die Verjudung der deutschen Gesellschaft als bürgerliche Gesellschaft unterdrückt werde.

Höcke formuliert auch eine ganz klare Vorstellung davon, welche Menschen es denn Wert seien, in den noch gesunden deutschen Volkskörper zu gehören und welche für das selbstbewusste Volkserwachen nicht zu gebrauchen sind. PEGIDA-Gegendemonstranten beispielsweise sind es nicht. Jene sind für ihn lediglich eine „wilde Horde“ von Antifaschisten (was viel über das Bild Höckes der PEGIDA-Bewegung aussagt, die damit selbstentlarvend der Logik nach als eine faschistische Bewegung bezeichnet wird): „kreischende, verhetzte, von induziertem Irresein gekennzeichneten jugendliche Wirrköpfe.“ Antifaschisten, das sind für Höcke Menschen, denen es durch den gesellschaftlichen Mainstream also schon längst das Gehirn zersetzt habe und die deshalb als heterogene Masse die letzten Reste an gesundem Volkskörper auch nicht erwecken werden. Die, die das einzig leisten können sind für Höcke deutsche Patrioten, die bei solchen völkischen Bewegungen wie PEGIDA mitmarschieren. Patrioten sind für ihn generell aber gute und aufrechte Volksdeutsche – ganz so wie auch die ihm in großer Zahl in Dresden zujubelnden Anhänger der AfD, die dafür von ihm mit dem Prädikat von aufrechten deutschen Patrioten ausgezeichnet werden. Einzig die Patrioten würden als besonders weitsichtige und gesellschaftlich unverdorbene Bürger noch eine „inhaltliche Fundamentalopposition“ als Einheit gegen alle Versuche der inneren und äußeren Zersetzung Deutschlands bilden können. Höcke redet deshalb auch nicht etwa gegen den bürgerlichen Staat Deutschland, sondern er greift explizit die gegenwärtige Bundesrepublik an, die er politisch vom richtigen Deutschland und der richtigen Politik für Deutschland gerne getrennt sehen würde. Sein idiosynkratischer Antikommunismus, der ihn schon alle Kritiker der PEGIDA als Antifaschisten sehen lässt, lässt ihn in allen Ecken und Funktionen Kommunisten als den größten inneren volkszersetzenden Feind am Werk sehen. Die gegenwärtigen Politiker der großen Volksparteien sind für ihn, in freier Anspielung auf die KPdSU-Funktionäre in der Sowjetunion, bloß „Apparatschiks“. Durch ihr lediglich selbstgerechtes Handeln würden diese Apparatschiks den bürgerlichen Staat und damit die Identität des Volkes über kurz oder lang abschaffen. Höcke plädiert deshalb an die (letzten, übriggebliebenen) deutschen Patrioten, dem endlich entgegenzuwirken und den deutschen „Staat am Leben zu erhalten und zu stützen“. Denn: „Ohne so einen neuen Patriotismus kann keine bürgerliche Gesellschaft (!) überleben.“ Nicht ohne Hintergedanken spielt er in seiner Rede auf den entsubjektivierenden und hochproblematischen Satz Kennedys an, dass man sich nicht etwa fragen solle, was das Land für einen selbst als Subjekt und sein Wohlergehen tun könne, sondern man sich besser fragen solle, was man selbst für sein Land und dessen Wohlergehen tun könne. Pointiert heißt dies, auch schon bei Kennedy: Dein Land bzw. Volk ist alles, als denkendes und fühlendes Subjekt bist du nichts.

Höcke spielt sich seine gesamte Rede lang als konservativer Verteidiger alter Traditionen und Werte des deutschen Volkes auf, die auch durch die moderne Ökonomie und die damit einhergehenden Phänomene immer weiter ins Hintertreffen geraten würden. Er kritisiert die moderne Ökonomie als undeutsche Wirtschaftsform, die unsere „schöne Heimat“ zu einer ökonomisch sinnlosen Spielwiese mit „hässliche(n) Bauten, Windräder(n) und eine(r) chaotische(n) Besiedlung verunstaltet“ habe. Seine Kapitalismuskritik ist dabei eine, die man aus rechten, antisemitischen Kreisen hinlänglich kennt. Die rechte Kapitalismuskritik kritisiert die Phänomene wesentlich ökonomischer Gesetze persönlich. Von ihr werden Personen als verantwortlich für ökonomische Veränderungen und gesellschaftliche Probleme denunziert, vornehmlich Juden, heute aber (auch als Chiffre) Banker, Manager, Politiker, Milliardäre etc. Oder aber es werden von der rechten Ökonomiekritik Zirkulations- und Produktionssphäre undialektisch voneinander getrennt, so dass der Finanzsektor als Teil der Zirkulationssphäre scheinbar nichts mehr mit der Produktionssphäre zu tun hat. Dialektik von Produktion und Zirkulation bedeutet in dem Fall: das eine kann ohne das andere gar nicht sein – oder pointiert: Ohne produktive Wertschöpfung hätte die Finanzwelt gar keinen Spekulationsgegenstände. Die Nazis sprachen im Zuge ihrer Ökonomiekritik immer vom guten, volksdeutschen und schaffenden Kapital, was gleichbedeutend mit der Produktionssphäre und einer handfesten Wertschöpfung war, und dem raffenden Kapital, dem nichtvolksdeutschen, zersetzenden, nur faul abgreifenden jüdischen Finanzkapital. Die wesentliche Systematik hinter den Erscheinungen der Zirkulationssphäre geht bei solch undialektischer, von den Nazis offen antisemitisch gewendeter Kritik verloren – und so mangelt es auch gleich solcher Kritik der Ökonomie an jeglicher Substanz. – Höcke kritisiert in seiner Rede nun exakt dergleichen Ökonomie und Politik. Er spricht von der gegenwärtigen „Entfesselung der Finanzmärkte“, was sogleich zur „Auflösung der Solidargemeinschaft“ geführt habe. Höcke meint damit die Resultate der sukzessiven Internationalisierung des Kapitalmarkts, die zuletzt noch einmal einen gewaltigen Schub, vor allem nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 und dem kapitalistisch werdenden China unter Deng Xiaoping, erlebt hat. Die gemeinhin mit Globalisierung umschriebene exzessive Kapitalisierung der Welt führe nach Höcke zur Auflösung der letzten Reste der heimeligen völkisch-deutschen Solidargemeinschaft. Der internationale Handel habe „zum neoliberalen Pluralismus“ der Gesellschaft geführt, der auch noch jede völkische Gemeinschaft durch die Vielfältigkeit der verschiedenen Lebensstile zerschlage. Höcke denunziert im Zuge seiner Kapitalismuskritik ebenfalls Personen, die für den ökonomischen Verfall der bürgerlichen Gesellschaft verantwortlich seien. Hervorgebracht worden sei diese ökonomische Phase der Internationalisierung des Markts demnach nicht durch die systematischen, ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus, sondern das Handeln bestimmter Politikertypen hätte diese ökonomische Phase der bürgerlichen Gesellschaft erst eingeleitet. Diese Politiker wollen sich nur noch selbst mittels ihrer Funktion bereichern, sie meinen es also „nicht gut mit ihrem Volk“ und würden deshalb einzig zu ihrem Vorteil arbeiten und mit ihrem Handeln den Reichtum des Volkes zersetzen. Die bürgerlichen Politiker seien deshalb nur bourgeoise Apparatschiks, die sich lieber aus ihrer egoistischen Haltung heraus volkszersetzenden Lobbyisten an den Hals schmeißen würden, anstatt als gute staatsbürgerliche Citoyen auf die Bedürfnisse auch des einfachen Volkes zu achten. Diese wirre Analyse von der Dialektik von Bourgeois und Citoyen wendet Höcke dann auch gegen seine eventuell gemäßigten innerparteilichen Gegner auf Bundesebene an, die in Anspielung auf einen der maßgeblichen Mitbegründer der AfD, den Euroskeptiker Bernd Lucke, von ihm „Luckisten“ genannt werden. Luckisten seien genau diejenigen bourgeoisen AfD-Vertreter, die auch nach Luckes Austritt noch dessen falsche Politik verfolgen würden und Luckes Arroganz gegenüber der einfachen Wahrheit aus egoistischer Bequemlichkeit vertreten würden. Sie wollen dabei nach Höcke bloß eins: zum politischen „Establishment“ gehören. Die bourgeoisen AfDler, die Höcke gerne loswerden möchte, fühlen sich „sehr wohl (…) bei den Frei-Fressen- und Frei-Saufen-Veranstaltungen der Lobbyisten.“

Der vermeintlich hemdsärmelige Kampf gegen die (auch innerparteiliche) vermeintliche Arroganz des politischen Establishments und der Bourgeoisie ist durchaus einer, der in den letzten Monaten weltweit für politisch sehr unruhige Zeiten gesorgt hat. Höcke möchte auf den antibourgeoisen Zug der rechtspopulistischen Anti-Establishment-Bewegungen aufspringen. Politisch stand die AfD mit ihrer kleinbürgerlichen Politik des Wir gegen die da Oben schon längst mit den Brexitbefürwortern, Donald Trump, Marine LePen, Viktor Orbán, Movimento 5 Stelle, Geert Wilders, Pauline Hanson etc. auf einer politischen Stufe. Endlich sollte der kleine Mann seine Stimme gegen die große Politik bekommen, die mit ihm nur immer nur verfahren habe und ihn deshalb schon viel zu lange habe paralysiert zurückgelassen.

Um die Stimmen der inzwischen großen Zahl an ökonomisch Abgehängten möglichst unter der AfD zu vereinen und den depravierten Staatsbürgern dabei eine völkische Identität als Deutsche anzubieten, geht Höcke auch gerade in Dresden in die Vollen. Am Ende seiner Rede bietet sich ihm dafür die viel diskutierte Dresdner Stadtgeschichte des Zweiten Weltkriegs an. Auch abseits des Mainstreams wurden wiederholt kontroverse Diskussionen über die Flächenbombardements der Alliierten bei ihren Luftangriffen auf die Stadt, vor allem in akademischen Debatten, geführt. Wissenschaftlich konnte in den akademischen, faktenzentrierten Auseinandersetzungen unlängst bewiesen werden, dass es die berüchtigten, von der oral history bei ihren Untersuchungen mit Zeitzeugen hervorgebrachten, Tiefflieger nicht gab und auch Phosphorbomben in Dresden (anders als zu Beginn der Luftschläge gegen Nazideutschland in Hamburg beispielsweise) nicht eingesetzt wurden. Es ließ sich zweifelsfrei nachweisen, dass sich die interviewten Zeitzeugen irren und sich ihre Erzählungen subjektivistisch von der wissenschaftlich nachweisbaren Objektivität unterscheiden.

Das Flächenbombardement Dresdens kann auch nicht, wie Höcke behauptet, als ein „Kriegsverbrechen“ eingestuft werden. Dresden war zum einen eine kriegswichtige Stadt, weil infrastrukturell wichtig für die Versorgung der Wehrmachtstruppen an der so kriegswichtigen Ostfront, und zum anderen gab es zum Zeitpunkt der Bombardements ohnehin noch nicht einmal ein Luftkriegsrecht, auf das sich juristisch hätte bezogen werden können. Insofern sind die in Dresden gemachten Aussagen des AfD-Funktionärs Höcke historisch gänzlich unhaltbar. Nach Höcke fehlte es, daran anschließend, in Dresden an einer bedeutsamen „militärischen Infrastruktur“. Mit seiner ignoranten Kontrafaktizität knüpft Höcke nahtlos an die Nazi-Propaganda des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unter Goebbels an, das bereits wenige Tage nach den Angriffen im Februar 1945 Dresdens Bombardierung als lange geplanten Massenmord an den Deutschen sowie als lange geplante Vernichtung der deutschen Kulturhauptstadt darstellte. Der Geschichtslehrer Höcke verschweigt hier also absichtlich, wie wichtig Dresden für die Versorgung der an der Ostfront stationierten Wehrmachtstruppen war und stilisiert den Angriff auf Dresden zu einem Verbrechen, dass es als solches nicht einmal hätte geben können, weil es noch gar keinen Kläger gab.

Mit der Stilisierung der Deutschen als Opfer und der Propaganda Goebbels im Gepäck möchte Höcke deshalb in Dresden einzig seine Suche nach der Volksidentität weiterführen. Denn mit der Bombardierung wollten die Alliierten nach Höcke nichts weiter als den Deutschen ihre „kollektive Identität rauben“. Das deutsche Volk wollten die Alliierten „mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden“. Damit schließt Höcke an den klassisch deutschen Opfermythos an, der über die Verkehrung der Täter-Opfer-Frage historisch Geschehenes zu relativieren versucht. Neben der erdichteten Täter-Opfer-Verkehrung spielt Höcke zudem nicht ohne Hintergedanken auch noch auf die Identifizierung des deutschen Volkes mit Natürlichem, Ursprünglichem an. Zum einen soll durch diesen Ursprungsmythos von der Natürlichkeit der Volksidentitäten überhaupt gegen jede politische Setzung von Grenzen und damit Nationen stark gemacht werden, zum anderen aber soll vor allem die tiefgreifende Natürlichkeit der Identifikation der Deutschen mit ihren Wurzeln dargestellt werden. Niemand soll ein schlechtes Gewissen bekommen und es auch nur zu denken wagen, er sei ein gesellschaftlicher Rechtsaußen, wenn er stolz auf eine solch große und glorreiche deutsche Kultur blickt und dabei alles nichtidentisch Nichtdeutsche und das Deutsche zersetzende offen als unerwünscht denunziert. Diese von Höcke komponierte Identität mit der deutschen Geschichte als Normalität soll dabei sogar noch zurückgehen bis in eine Zeit, in der der bürgerliche Staat Deutschland, der erst 1871 konstituiert wurde, noch gar nicht existierte. Der Ursprungsmythos ist insofern ein Geschichtsmythos, den der Geschichtslehrer Höcke ganz bewusst dafür wählt, seine „Vision“ von der selbstbewusst völkischen Identität dem AfD-Publikum näher zu bringen. Oder anders ausgedrückt: um seinen Rassismus über die scheinbar harmlose Suche nach dem völkischen Selbstbewusstsein salonfähig zu machen: „Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden, wenn wir uns wieder selbst entdecken. Wir müssen wieder wir selbst werden.“

Dass es ihm im Dresdner Ballhaus Watzke angesichts der jubelnden Zuhörer gelungen ist, seine völkische Vision vom (wiedererwachenden) selbstbewussten Deutschsein zu platzieren, kann deshalb nicht einfach darüber hinwegtäuschen, dass der offene Rassismus in der AfD nicht alleine mit der Personalie Höcke verbunden ist und bleiben kann. Die Wurzeln des völkisch begründeten Rassismus sind in der AfD offensichtlich und in Dresden unüberhörbar salonfähig. Um diese faschistischen Wurzeln zu kappen nützt auch keine ehrliche oder nichtehrlich gemeinte Kritik von AfDlern an Höcke. Auch ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn würde nicht mehr das ändern, was sich längst zum breiten Konsens in der Partei entwickelt hat. Was gegen den Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus in der AfD hilft, ist allein die offensive Kritik der Partei und die offene Zurschaustellung ihrer wahren, ungeschminkten Positionen. Denn vieles, was Höcke in Dresden sagte, lässt sich auch, zwar in weit weniger völkischen Tönen, im Grundsatzprogramm der AfD wiederfinden. Nach der Dresdner Rede Höckes lässt sich vermuten, dass das Grundsatzprogramm der Partei einige Dinge eher verschweigt. Mit allem anderen als einer substantiellen Kritik ihrer Positionen würde man deshalb die Gefahr nur verschleiern, die von der Partei ausgeht und die AfD ihren Propagandafeldzug ungehindert fortführen lassen.